Als „der Tiger“ wird er angekündigt. Denn Gentleman ist nach den chinesischen Tierkreiszeichen im Jahr des Tigers geboren, 1974, als Tilmann Otto. Im runden Zirkuszelt auf den Würzburger Mainwiesen wird er den der Wildkatze zugeschriebenen Eigenschaften durchaus gerecht. Führungsstärke wird ihr unter anderem zugeschrieben. Gentleman präsentiert sie wie ein Hexenmeister, der seine Lehrlinge um sich schart. Ein Fingerzeig von ihm genügt, und die Menge folgt ihm mit Begeisterung, jubelt, tobt, schreit. Mit Gentlemen endet das 23. Würzburger Africa Festival furios, bombastisch und extrem laut.
Wie es sich für ein Reggaekonzert gehört, wummern die Bassläufe, dass der Brustkorb zu bersten droht. Zum Ritual gehört auch das Intro der Band, die bei Gentlemen „Evolution“ heißt und aus exzellenten Musikern besteht; ebenso, dass der Sänger erst mal aus dem Off zu hören ist. Typisch für Deutschlands bekanntesten Reggaemusiker ist zudem, dass die Backgroundsängerinnen das Konzert eröffnen: Tamika, seine Frau, und Mamadee. Dann, eher unscheinbar in Cordhose und T-Shirt, aber mit der obligatorischen Kopfbedeckung, diesmal ein Twilby-Hut, taucht der Star des Abends auf, steht fortan keine Sekunde mehr still – nur, wenn er kurze Botschaften sprechend statt singend verkündet. Dann lässt er mit einem Handstreich die Musik herunterfahren. Von der ersten Sekunde an brodelt es wie in einem Hexenkessel, recken sich dem Sänger Arme entgegen, sieht es aus, als ob die zuckenden, hüpfenden, tanzenden Körper sich zu einem riesigen Schwarm vereinen – der allerdings wird nicht von einer unbekannten Macht gesteuert, sondern von Gentleman, dem die Ehre gebührt, in Jamaika, dem Ursprungsland des Reggae, nicht nur be-, sondern auch anerkannt zu sein.
„Diversity“ heißt sein aktuelles Album. Diese Vielfalt zeigt sich in seinen Liedern. Nicht allein Roots-Reggae ist zu hören. Mit Dancehall und passender Lichtshow lässt er die Bühne explodieren, bei sanften Balladen mit wunderschönen Melodien beruhigt sich alles, flammen Feuerzeuge auf. Natürlich ist auch Altbekanntes zu hören. Bei „Intoxication“ wird das Publikum zum Chor, ebenso bei „Superior“. Bei „Jah ina yuh life“ krachen die harten Beats wie Donnerschläge. Zu den Gästen gehört Jahcoustix, dessen „Crossroads“ er mit Gentleman gemeinsam singt. Auch Nkulee Dube kommt für ein Lied auf die Bühne. Sie ist die Tochter der vor vier Jahren auf offener Straße in Johannisburg erschossenen Reggae-Legende Lucky Dube. Sie tourt gerade durch Europa, stellt ihr Debütalbum „My Way“ vor. In Würzburg bestreitet sie den ersten Teil des Konzertabends. „Ihr Weg“ bedeutet eine Abkopplung von Übervater Lucky, mit dem sie oft auf der Bühne stand, gleichzeitig aber auch eine Erinnerung und Verbeugung.
Nkulee sei die Prinzessin ihres Vaters gewesen, erzählt sie. Und wie eine moderne Variation steht sie auf der Bühne, im raffiniert gerüscht-gerafften und goldfarben glänzenden Kleid, beeindruckt mit ihrem Temperament und ihrer vollen Stimme. Als Ethno-Ragga mit Jazz und Soul wird ihre Musikrichtung beschrieben. Sie ist vor allem sehr afrikanisch und geht in die Beine. Wie, das machen Nkulee und ihre drei Sängerinnen vor. Auch im Publikum finden sich begeisterte Tänzer. Nkulee holt einen bärtigen Herren auf die Bühne, nennt ihn „meinen Bruder“, wiegt mit ihm die Hüften und lacht.
ONLINE-TIPP
Viele Bilder von den Konzerten beim Africa Festival und von den Besuchern im Internet unter: www.mainpost.de/africa-festival