Africa Festival

aktualisiert: 27.05.2011 18:41 Uhr
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Das große Verschleppen
Geschichte
Der Schwerpunkt des Würzburger Africa Festivals ist in diesem Jahr die Karibik. Wer nach dem Grund fragt, stößt auf das Schicksal von Millionen schwarzer Sklaven.
Es ging ziemlich schnell. Nach einigen Expeditionen entlang der westafrikanischen Küste waren die Portugiesen 1444 im Senegal gelandet. Im selben Jahr noch brachten sie 235 Sklaven in die europäische Heimat. Mit den Mächtigen der Küstengebiete schlossen sie bald Abkommen, der Handel mit Sklaven und Gold begann. Papst Nikolaus V. hatte es den portugiesischen Herrschern 1455 in seiner Bulle „Romanus Pontifex“ ja erlaubt: Die Portugiesen bekamen Länder, Häfen, Inseln und Meere Afrikas zugesprochen – und das Recht, die „Ungläubigen zu Sklaven zu machen“.
1482 dann gelangte der Portugiese Diego Cao als erster Europäer zur Mündung des Kongo. Zehn Jahre später „entdeckte“ Christoph Kolumbus die Karibik. Und wieder ging es schnell: Schon ein weiteres Jahrzehnt nach Kolumbus, 1503, landete das erste Schiff mit afrikanischen Sklaven auf der Karibikinsel Hispaniola. Der Edelmann und Dominikanermönch Bartolomé de Las Casas hatte den Vorschlag gemacht – weil er die Ausbeutung der einheimischen indianischen Bevölkerung verurteilte. Und glaubte, Afrikaner seien besser für die Arbeit in den Gold- und Silberbergwerken geeignet. Die Millionen Afrikaner, die in den folgenden Jahren und Jahrhunderten aus ihrer Heimat in die Karibik verschifft und versklavt wurden, sollten die Kultur, die Musik, die Weltanschauung, die Gesellschaft der Inseln vor dem amerikanischen Festland auf entscheidende Weise prägen.
Waren es elf Millionen verschleppte Afrikaner, wie der amerikanische Historiker Philip Curtin 1969 schrieb? Über zwölf Millionen, wie Auswertungen von Schiffsdokumenten, Steuerlisten und Reiseberichten nahelegen? Wie viele müssen es erst gewesen sein, wenn man die illegalen Sklaventransporte dazurechnet? Ab 1518 schon brachten die europäischen Händler regelmäßig Gefangene aus Afrika über den Atlantik in die „neue Welt“. Die Portugiesen hatten zunächst das Monopol für den Menschenhandel. Bald stiegen die Engländer, die Jamaika besetzt hatten, und die Franzosen in das Geschäft ein.
Denn ein einträgliches war es: Europäische Schiffe brachten Stoffe, Glasschmuck, Werkzeug, Waffen und Branntwein nach Afrika. Im Kongo und in der „Beninbucht“, dem heutigen Benin und Nigeria, wurden die Waren gegen Sklaven getauscht. In der zweiten Etappe des Dreieckshandels brachte man die Gefangenen nach Amerika, wo man sie verkaufte. Zurück nach Europa fuhren die Schiffe mit den Rohstoffen und Landesprodukten aus der Karibik. Tabak, Baumwolle, ab dem 17. Jahrhundert dann vor allem Zuckerrohr. Der süße Stoff war begehrt in Europa, wo man nur Honig hatte. So baute man das Zuckerrohr in der Karibik bald in Monokulturen auf riesigen Plantagen an – der Bedarf an Arbeitskräften stieg weiter. Mitte des 17. Jahrhunderts war der Sklavenhandel – so der Marineminister des französischen Königs Ludwig XIV. – das mit Abstand lukrativste Geschäft geworden.
Das „Handelsgut“? Vor allem Männer zwischen 15 und 30 Jahren. Für viele war schon die „Middle-Passage“, die Fahrt über den Atlantik, tödlich. Enge, Krankheiten, schlechte Ernährung – zehn bis 20 Prozent der Afrikaner müssen unterwegs gestorben sein, schätzen die Historiker heute. „Die Geschlossenheit des Stauraums, die Hitze des Klimas, dazu die Menge Menschen, die so dicht zusammengepfropft waren, dass man sich kaum umdrehen konnte, all das ließ uns beinahe ersticken“, schilderte es der Nigerianer Olaudah Equiano in seiner „Merkwürdigen Lebensgeschichte“, die er anno 1789 veröffentlichte. „Diese elende Lage wurde noch verschlimmert durch den Druck der schmerzenden Ketten, die nun unerträglich wurden, und durch die Verstopfungen der Notdurftkübel, in die die Kinder oft fielen (. . .) Das Schreien der Frauen und das Ächzen der Sterbenden machte das Ganze zu einer Szene des unvorstellbaren Grauens.“
Ende des 18. Jahrhunderts lebten auf den englischen und französischen Karibikinseln rund eine Million schwarzer Sklaven – eine Zahl, die nicht annähernd die Zahl derer wiedergibt, die aus Afrika verschleppt wurden. Wurde ein Sklave auf eine Zuckerplantage verkauft, hatte er durchschnittlich noch eine Lebenserwartung von zehn Jahren. Jeder Fünfte starb schon im ersten Jahr nach der Ankunft in der „neuen „Welt“ – an Mangelernährung, an Krankheiten, an brutaler Fronarbeit. Die Sterblichkeit unter den Sklaven in den Kolonien war so hoch, dass selbst die im 18. Jahrhundert immer häufigeren „Einfuhren“ die Bevölkerung nicht anwachsen ließen.
