Anziehungskraft der Erotik hilft bedürftigen Menschen
Der Beitrag über den Kalender war am 3. 12. mit einem ausdrucksstarken Frauen-Antlitz daraus illustriert. Dazu schreibt mir eine Leserin aus Höchberg: „Das Foto, das zu sehen ist, zeigt das Bild einer jungen Frau, das eher nach Gewalt oder Missbrauch aussieht als nach Erotik.“ Sie fährt fort: „Was mich am meisten abgestoßen hat, war der Bericht darunter 'Neunjährige 47 Mal missbraucht'.“ Sie folgert, dass der Kalender guten Absatz finden werde, weil viele Männer auf solche Bilder warten, die dann nicht selten angeheizte Fantasien an Kindern ausprobieren würden. Deshalb – so die Höchbergerin weiter – schade dieser Kalender der Aktion mehr als er ihr nütze.
Ich gebe zu, dass nicht jedes Mittel den Zweck heiligt und dass es für eine wohltätige Aktion noch besser geeignete Zusammenhänge geben kann als Erotik. Allerdings zerstört auch nicht jedes Mittel den Zweck. Deshalb kamen die Verantwortlichen bei dem Kalender mit ausgewählten Bildern einheimischer Hobby- und Profi-Fotografen nach reiflicher Abwägung zu der Entscheidung, dass sich sein Verkauf eignet, Menschen zu helfen, die der Hilfe bedürfen.
Ich bedaure ausdrücklich, dass es – wie in diesem Fall – in einer Tageszeitung gelegentlich zu unglücklichen Nachbarschaften von guten und schlechten Nachrichten kommt, die zuweilen sogar bedrohliche Assoziationen zu wecken vermögen. Meist ist dieses gegensätzliche Nebeneinander in der tagesaktuellen Produktion aber unvermeidlich. In einer Zeitung muss sich eben Wirklichkeit zusammenfinden. Eine Gliederung in Seiten mit guten und bösen Inhalten ist nicht wünschenswert und kaum praktikabel. Abgesehen davon, dass nicht bei jedem Beitrag eindeutig ist, zu welcher Kategorie er gehört, erscheint ein solches Ordnungsprinzip allzu unwirklich, eben realitätsfremd.
Die Folgerung, dass die Veröffentlichung von Erotik, deren Anziehungskraft der Menschheit von Anfang an mitgegeben wurde, zu Missbrauch führt, erwächst wohl vorwiegend aus einem weit verbreiteten Gefühl von Misstrauen. Das nährt sich aus jeder neuen Nachricht über Missbrauch. Erwiesen ist aber, dass Repression, also Unterdrückung von Erotik, zu Fehlverhalten führt.
Ich habe der Höchbergerin empfohlen, bei der Betrachtung des Kalenders künstlerische Blickwinkel in den Vordergrund zu rücken, also auf den jeweiligen Versuch eines Fotografen zu blicken, die Schönheit eines menschlichen Körpers, wenn auch meist eines weiblichen, ungewöhnlich zu präsentieren. Es gelingt uns doch, berühmte Meister dafür unvoreingenommen zu bewundern, etwa Lucas Cranach den Älteren, Rubens oder Picasso. Ehrenwerte Intentionen dürfen wir getrost auch den Fotografen des Erotik-Kalenders unterstellen. Jenes Frauen-Antlitz, das in der Zeitung zu sehen war, beziehe ich ausdrücklich ein. Dass es unterschiedliche Deutungen zulässt, liegt im Sinne von Kunst. Es wurde aber, wie alle anderen Kalenderfotos, von einer Jury und den Internet-Nutzern von www.mainpost.de aus Einsendungen von 118 Fotografen ausgewählt.
Ich erkenne hier wieder, dass sich Redaktionen von Tageszeitungen, die selbst Glaubwürdigkeit und Seriosität anstreben, den moralischen Ansprüchen aus ihrer Leserschaft stellen müssen. Die Maßstäbe dafür sind selten gleich. So bleiben selbst bei größter journalistischer Sensibilität Kritik und Auseinandersetzungen darüber unvermeidlich.
Im Januar 2010 tut es wenigstens gut, zu wissen, dass der Kalender tatsächlich Hilfe für bedürftige Menschen bringt. Er hat ihnen genutzt, nicht geschadet.
| Noch nicht registriert? Als registrierter Benutzer stehen Ihnen viele zusätzliche Funktionen zur Verfügung. » Jetzt registrieren |






= Kommentar melden




