Helfen hilft weiter

Aktion Patenkind: Helfen ist eine tolle Sache. Weil man so oft beobachten kann, dass mit ein bisschen Unterstützung Menschen ihr Leben wieder selbst in die Hand nehmen.

Oliver strengt sich an. Mit beiden Hände zieht sich der Einjährige an dem Holztisch im Wohnzimmer hoch. Geschafft, er steht! Oliver strahlt seine Eltern an. Die beiden haben der ganzen Aktion vom Sofa aus zugeschaut und freuen sich natürlich mit. Eine ganz normale Familie. Gut, Carolin und Tom (Namen von der Redaktion geändert) sind mit 19 und 22 Jahren vielleicht noch ein bisschen jung für Kinder. Aber das sind andere auch. „Unser Ziel ist es, irgendwann mal ganz alleine klarzukommen“, sagen Carolin und Tom.

Mit „ganz alleine“ meinen die beiden: ohne Unterstützung von Ämtern und gemeinnützigen Organisationen. „Ganz allein“ heißt: sich ohne Hartz IV Essen und Kleidung kaufen zu können, mal mit dem selbst verdienten Geld einen Ausflug mit dem eineinhalbjährigen Oliver zu machen, einfach einzukaufen, ohne ständig zu rechnen.

Im Moment geht das alles noch nicht. Ihre Gegenwart sieht anders aus. Kleidung oder Kosmetik kauft sich Carolin ganz selten. Im Kino waren die zwei seit über einem Jahr nicht mehr. Manchmal haben sie gespart und sich dann Pizza bestellt. An das Sparen hat sich die 19-Jährige gewöhnt. Aber ab und zu ist es schon hart. Gerade wenn es um Oliver geht. „Manchmal sehe ich in der Stadt was ganz Schönes zum Spielen für ihn. Aber ich kann ihm halt nicht oft was kaufen.“

Das Leben in Würzburg und in Bayern ist für die drei noch neu. Erst seit einigen Wochen sind sie in der kleinen Wohnung. Die Aussicht auf eine Ausbildung für Tom hat sie hierher gebracht. Vorher hat er gejobbt. Aber er will einen richtigen Beruf. Carolin ist erst mal zu Hause, Oliver ist noch zu klein. Sie bekommt Hartz IV und für ihren kleinen Sohn Unterstützung vom Jugendamt. Und um Weihnachten herum erwartet das Paar bereits das nächste Kind. Carolin lächelt, wenn sie davon erzählt. Sie freut sich.

Oliver freut sich gerade nicht. Er quengelt. „Wickelst du ihn mal?“, bittet sie Tom. Der schnappt sich seinen Sohn und verpasst ihm eine frische Windel. Oliver findet das lustig, Vater und Sohn lachen lauthals. Eine neue Stadt, eine neue Wohnung, eine neue Ausbildung: „Im Moment ist das alles nicht so einfach“, sagt Tom. „Alles ist so neu, man muss so viel beachten. Das setzt uns manchmal unter Druck.“ Eine Familie, die sie finanziell unterstützt, beim Einrichten hilft oder sie ab und zu mal besucht, haben die beiden nicht. „Das ist in Ordnung so für uns”, sagt Carolin. Sie erzählt von den Streitereien in der Vergangenheit und dass ihre Mutter mit Tom nicht einverstanden war. „Wir sind ganz froh, dass wir hier unsere Ruhe haben.“

Neue Freunde haben die beiden noch nicht gefunden. Aber sie haben Hans Madinger kennengelernt. Der Sozialpädagoge ist bei der Stadt angestellt und Geschäftsführer der Aktiven Hilfe Würzburg. Seit 1999 gibt es die Aktive Hilfe mit ihren finanziellen und sozialen Beratungen in der Zellerau. Finanziert wird sie über Spenden und eine eigene kleine Firma, die zum Beispiel Wohnungsrenovierungen übernimmt. Wichtigstes Projekt ist das Möbellager in der Wredestraße 21. Hier können sich Menschen, die kein Geld für neue Sachen haben, gespendete Betten, Küchen, Tische, Sofas und Regale abholen. Menschen wie Carolin und Tom. „Ohne die Aktive Hilfe hätten wir keinen Herd, keinen Teppich und nur ganz wenig Möbel“, sagt Tom. „Wir selber hätten uns das alles gar nicht leisten können“, ergänzt Carolin.

„Junge Leute in einer Startsituation so wie diese beiden brauchen Unterstützung, das ist etwas ganz Normales.“Als Sozialarbeiter hat er es jeden Tag mit Menschen zu tun, die Unterstützung brauchen. „Es ist so schön, wenn man merkt, dass die Hilfe auf fruchtbaren Boden fällt. Das ist auch für mich eine Motivation.“ Deshalb hätte es Madinger eigentlich gerne, wenn viel mehr Menschen mitbekommen würden, was aus ihren Geld- oder Möbelspenden wird. Wenn sie sehen könnten, dass durch ihr Engagement Menschen die Chance auf ein selbstständiges, erfolgreiches Leben bekommen. Sich um andere kümmern, sie in einer momentanen problematischen Situation nicht alleinlassen, macht viel Sinn. Denn nicht selten kann genau dieses Kümmern der Anschub, die Motivation sein, die Menschen weiterbringt.

