WÜRZBURG

Der Kampf gegen die Armutsspirale

Helfende Hand: Familien von Alleinerziehenden kommen ohne Unterstützung oft nicht aus. Foto: Abbildung: Fotolia

Als arm würde sich Sylvia Strutz (Name von der Redaktion geändert) nie bezeichnen. Zwar muss sie ihre beiden Kinder im Teenager-Alter alleine groß ziehen, weil ihr Mann 2008 an Krebs gestorben ist. Aber die Würzburgerin hat eine Wohnung, kommt finanziell gerade so hin. Noch. Denn sie muss aufpassen, dass sie nicht in die Armutsspirale gerät.

Strutz' Fall ist bei der Christophorus-Gesellschaft in Würzburg aufgelaufen. Dieser ökumenische Zusammenschluss von Caritas, Diakonie und Katholischer Kirchenstiftung St. Johannes in Stift Haug hilft in Not geratenen Menschen in Stadt und Landkreis Würzburg.

Die gemeinnützige Gesellschaft betreibt die Würzburger Bahnhofsmission und die Wärmestube, berät Hilfesuchende, Wohnungslose, Überschuldete, ehemalige Strafgefangene. Auch als Vermieter tritt sie auf.

Geschäftsführer Günther Purlein sagt: Sylvia Strutz gehört zu einer klassischen Risikogruppe für Armut: alleinerziehend, mit mehreren Kindern, ohne Arbeit. Zwar hatte sie bisher eher kleine Geldsorgen. Bis 2008 schaffte Strutz bei den Amerikanern, bezog bis vor kurzem Überbrückungsgeld. Doch das fällt jetzt weg und die Würzburgerin bräuchte dringender eine Arbeit als je zuvor.

Als Alleinerziehende steht sie vor mehreren Hürden: Findet sie eine Beschäftigung, nachdem sie mehrere Jahre vom Arbeitsmarkt weg war? Bekommt sie einen Vollzeitjob und die Betreuung ihrer Kinder unter einen Hut? Wenn sie etwas in Teilzeit findet, reicht das Geld zum Leben?

Und so droht sich die Armutsspirale in Gang zu setzen. Denn je länger jemand weg ist vom Arbeitsmarkt, desto schwerer wird es für ihn, dort wieder einzusteigen, sagt Günther Purlein. Es fehle das Einkommen, um alle regelmäßig anfallenden Ausgaben abzudecken.

Klar lässt der Sozialstaat Langzeitarbeitslose nicht hängen, zahlt eine Grundsicherung, die das Überleben sichern soll. Doch erstens ist die schmal bemessen. Und zweitens führt sie im Fall von Sylvia Strutz zu einem weiteren Problem – der Suche nach einer neuen Unterkunft.

Die 56-jährige Würzburgerin kann ihre jetzige Bleibe nicht mehr bezahlen. Sie bräuchte für sich und die Kinder eine Vier-Zimmer-Wohnung. 650 Euro maximal darf die alles inklusive kosten. Etwas teureres bezahlt das Jobcenter nicht.

Mit diesen Voraussetzungen etwas auf dem engen Würzburger Wohnungsmarkt zu finden, scheint nahezu ausgeschlossen. Zumal Alleinerziehende mit Kindern bei vielen Vermietern kaum als Wunschkandidaten gelten. Strutz sucht seit 2008.

Günther Purlein erzählt, dass die Christophorus-Gesellschaft Wohnungsgesuche für sie geschaltet hat: „Wir wollten dem Jobcenter zeigen, wie die Lage aussieht.“ Aber es kamen keine Rückmeldungen.

Und selbst wenn es mit einer Wohnung klappen sollte: Die Kosten für Renovierung und Umzug sind laut Purlein eine Belastung. „Für den, der nichts hat, sind selbst diese 500 bis 600 Euro zu viel.“

In Stadt und Landkreis Würzburg hat die Armut in den vergangenen Jahren zugenommen, schildert Purlein seinen Eindruck. Trennung, Scheidung, Erwerbslosigkeit und die Pleite des eigenen kleinen Unternehmens – all das könne die gefährliche Spirale in Gang setzen.

Neben Alleinerziehenden und Familien mit vielen Kindern seien Rentner mit geringem Einkommen besonders gefährdet.

Dazu kommen Asylbewerber, Wohnungslose, straffällig Gewordene. Und auch chronisch Kranke rutschen wegen hoher Behandlungskosten leichter ab.

Die Armut kratzt inzwischen an der unteren Mittelschicht. Viele müssen sich ihr dürftiges Arbeitsentgelt mit Hartz IV aufstocken. Bei manchem drohen Mieten, Energie- und andere Fixkosten, das schmale Budget zu übersteigen. Und das in einer wohlhabenden Region, in der gerade mal drei bis vier Prozent Arbeitslosigkeit registriert wird.

Armut, so sagt Purlein, hat es immer gegeben – und wird es immer geben. Die Schuldnerberatung der Christophorus-Gesellschaft ist für ihn ein Seismograf, wie stark sie ist.

1 200 Menschen werden dort betreut, die so überschuldet sind, dass sie ihre monatlichen Ausgaben nicht mehr bestreiten können.

5 500 weitere durchlaufen die Phase der Nachsorge oder haben Privatinsolvenz angemeldet. Letztere biete nach gewisser Zeit die Chance für einen schuldenfreien Neuanfang.

Vor zehn Jahren, so Purlein, umfasste die Zahl in der Schuldnerberatung rund zwei Drittel der heutigen. Auch im ländlichen Unterfranken sieht der Christophorus-Mann die Armut größer werden. Zwar seien die Lebenshaltungskosten auf dem Land geringer und der Wohnungsmarkt nicht so eng wie in der Stadt. Der Zusammenhalt der Familien und die Nachbarschaftshilfe scheinen ihm stärker. Aber die Arbeit fehle.

Bei Sylvia Strutz hat Günther Purlein die Sorge, „dass die Familiensituation nach unten rutscht, finanziell und sozial“.

Die zwei Kinder seien in der Schule, beziehungsweise in Ausbildung. Doch im Wohnzimmer einer beengten Wohnung könnten sie nicht konzentriert lernen oder versäumten Stoff nacharbeiten. Dabei sei Bildung – das würde doch von allen Seiten immer wieder betont – das Wichtigste, um sozial aufzusteigen.

So droht auch den Kindern von Sylvia Strutz die Armut. Obwohl sie nichts dafür können.

Wie gesagt: Ihre Mutter Sylvia würde sich nie als arm bezeichnen. Weil sie kämpft, etwas unternimmt, um nicht die Armutsspirale zu rutschen. Aber der Kampf erscheint unheimlich schwer.

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