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aktualisiert: 20.01.2010 16:36
BAD BRÜCKENAU

Bei Depressionen: Reden statt verzweifeln

Geduld, Langmut und die richtigen Helfer sind gefragt

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Kurzerhand wurde die Georgi-Kurhalle umgebaut. Der Andrang bei der Auftaktveranstaltung zur Informationsreihe Depression war deutlich größer als erwartet. Etwa 200 Besucher, das überraschte auch Organisator Bürgermeister Thomas Ullmann und es bestärkte ihn in seinem Projekt.

„Mir hätte es auch geholfen, wenn ich die Anfänge erkannt hätte“, sagt er im Rückblick auf seine Erkrankung, die ihn ein Jahr vom Amt fern gehalten hatte. Ein Mann versuche vielleicht noch mehr, es wegzustecken, „aber es geht eben nicht“. Die Krankheit sei nicht zu unterschätzen, für die Verwandten könne sie zum Drama werden. Aufklärung sei das beste Mittel, das will er mit der Veranstaltung. Gottfried Schottky, Chefarzt i.R. aus Werneck, stellte die medizinische Sicht vor. Etwa fünf Prozent der Bundesbürger seien von Depressionen betroffen. Oft sei es sogar für den Fachmann schwer, eine depressive Verstimmung von einer schweren Form zu unterscheiden. Er nannte Warnsignale: Lebensfreude geht verloren, Melancholie macht sich breit; Denken, Bewegen und Sprechen werden schlechter. Manche Menschen verstummen ganz. Typisch sei, um zwei oder drei Uhr nachts aufzuwachen und nur noch quälende Gedanken zu haben.

Depression kann Wahnvorstellungen auslösen: Der Betroffene sieht im Fernsehen Kriegsszenen und denkt, schuld zu sein. Schottky berichtete von einer Frau vom Land, die glaubte, die Milch des ganzen Dorfes vergiftet zu haben. Dinge, die dem Menschen vorher besonders wichtig sind, sind auch von der Depression besonders betroffen: Hat sich eine Frau immer um das Wohl ihrer Familie gesorgt, hat sie jetzt Angst, alle verhungern wegen ihr.

Der Weg zum Fachmann sei auf jeden Fall richtig. Erst recht, wenn ein naher Mensch spürt, dass Suizidgefahr besteht. Da sollte niemand selbst versuchen, mit dem Kranken über die mögliche Absicht zu sprechen.

Meist sei eine zweigleisige Behandlung mit Medikamenten und Psychotherapie der Weg der Wahl. „Wir können die Depression nicht wegblasen. Aber wir können solche Probleme behandeln“, sagte Schottky. Bei der Suche nach einem passenden Psychotherapeuten sei gut zu wissen, was das für einer ist, welche Haltung er hat. Die Werte des Kranken dürften nicht in Frage gestellt werden. Schottky nannte ein krasses Beispiel. Ein Therapeut sagte zu einem Depressiven: „Sie sind Ordensbruder? Diese neurotische Störung müssen wir zuerst behandeln.“Gerhard Kelber, Pfarrer i.R. aus Schweinfurt, brachte Persönliches ein. Er berichtete, dass seine Frau sechs Mal an Depression erkrankt war, die längste Phase dauerte zweieinhalb Jahre; seit eineinhalb Jahren sei sie gesund. Er spreche deswegen so offen darüber, damit die Zuhörer nicht dieselben Fehler machten wie er in der Begleitung seiner Frau.

Kelbers Kernbotschaft: Langfristig denken und handeln. Bei allen Möglichkeiten, vorbeugend oder in der Begleitung zu helfen, seien Geduld und Langmut gefragt. Eine Depression mache hilflos – Betroffene und die Menschen um sie. Genau das sei das Gefährliche, Verbindungen reißen ab: „Hilflosigkeit kann alle Geduld und Liebe töten.“ Da scheine es leichter, den Partner zu verlassen: „Das Aushalten ist eine geistliche Aufgabe.“ Das Ehepaar Kelber hat seinen ganz eigenen Umgang entwickelt: „Wir feiern Familienandacht, schmeißen Vorwürfe unters Kreuz, entlarven Familienmuster und nehmen Vergebung in Anspruch.“

Der evangelische Theologe bezeichnet sich als Anhänger der charismatischen Bewegung. Er deutete an, welche Kraft er im Gebet, in christlicher Musik und durch den Heiligen Geist erfahre.

Der christliche Glaube sei ein Antidepressivum. Leider würden Prediger oft achtlos an diesem Schatz vorbeigehen. Sie sollten die Botschaft vermitteln: „Gott liebt mich“. Richtig verstandene Sündenvergebung wirke ebenfalls antidepressiv.

Kelber bietet eine Schulung an, in der Interessierte fit gemacht werden für den Umgang mit Depressiven. Zunächst findet am Montag, 25. Januar, eine weitere Depressionsveranstaltung mit ihm und der Psychologin Elisabeth Jentschke in Brückenau statt. Beginn ist wieder um 18 Uhr in der Georgi-Kurhalle.Gerd Kirchner, der evangelische Pfarrer in Brückenau, ergänzte Kelbers Aussagen: „Durch Innenwege kann unsere Gesellschaft gesunden.“ Er verteilte Handzettel mit Informationen zur Telefonseelsorge in Deutschland. Sie ist unter Tel. (0800) 1 11 01 11 und (0800) 1 11 02 22 rund um die Uhr kostenfrei zu erreichen. Anrufer bleiben anonym, die Gesprächspartner haben Schweigepflicht. In Brückenau eine eigene Not-Nummer einzurichten, sei nicht leistbar, sagte Kirchner.

Alfred Bauer, der katholische Kollege, machte Mut: „Hilfe ist möglich“, sagte er und berichtete aus Erfahrungen mit Depressiven. Wichtig sei, den anderen wahrzunehmen und ihn das auch spüren zu lassen. Es gehe darum zu helfen, indem man die Situation des Kranken verändert. Wer mochte, konnte am Ende der Veranstaltung persönlich mit den Referenten sprechen oder schriftlich Fragen an sie richten.

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