Spiel mit Schein und Sein
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Es sieht richtig aus – und ist doch verkehrt. Verkehrt ist es, weil es richtig ist. Das hochformatige Ölbild aus der Barock-Abteilung des Mainfränkischen Museums in Würzburg könnte eine allzeit gültige Allegorie auf das Geschehen in der Welt sein, in der ja manches auch auf den ersten Blick richtig wirkt und doch verkehrt ist. Und die Geschichte des Bildes, das Johann Joseph Scheubel der Ältere 1738/40 malte, ist noch viel verrückter.
Der Bamberger Hofmaler (1686 bis 1769) hielt eine Ansicht des Markusplatzes zu Venedig fest. Der Blick des Betrachters schweift über San Marco, Campanile und Dogenpalast. Das Bild wurde als Vorlage für einen Wandteppich gemalt. Der ziert eine der Wände im venezianischen Zimmer der Würzburger Residenz (eine zweite Version hängt im Veitshöchheimer Schloss). Und da ist die Welt aus den Fugen: Die berühmteste Piazza der Lagunenstadt ist verdreht, die Ansicht ist spiegelverkehrt!
„Der Teppich wurde von der Rückseite her gewebt. Die Fäden waren vor die Vorlage gespannt. Die Vorlage hätte also seitenverkehrt gemalt werden müssen, damit das Bild auf dem Gobelin stimmt“, erklärt Claudia Lichte, Leiterin des Museums auf der Würzburger Festung Marienberg. Aus seiner Sicht hat Scheubel alles richtig gemacht. Aus der Sicht der Weber in der Fürstbischöflichen Wandteppichmanufaktur Würzburg war alles so falsch, wie es heute noch für den Besucher der Residenz ist.
Spiel mit den Möglichkeiten
Neben dieser unabsichtlichen Verkehrtheit hat Kartonmaler Scheubel mit voller Absicht Verkehrtheit ins Bild gebracht: Auf dem Markusplatz vergnügen sich Maskierte und Figuren der Commedia dell‘ Arte. Der Karneval spielt mit Schein und Sein, mit den Möglichkeiten, die Wirklichkeit umzukehren. Wenigstens für kurze Zeit kann der Knecht Herrscher sein, der Herrscher darf den Bauern spielen. Die Tierszene im Vordergrund bringt das, typisch barock, verklausuliert in Emblemen zum Ausdruck. Der Tanzbär zeige geradezu „den Sinn des Karnevals“, sagt Claudia Lichte. „Der Bär steht für Kraft, für Macht“, so die promovierte Kunsthistorikerin. Das Tier wird an einem Geschirr geführt: In der verdrehten Welt des Karnevals kann man schon mal die Mächtigen an der Nase herumführen und darf sie kritisieren. „Da sich die Masken völliger Freiheit erfreuen, ist alles Zeremoniell verpönt. Es werden keine Standesunterschiede gemacht, nur wer ohne Maske erscheint, wird weniger geachtet und ist jener Freiheit beraubt, deren sich die anderen erfreuen“, schilderte Dichterfürsten-Vater Johann Caspar Goethe seine Erlebnisse beim Karneval zu Venedig des Jahres 1740.
„Aber der Bär ist trotzdem gefährlich. Er sagt auch: Vorsicht, treib's nicht zu weit bei den Mächtigen!“, interpretiert Lichte die Warnung, die auch von der Szene ausgeht. Passend zum Fasching hat sie – quer durch die Sammlung des Museums – eine Führung zum Thema „Verkehrte Welt“ zusammengestellt (siehe unten).
Verkleidet aus Sehnsucht
Dabei geht es auch um die als „Tanzender Schäfer“ bekannte Figur aus dem Veitshöchheimer Rokokogarten, die jahrelang Symbol des Mozartfestes war. „Das ist kein Schäfer“, sagt Claudia Lichte. Die Kleidung, von Bildhauer Ferdinand Tietz detailliert wiedergegeben, weise ihn eindeutig dem höfischen Stand zu. Der Mann habe sich lediglich mit einigen Accessoires wie dem fantastischen, Blasinstrument als Schäfer verkleidet. Die danebenstehende Steinfigur einer feinen Dame trägt ebenfalls ein Schäferkostüm. Verkehrte Welt: Der Höfling wird zum Tierhüter. Der Mummenschanz habe auch mit der damaligen Sehnsucht der besseren Herrschaften nach dem ländlichen Idyll zu tun, weiß Claudia Lichte.
Auch der sogenannte Kauzenpokal – ein Trinkgefäß in Form einer Eule – erzählt eine Geschichte von doppelbödiger Wirklichkeit. Einerseits wurde aus ihm getrunken, Alkohol natürlich. Andererseits weist die Gestalt des Vogels auch auf die Folgen übermäßigen Alkoholgenusses hin: Eulen würgen die Reste ihrer Mahlzeit wieder aus. Zudem ist der Maßkrug-große, vergoldete Humpen auch in gewisser Weise „verkleidet“: Das Stück entstand um das Jahr 1900 in Hanau, tut aber so, als sei es aus dem 17. Jahrhundert. Auch dieses Stück erzählt eine Geschichte von Schein und Sein, ebenso wie einige der Trinkgefäße in der Kelterhalle, die eigentlich gar nicht zum Trinken da sind, sonder dazu, Scherze mit dem Durstigen zu treiben.





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