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aktualisiert: 03.02.2010 18:05 Uhr

„Abzocke“ ist reißerisch und meist nicht angebracht

Über den richtigen Umgang mit Wörtern – Ärger und Kritik dürfen nicht zu Übertreibungen führen

Grafik Leseranwalt
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Der Leseranwalt

Abzocken bedeutet, Leute übervorteilen oder gar auf betrügerische Art um ihr Geld bringen. So lässt es uns der Duden wissen. Das Wort ist im Zuge von unerfreulichen Preiserhöhungen umgangssprachlich in Mode gekommen. Meist trifft es nicht zu, weil es übers Ziel hinausschießt. Es unterstellt unredliche Absichten. Zu weit ging somit ein Kommentar am 12. Januar auf unserer Wirtschaftsseite, in dem das erhöhte Briefporto der Deutschen Post, speziell bei farbigen Kuverts, mit „ärgerliche Abzocke“ überschrieben worden ist. Die Post hat diese Zuzahlung damit begründet, dass auf Farbe die Zielcodierung meist nicht maschinenlesbar sei und deshalb händisch nachsortiert werden müsse. Ein Mehraufwand also.

Nun darf man einen solchen Vorgang durchaus als ärgerlich oder in der Höhe als ungerechtfertigt bezeichnen – zumal wenn diese Kritik (wie im vorliegenden Fall) begründet wird. Aber Abzocke ist eine unbewiesene schwerwiegende Unterstellung. Wir verfügen schließlich über ausreichend zutreffende sprachliche Mittel, um Kritiken mit angemessener Schärfe zu formulieren. Außerdem bleibt die Frage: Welches Wort wollen wir eigentlich gebrauchen, wenn wirklich abgezockt wird?

Der Leser U.D. hat in einer Mail an die Redaktion reagiert: Er versteht nicht, dass wir bei Leserumfragen Telefonnummern angeben, welche die Größenordnung eines Briefportos kosten. U.D.: „Auch dieses nenne ich 'ärgerliche Abzocke'.“

Ich verstehe diese Retourkutsche, herausgefordert nur durch ein falsches Wort. Aber die Gebühren für telefonische Abstimmungen orientieren sich am Aufwand. Eine Tageszeitung ist ein Unternehmen mit gesellschaftlicher und politischer Bedeutung, das wirtschaftlich arbeiten muss. Diese Anrufkosten mögen für manche Leser ärgerlich sein, bringen aber unverzichtbare Einnahmen. Ein Tipp: Auf www.mainpost.de ist die Abstimmung gratis.

„Abzocke“ erinnert mich daran, dass es Leser gibt, die – vor allem in Internet-Kommentierungen – dieser Zeitung vorwerfen, sie pflege einen reißerischen Stil, so wie die „Bild“-Zeitung. Begründungen dafür lieferten die Kritiker allerdings auch auf meine Nachfragen bisher nicht. Abzocke, missbräuchlich eingesetzt, würde jetzt in ihr Schema passen. Alleine rechtfertigt es aber den Vergleich mit „Bild“ noch nicht: Die „Abzocke“ im Kommentar vom 12.1. war ein Ausrutscher. Dahinter steckt nicht Methode.

Dennoch: Dieses Beispiel soll zuerst uns Journalisten zum verantwortungsvollen Umgang mit Sprache in den Medien ermahnen. Aber nicht nur uns: Denn schon ein einziger solcher Misston vermag es, Gespräche zu stören und Beziehungen zu belasten. Die Redaktion dieser Zeitung setzt aber auf ein vertrauensvolles Verhältnis mit Lesern.


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