Natürlich lösen die gebrauchten Möbel nicht alle Probleme, die auf Carolin und Tom in den nächsten Monaten zukommen. Die beiden werden weiter Unterstützung brauchen, sie werden weiter bei jeder Geldausgabe genau überlegen, ob sie wirklich nötig ist. Und sie werden weiter Angst haben, dass die Waschmaschine oder ein anderes elektrisches Gerät kaputtgeht. Neidisch auf andere mit mehr Geld ist Carolin nicht. „Wenn ich im Fernsehen sehe, was es für tolle Sachen gibt, reizt mich das schon mal. Aber dann denke ich mir: Hauptsache wir haben etwas zu essen und sind ordentlich angezogen.“

Illusionen machen sich die beiden nicht. „Es wird sicher noch lange anstrengend für uns bleiben. Die Angst, dass was schiefgeht, ist immer da.“ Aber sie haben auch Hoffnung: dass mit Toms Ausbildung alles klappt. Dass Carolin den Realschulabschluss nachmachen kann. Dass irgendwann mal beide arbeiten. Aber am wichtigsten ist für die zwei, dass mit den Kindern alles klappt. Dass Oliver gesund bleibt und auch mit dem neuen Baby alles okay ist. Madinger jedenfalls ist optimistisch: „Bei euch geht es aufwärts, ihr habt Ziele!“

Rückblick

  1. Aktion Patenkind betreut Menschen mit den unterschiedlichsten Problemen
  2. Aktion Patenkind: Spendable Leser helfen
  3. Gebeugt von Schicksalsschlägen
  4. Standpunkt: Was heißt da „helfen“?
  5. Das Büro ist wieder besetzt
  6. Melden Sie sich, wir machen dann das Foto
  7. Der Kampf gegen die Armutsspirale
  8. Wenn eine Tafel Schokolade Luxus ist
  9. Von Narben gezeichnet
  10. Menschen in Not die Hand reichen
  11. Standpunkt: Helfen als Mode?
  12. Wir kommen gern, wenn Sie uns rufen
  13. Start der Aktion Patenkind
  14. Gemeinde Rödelsee zeigt Herz
  15. Bernd K. und sein mühsamer Weg aus der Depression
  16. 500 Euro für die Aktion Patenkind
  17. Schicksalsschläge hörten nicht auf
  18. Beim Feiern an Menschen in Not denken
  19. Bibi und die Weihnachtsspende
  20. Erst backen, dann spenden
  21. Patenkind intern: Über den Tag hinaus
  22. 305 000 Euro für die Patenkinder
  23. Ein Renault für den guten Zweck
  24. Aktion Patenkind: Kein Geld für das Töchterchen
  25. Das Spenden-Label hilft
  26. Aktion Patenkind bittet wieder um Spenden für Menschen
  27. Sie rufen an, wir kommen
  28. Eine Familie in großen Nöten
  29. Aktion Patenkind: Spendendaten
  30. Aktion Patenkind: Hilfsaktion geht weiter
  31. Leben in einer schimmeligen Baustelle
  32. Aktion Patenkind: Hilfsaktion geht weiter
  33. Aktion Patenkind: Ohne die Leser läuft nichts
  34. Damit Viktor es eines Tages besser hat
  35. „Wie eine Kerze, die an beiden Enden brennt“
  36. Das Geld reicht nicht für Kinderspielzeug
  37. Aktion Patenkind: Andere nicht alleine lassen
  38. Aktion Patenkind: „Ich spende aus Überzeugung“
  39. Aktion Patenkind: Gutes tun mit der Turbo-Party
  40. Aktion Patenkind: Wir wollen ohne Umwege spenden
  41. Aktion Patenkind: Wir wollen ohne Umwege spenden
  42. Aktion Patenkind: Wir wollen ohne Umwege spenden
  43. Helfen hilft weiter
  44. Thema intern: Vom Geben und Nehmen
  45. Das Büro ist wieder besetzt
  46. Kontakt
  47. Helfen hilft weiter
  48. Das Büro ist wieder besetzt
  49. Thema intern: Vom Geben und Nehmen
  50. Wenn man keine Hoffnung hat

Themen

  • Patenkind
Lädt

Zu „Meine Themen“ hinzufügen

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen
Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte zu sehen.

Kommentar schreiben

Um einen Kommentar zu schreiben melden Sie sich bitte vorher an.



Sie sind noch kein Mitglied auf mainpost.de? Dann jetzt gleich hier registrieren.