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aktualisiert: 09.09.2009 18:27 Uhr
WÜRZBURG/BERLIN

Der Lockruf des Jackpots

Experte beschreibt den Jackpot-Effekt und psychologische Trugschlüsse
Je größer der Lotto-Jackpot, desto sehnsüchtiger träumen die Spieler vom Millionengewinn: Lotto ist die reale, demokratisierte Hoffnung – und so etwas wie ein Synonym für menschliches Glück. Zu diesen Erkenntnissen kamen Christoph Lau und Ludwig Kramer bei ihren Forschungen zu einem der beliebtesten Glücksspiele. Der Berliner Christoph Lau erläutert die menschliche Neigung zu psychologischen Fehlschlüssen, die Millionen jede Woche dazu verleiten, aufs Neue ihr Glück zu probieren.

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Die Chance, den Jackpot zu knacken, ist eins zu 140 Millionen. Das heißt, erst 140 Millionen unterschiedlich ausgefüllte Spielscheine verheißen den Hauptgewinn. Ein Verlustgeschäft. Denn der Einsatz würde bei weitem die Summe des Jackpots übersteigen. Dennoch.

Die Hoffnung, dass das Unwahrscheinliche eintrifft, stirbt zuletzt. Mittwochs und noch häufiger samstags fiebern Millionen der Ziehung der Lottozahlen entgegen. Woche für Woche, ungeachtet der geringen Gewinnchancen, aber voller Erwartung.

Was Sie mit Lotto-Millionen alles anstellen könnten, lesen Sie hier

„Ein Lottogewinn ist so etwas wie das Synonym für menschliches Glück“, sagt Christoph Lau. Das zeige sich schon im sprichwörtlichen Vergleich: „Das ist wie ein Sechser im Lotto“. Der Berliner Sozialarbeiter hat sich während seines Studiums mit dem Verhalten von Menschen in Extremsituationen beschäftigt. Mitstreiter bei dem Projekt war Ludwig Kramer. Schnell hatten sie das beliebte Glücksspiel im Blick. „Lottoglück ist eine Extremsituation“, so Lau.

Ihre Forschungsergebnisse haben Lau und Kramer in ihrem Buch „Die Relativitätstheorie des Glücks“ (Centaurus Verlag) kurzweilig zusammengefasst. „Wir haben den Lottospieler homo irrationalis genannt, denn er neigt zu psychologischen Fehlschlüssen“, sagt Lau und erläutert, welche Verhaltensmuster Lottospielern eigen sind. Einige Beispiele:

• Trugschluss des Spielers: Menschen sind häufig der Auffassung, dass zwei zufällige Ereignisse irgendwie miteinander zusammenhängen. Etwa, dass Zahlen, die bereits häufiger gezogen wurden, zukünftig seltener fallen – und umgekehrt – dass selten gezogene Zahlen quasi einen Rückstand haben und deshalb eher die Chance besteht, dass sie drankommen. Mit diesem Trugschluss verwandt ist auch der . . .

• . . . Glaube an heiße und kalte Zahlen: Heiße Zahlen sind solche, die häufiger gezogen werden. Deshalb würden sie nach Meinung der Spieler eine höhere Ziehungswahrscheinlichkeit besitzen. Kalte Zahlen werden dagegen selten gezogen und sind somit weniger gewinnträchtig.

• Fehler des Verankerns: Menschen nehmen Informationen unterschiedlich wahr, sie selektieren. So verfolgen Lottospieler Pressemitteilungen über Großgewinne und sehen dadurch ihre Ansicht von einer realen Gewinnmöglichkeit bestätigt.

• Phänomen der Verführung: Jedes Spielangebot, das dem Spieler ermöglicht, einen Verlust wieder wettzumachen, kann dazu verführen, erneut zu spielen. Verluste beim Lottospielen werden nicht als solche anerkannt, vielmehr als Verpflichtung gesehen weiterzuspielen. Damit einher geht auch die Angst, dass ausgerechnet beim nächsten Spiel die Zahlen gezogen werden, mit denen man ständig sein Glück versucht.

• Illusion von Kontrolle: Da das Lottospiel so aufgebaut ist, dass jeder Teilnehmer seine eigenen Zahlen auswählen darf, wird bei ihm der Eindruck erzeugt, dass er einen Einfluss auf den Spielausgang hat – was natürlich nicht der Fall ist.

• Abergläubisches Denken: Lottoglück ist vom Zufall abhängig – und wo der Zufall mitspielt, der nicht erklärt werden kann, ist der menschliche Aberglaube nicht weit. Das führt zu einer ritualisierten Auswahl der Zahlen, etwa Geburtsdaten der Familie. Oder der Spielschein wird immer in einer ganz bestimmten Annahmestelle ausgefüllt. Oder Spieler vertrauen auf Lottoscheine mit ihrem aufgedruckten Sternzeichen.

• Knapp-daneben Effekt: Wenn die Gewinnzahlen dicht an den angekreuzten Zahlen liegen, glauben Lottospieler, dass sie ihr großes Glück nur knapp verfehlt haben. Da die Zahlen aber zufällig gemischt werden, kann es gar keine numerische Nähe geben. Aber durch die Illusion der scheinbaren Nähe zu einem Gewinn regt zu weiteren Spielen an.

• Jackpot-Effekt: Den Erfolg des Lottospiels verdankt es dem Umstand, für kleines Geld die Chance auf einen sehr hohen Gewinn anzubieten. Je größer der Quotient zwischen Mindesteinsatz und Maximalgewinn, also je höher der Jackpot, desto mehr Spielteilnehmer – und je höher die Wahrscheinlichkeit, als Gewinner die Summe mit anderen teilen zu müssen. Das Lottospielen ist somit nicht nur ein Spiel gegen den Zufall, sondern auch eines gegen andere Mitspieler.

• Vernachlässigung von Verlusten: Lottospieler neigen dazu, die Bilanz aus Einsätzen und Gewinnen schönzureden. Es werden nur die Gewinne gezählt, Verluste dagegen kaum wahrgenommen oder ignoriert.



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