BAD KISSINGEN

Damit Viktor es eines Tages besser hat

Wenn der kleine Viktor vergnügt vor sich hin prustet und aus Leibeskräften mit seiner gelben Plüschente strampelt, huscht über Mama Elenas Gesicht ein Lächeln. Viktor ist ein halbes Jahr alt und ein Sonnenschein. Von Elenas Sorgen weiß er noch nichts.
Wenn sie mit dem kleinen Viktor zusammen ist, vergisst Elena für einen Moment ihre Sorgen. Aber ihre gesundheitlichen un... Foto: FOTO Susanne Wahler-Göbel

„Ich bin sehr froh, dass es ihm so gut geht“, sagt Elena (alle Namen von der Redaktion geändert). Die 35-Jährige leidet am sehr seltenen Marfan-Syndrom, einer erblichen Krankheit. Gelenkmissbildungen und Herzprobleme machen ihr das tägliche Leben schwer. Elena muss viele Tabletten schlucken und „alle zwei Monate zu einem Kardiologen in die Uniklinik nach Würzburg“.

In Würzburg hat sie auch Viktor zur Welt gebracht, das Kind von ihrem Lebensgefährten Gregori. Die Schwangerschaft war sehr beschwerlich, sagt Elena. Viktor war ein Frühchen. Ohne Gregori, der sich die ganze Zeit um Elenas ältere Kinder aus erste Ehe gekümmert hat, hätte sie es nicht geschafft. Nachdenklich schaut sie aus dem Fenster. Heute scheint die Sonne. „Bei schönem Wetter geht es mir besser.“

In Kasachstan, wo Elena herkommt, in dem kleinen Dorf, wo sie aufwuchs, kannte niemand ihre Krankheit. „Ich wusste gar nicht, dass ich krank war.“ Nur dass es ihr irgendwie schlechter ging als anderen Kindern, dass sie viel größer war als ihre gleichaltrigen Mitschüler, das merkte sie deutlich.

Woran das lag, erfuhr sie erst in Deutschland vom Kinderarzt ihrer heute sechsjährigen Tochter Natalia. Denn auch die trägt die mutierten Gene in sich. Auch Natalia muss regelmäßig mit zur Untersuchung nach Würzburg. Der älteste Sohn Wasili dagegen ist kerngesund. „Der macht ganz viel Sport.“

Gregori macht Späßchen mit dem kleinen Viktor, während eine russische Nachrichtensendung im Fernsehen läuft. Elena sitzt halb liegend auf dem Sofa. Das ist nachts der Schlafplatz für Natalia. „Die Wohnung ist viel zu eng für fünf“, sagt die 35-Jährige. Sie hofft, zusammen mit Gregori möglichst bald eine größere zu finden. Er hat Aussicht auf eine Anstellung als Bauarbeiter, aber bis jetzt hat es noch nicht geklappt. Finanzielle Sorgen sind an der Tagesordnung.

Für größere Anschaffungen fehlt den beiden das Geld. Vor der Geburt von Viktor hat Elena zwei Jahre in einem Kissinger Gasthaus gearbeitet. „Doch nach meiner Herzoperation darf ich nur noch höchstens drei Stunden am Tag eine leichte Arbeit machen.“ Es ist schwierig, etwas Passendes zu finden, zumal sie auch keine Ausbildung hat.

Da sollen es ihre Kinder mal besser haben, hofft die stille freundliche Frau. „Natalia und Wasili sprechen gut Deutsch“, sagt sie mit ein bisschen Stolz. „Viel besser als ich.“ Dabei kann sich auch Elena gut verständigen, hat gleich nach ihrer Ankunft in Deutschland vor vier Jahren einen Sprachkurs gemacht.

Doch nicht alles lief gut in der neuen Heimat. Ihre Ehe ging kaputt, sagt sie, „er hat keine Arbeit gefunden, hat viel Schnaps getrunken und geklaut“. Sie wollte nicht, „dass Wasili das nachmacht“, sagt sie. Zum Glück hat sie Gregori kennengelernt. Zwischen den beiden passt es gut.

Gregori hat Viktor jetzt in den Hochstuhl gesetzt. Der brabbelt vor sich hin, eine Hand hält die gelbe Plüschente, die andere steckt im Mund. „Er kriegt Zähne“, sagt Elena. Dann reibt sich der Kleine die Augen. Es geht auf Mittag zu, er hat sich müde gestrampelt. Elena streichelt ihn liebevoll.

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