WÜRZBURG

Gebeugt von Schicksalsschlägen

Wenn Anna H. von ihrer Mutter und ihrem Bruder erzählt, fließen augenblicklich Tränen. Ein Wasserschaden, der sich schleichend in ihrer Wohnung in einem Mietshaus einnistete und zu spät entdeckt wurde, hat den beiden in diesem Jahr nahezu alles Hab und Gut genommen. Nicht nur der materielle Schaden ist enorm, auch persönliche Erinnerungsstücke wie Fotoalben wurden zerstört.

Die an Demenz erkrankte Mutter und deren schwerstbehinderter Sohn mussten die gewohnten Räume verlassen, weil sie voll mit Schimmelsporen waren. An den Folgen dieser Situation leiden sie bis heute. „Meine Mutter bekam nach dem Umzug in eine andere Wohnung plötzlich Herzprobleme, obwohl ihr Herz immer kerngesund war. Vor kurzem hat sie auch noch einen Schlaganfall erlitten“, erzählt ihre Tochter Anna.

Ihr Bruder Toni L. (alle Namen geändert, die Red.), der rund um die Uhr betreut werden muss und in diesem Jahr auch noch unglücklich gestürzt ist, wurde in ein Seniorenpflegeheim gebracht. „Doch mit 45 Jahren ist er dafür viel zu jung und am falschen Platz. Er bräuchte wegen der Operationen an seinem gebrochenen Bein eine Reha. Aber die bekommt er nicht, weil er so aufwendig gepflegt werden muss. Und er kann wegen seiner Behinderung die neue Situation überhaupt nicht verstehen. Er vermisst unsere Mutter sehr.“

Das Verhältnis zu ihrer Mutter sei schwierig geworden, seit diese die alte Wohnung gegen ihren Willen verlassen musste, sagt Anna H. „Und meinen Bruder bei uns zu Hause aufzunehmen, das würde ich nicht schaffen“, gibt die 50-Jährige schweren Herzens zu. Denn sie kommt mit ihrer Familie als Hartz-IV- Bezieherin selbst nur gerade so über die Runden. Das Haus ist nicht behindertengerecht. Und ohnehin ist unsicher, ob die mehrköpfige Familie es überhaupt halten kann.

Annas Mann verlor nach einer psychischen Erkrankung seine Arbeit. Sie selbst arbeitet stundenweise als Reinigungskraft. „Wann hören die Schicksalsschläge endlich einmal auf?“, fragt sich die 50-Jährige jeden Tag. Um ihren Lebensmut nicht zu verlieren, engagiert sie sich selbst ehrenamtlich für andere in einer karitativen Einrichtung. „Ich kann zwar nicht finanziell helfen, aber mich wenigstens mit meiner Zeit für andere einsetzen.“ Dennoch, vor allem mit Blick auf Weihnachten, könnte doch alles auch etwas leichter sein, das verhehlt sie nicht. Das Thema Geschenke ist ein heikles, wenn es sowieso an allen Ecken und Enden fehlt.

Bernd Keller, katholischer Ehe- und Familienseelsorger im Landkreis Bad Kissingen, kennt Geschichten wie die von Anna H. und ihrer Familie aus vielen Gesprächen. „Gerade im Herbst, wenn das Licht weniger wird, schwindet bei vielen Menschen, die es ohnehin schwer haben, die lebensnotwendige Hoffnung. Sie fühlen sich im wahrsten Sinne des Wortes von Gott und der Welt verlassen.“

In der heutigen Gesellschaft arm, bedürftig, hilflos oder gar verzweifelt zu sein, das betreffe oft nicht nur die Fragen des finanziellen Lebensunterhaltes. Auch wenn die natürlich essenziell seien, so Keller. „Viele spüren auch eine Armut an echten Beziehungen. Sie sind geplagt von Lebensängsten und suchen nach Sinn, nach Vertrauen. Solche Menschen brauchen Hoffnungsorte, an denen sie Zuspruch und Zuversicht erfahren.“

So ein Hoffnungsort will auch die Aktion Patenkind der Main-Post sein, damit Menschen wie Anna die Solidarität anderer spüren. Aber Anna H. möchte die Unterstützung nicht für sich selbst, sondern an ihren Bruder und ihre Mutter weitergeben. „Ich würde meinem Bruder gern mit einer CD eine Freude machen. Toni L. liebt Musik von Andrea Berg, Helene Fischer oder Hansi Hinterseer. Da ist er richtig glücklich.“ Und auch bei der Frage nach einem Geschenk für ihre Mutter muss die 50-Jährige nicht lange überlegen. „Etwas zum Anziehen, ein neues Nachthemd oder so, das wäre schön.“ Denn fast alle Kleider im Schrank der Mutter hat der Schimmel, den der Wasserschaden verursacht hatte, unbrauchbar gemacht.

Rückblick

  1. Aktion Patenkind betreut Menschen mit den unterschiedlichsten Problemen
  2. Aktion Patenkind: Spendable Leser helfen
  3. Gebeugt von Schicksalsschlägen
  4. Standpunkt: Was heißt da „helfen“?
  5. Das Büro ist wieder besetzt
  6. Melden Sie sich, wir machen dann das Foto
  7. Der Kampf gegen die Armutsspirale
  8. Wenn eine Tafel Schokolade Luxus ist
  9. Von Narben gezeichnet
  10. Menschen in Not die Hand reichen
  11. Standpunkt: Helfen als Mode?
  12. Wir kommen gern, wenn Sie uns rufen
  13. Start der Aktion Patenkind
  14. Gemeinde Rödelsee zeigt Herz
  15. Bernd K. und sein mühsamer Weg aus der Depression
  16. 500 Euro für die Aktion Patenkind
  17. Schicksalsschläge hörten nicht auf
  18. Beim Feiern an Menschen in Not denken
  19. Bibi und die Weihnachtsspende
  20. Erst backen, dann spenden
  21. Patenkind intern: Über den Tag hinaus
  22. 305 000 Euro für die Patenkinder
  23. Ein Renault für den guten Zweck
  24. Aktion Patenkind: Kein Geld für das Töchterchen
  25. Das Spenden-Label hilft
  26. Aktion Patenkind bittet wieder um Spenden für Menschen
  27. Sie rufen an, wir kommen
  28. Eine Familie in großen Nöten
  29. Aktion Patenkind: Spendendaten
  30. Aktion Patenkind: Hilfsaktion geht weiter
  31. Leben in einer schimmeligen Baustelle
  32. Aktion Patenkind: Hilfsaktion geht weiter
  33. Aktion Patenkind: Ohne die Leser läuft nichts
  34. Damit Viktor es eines Tages besser hat
  35. „Wie eine Kerze, die an beiden Enden brennt“
  36. Das Geld reicht nicht für Kinderspielzeug
  37. Aktion Patenkind: Andere nicht alleine lassen
  38. Aktion Patenkind: „Ich spende aus Überzeugung“
  39. Aktion Patenkind: Gutes tun mit der Turbo-Party
  40. Aktion Patenkind: Wir wollen ohne Umwege spenden
  41. Aktion Patenkind: Wir wollen ohne Umwege spenden
  42. Aktion Patenkind: Wir wollen ohne Umwege spenden
  43. Helfen hilft weiter
  44. Thema intern: Vom Geben und Nehmen
  45. Das Büro ist wieder besetzt
  46. Kontakt
  47. Helfen hilft weiter
  48. Das Büro ist wieder besetzt
  49. Thema intern: Vom Geben und Nehmen
  50. Wenn man keine Hoffnung hat

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