Und Westafrika? Dünnte aus. Schon 1526 hatte der kongolesische König Affonso I. in einem Schreiben an seinen portugiesischen „Amtsbruder“ Joao III. beklagt, dass die Händler „Tag für Tag“ Leute aus seinem Volk „schnappen und entführen“. „Diese Verderbnis und Schlechtigkeit ist so verbreitet, dass unser Land völlig entvölkert wird“, schrieb der Herrscher des Kongo nach Lissabon. Die Antwort Joaos: „Die Portugiesen (. . .) berichten mir, der Kongo sei riesig und so dicht bevölkert, dass man den Eindruck habe, nicht ein einziger Sklave habe die Region verlassen.“ Dass die europäischen Mächte den schwarzen Kontinent später während der Zeit des Imperialismus so relativ leicht durchdringen und unter sich aufteilen konnten – es war auch die Folge des Sklavenhandels, der die afrikanischen Gesellschaften über Jahrhunderte geschwächt hatte.
Was war ein Sklave um 1700 wert? So viel wie 200 Pfund Schießpulver oder 25 Gewehre. Oder 40 Liter Brandy. In den französischen Kolonien war 1685 der Code Noir in Kraft getreten, eine Gesetzessammlung, die den Sklaven als bewegliches Gut definierte – und auch zu dessen Schutz gedacht war. Eigenhändiges Foltern und Verstümmeln der Sklaven wurde den Besitzern untersagt – Strafen behielt sich die offizielle Gerichtsbarkeit vor. Beim ersten Fluchtversuch wurden dem Sklaven die Ohren abgeschnitten, beim zweiten die Kniekehlen durchtrennt. Auf den dritten Fluchtversuch stand die Todesstrafe.
Aktualisierungen des Code Noir schränkten vor allem im 18. Jahrhundert die Rechte der „freien Farbigen“, der Mulatten oder freigelassenen Sklaven, mehr und mehr ein. Schließlich war es ihnen untersagt, die gleichen Namen oder Kleidung wie die Weißen zu tragen, sie mit „Herr“ oder „Frau“ anzureden war ab 1781 verboten. Das Ziel der Diskriminierung? Nie sollten Sklaven und ehemalige Sklaven auf den Gedanken kommen, gleiche Rechte zu verlangen. Hilliard d'Auberteuil, Verwaltungsbeamter in Saint-Domingue, dem westlichen Hispaniola, schrieb 1776, die Sicherheit der Plantagenbesitzer erfordere es, „dass wir die schwarze Rasse mit solcher Verachtung überhäufen, dass, wer auch immer von ihr abstammt, bis in die sechste Generation mit einem unauslöschlichen Makel behaftet ist“.
Doch 1789 drang der Ruf nach Gleichheit und Freiheit aus Paris über den Atlantik – und löste im französischen Teil Hispaniolas eine Revolte unter den Sklaven aus.
Zwölf Jahre sollte ihr Freiheitskampf dauern. Auch Napoleon, eingeschworener Gegner der Sklavenemanzipation, scheiterte bei dem Versuch, mit einer 22 000 Mann starken Flotte die „Ordnung“ und Sklaverei wieder herzustellen. 1803 kapitulierte die französische Armee, am 1. Januar rief Jacques Dessalines, der General der Aufständischen auf Hispaniola die Unabhängigkeit der Kolonie aus. Die Insel erhielt nun wieder den Namen, den ihr die indischen Ureinwohner einst gegeben hatten: Haiti. Eine Woge von Sklavenaufständen überzog die Karibik in der Folge. Die Inselherren unterdrückten und ahndeten sie mit brutaler Gewalt.
Doch der Sieg der Unterdrückten auf Haiti hatte all jene widerlegt, die behauptet hatten, die Schwarzen fühlten sich als Sklaven wohl. Drei Jahre nach der Unabhängigkeit Haitis wurde in den englischen Kolonien der Sklavenhandel verboten, 1815 dann international. Portugal, Spanien und Frankreich unterstützten den jetzt illegalen Handel indes noch mehr oder weniger offen weiter – bis auch die Sklavenhaltung abgeschafft wurde.
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