WÜRZBURG

„Wie eine Kerze, die an beiden Enden brennt“

Die Aktion Patenkind hilft Menschen aus der Nachbarschaft, die in Not geraten sind. Heidi S. und ihre drei Kinder gehören dazu.
Kater Carlo ist wohl der einzige Luxus, den die Familie von Heidi S. sich gönnt. Foto: FOTO Gisela Schmidt

Manchmal kommt die Liebe nicht allein. Sie bringt auch das Elend mit. Bei Heidi S. (Namen aller Betroffenen von der Redaktion geändert) war das so. Mit 33 glaubte sie, den Mann fürs Leben gefunden zu haben. Sie arbeitete als Chemielaborantin, hatte ein gutes Gehalt, ordentlich was auf der hohen Kante – und die feste Überzeugung, „dass Kinder Vater und Mutter haben sollen“. Gute Voraussetzungen für eine Familiengründung, sollte man glauben.

Drei Jahre nach der Hochzeit kam Nicole zur Welt. Heidi S. widmete sich dem Baby, überließ das Geldverdienen ihrem Mann. „Aber er baute Luftschlösser und machte Schulden.“ Während der Erziehungszeit wurde sie wieder schwanger. Als Tanja da war, zahlte Heidi S. die Außenstände ihres Mannes. Zwei Jahre später wurde Tim geboren. Da hatte sein Vater elf Mal die Arbeitsstelle gewechselt, seine Mutter hatte kein Geld mehr und die Ehe kriselte.

„Ich bin ein Mensch, der Sicherheit braucht“, sagt Heidi S., „ich konnte nicht damit leben, dass man mir und den Kindern das Telefon abstellte, weil mein Mann in seinem Büro die Rechnungen nicht zahlte“.

Mit Tims drittem Geburtstag war ihre Erziehungszeit beendet. „Jetzt wollte ich wieder arbeiten“, erzählt sie. Ihr ehemaliger Betrieb und all die anderen, bei denen sie sich bewarb, boten ihr Ganztagsstellen an. Aber Tim und Tanja hatten Halbtags-Kindergärtenplätze, Nicole war nur bis mittags in der Schule. „Was hätte ich denn mit den Kindern machen sollen?“, fragt Heidi S. Eine Kinderfrau konnte sie sich nicht leisten, die Oma lebte weit entfernt und hatte einen kranken Mann zu versorgen.

Finanziell wurde es immer enger bei Familie S. Der Gerichtsvollzieher kam, die Kredite des Ehemannes wurde gekündigt, die Konten gesperrt. „Die Angst, dass ich mit meinen Kindern irgendwann unter einer Brücke sitze, hat mich zermürbt“, sagt Heidi S.

Geschieden und ohne Geld

Sie wurde immer dünner, immer nervöser, sank immer tiefer in Depressionen. Als Ende 1999 die Ehe geschieden wurde, war Heidi S. eine kranke Frau. Ihre Ersparnisse waren da längst aufgebraucht. Und die Hoffnung, dass ein Arbeitgeber eine gesundheitlich schwer angeschlagene Mutter von drei Kindern einstellt, platzte so schnell wie der Traum, dass der Ex-Mann Unterhalt für seine Kinder zahlen werde. Mit Nicole, Tanja und Tim im Schlepptau klapperte Heidi S. die Behörden ab, suchte Unterstützung beim Sozialamt, bei der Arge, beim Jugendamt. Sie braucht die Hilfe bis heute.

Wenn die festen Kosten bezahlt sind, die Wohnung und der Strom, die Telefonrechnung und die Monatskarte für den Bus, bleibt nicht mehr viel übrig für Lebensmittel und Wintersachen, für Schulhefte und Waschpulver, für Klassenfahrten und Berufskleidung für die älteste Tochter. „Oft reiße ich ein Loch auf, um ein anderes zu stopfen“, sagt Heidi S., „ich bin wie eine Kerze, die an beiden Seiten brennt“.

Als ihr Arzt sie auf Kur schickte, freute sie sich. Endlich mal ausspannen, „mal keine Sorgen haben“. Die Kinder wurden während dieser Zeit gut betreut. Wieder daheim, brach die auf wackeligen Füßen stehende Welt von Heidi S. erneut zusammen. Die Bank hatte Lastschriften nicht eingelöst, weil das Konto nicht gedeckt war. „Ich wusste, dass die Arge mir während des Kuraufenthalts die häusliche Ersparnis abzieht“, erzählt Heidi S. und vergießt ein paar Tränen, „aber dass die so viel Geld einbehalten, hätte ich nicht gedacht“. Es dauerte Wochen, bis sie mit der Telefongesellschaft, den Stadtwerken und den anderen Gläubigern Rückzahlungsvereinbarungen geschlossen hatte. Und es dauerte Monate, bis sie ihre Schulden bezahlt hatte. „Als ich das geregelt hatte, war die Erholung futsch.“

Katzenfutter von der Tiertafel

Heidi S. sitzt in ihrer Wohnung, als sie das alles erzählt. Es duftet nach frisch gebackenen Makronen und Lebkuchen. Die Möbel sind geschenkt oder gebraucht gekauft, alles ist sauber und aufgeräumt. Auf der Eckbank liegt eine Wolldecke für Kater Carlo.

Sein Futter holt Heidi S. an jedem letzten Samstag im Monat bei der Futterkrippe des Tierschutzvereins. Von hier stammt auch der Kratzbaum, auf dem der schwarze Stubentiger herumturnt. Viele Lebensmittel für die Familie bekommt Heidi S. von der Tafel, Kleider von der Kleiderkammer der Caritas. „In meiner kleinen Größe gibt's da aber nur selten was“, sagt sie. Die zierliche Frau nimmt aber nicht nur. Sie gibt auch. Sie hilft mit bei der Tafel und in der Kleiderkammer. „Ich habe immer ehrenamtlich gearbeitet“, sagt sie, „ich muss doch etwas Sinnvolles tun“.

Fragt man Heidi S. nach ihren Wünschen, muss die 52-Jährige nicht lange überlegen. „Ich würde gerne alle meine Krankheiten über den Jordan schmeißen“, sagt sie und ihre Augen leuchten. „Ich würde gerne unabhängig sein von Hartz IV und arbeiten und meine Familie ernähren. Ich würde gerne meinen Kindern ein Eis oder ein T-Shirt kaufen, ohne darüber nachzudenken, ob wir uns das leisten können. Ich würde endlich einen neuen Akku für unser Telefon besorgen und einen neuen Hängeschrank für die Küche.“

Die Chancen, dass sie das schafft, stehen nicht gut. Am 28. August 2009 hat Heidi S. erfahren, dass sie auch noch an Multipler Sklerose erkrankt ist.

Rückblick

  1. Aktion Patenkind: Schöne Festtage für Menschen in Not
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  14. Start der Aktion Patenkind
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  26. Das Spenden-Label hilft
  27. Aktion Patenkind bittet wieder um Spenden für Menschen
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  29. Eine Familie in großen Nöten
  30. Aktion Patenkind: Spendendaten
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