Sorge um körperlich und seelisch verletzte Haitianer
Die Erdbebenkatastrophe auf Haiti löst neben der Spendenwelle auch Besorgnis und Ideen aus. Nehmen wir den Einfall einer Leserin, die an die vielen Karibik-Urlauber erinnert. Also machte sie der Redaktion folgenden Vorschlag: Die Touristen könnten Kleider für die Menschen auf Haiti an ihren Urlaubsorten zurücklassen und dazu für Waschen und Weitertransport einen Betrag. Die Hotels sollten alles zu Sammelstationen bringen lassen. Die Kleider kämen den Haitianern dann gerade recht, wenn ihre Ernährung gesichert sei. Die Frau schreibt: „Manchmal hilft eine kleine Idee oder daraus wird etwas anderes.“
Mag sein, dass daraus etwas wird, obwohl aufwendige Organisation und Umsetzung es unwahrscheinlich erscheinen lassen. Wenn, dann muss eine Hilfsorganisation die Idee aufgreifen. Eine Regionalzeitung kann das nicht bewältigen.
Eine andere Leserin versteht nicht, warum so viele Journalisten aus Zeitungen und Sendern, darunter auch noch eine Vertreterin der Main-Post, derzeit Haiti bevölkern müssen. „Die knappen Ressourcen an sauberem Wasser, Lebensmitteln und intakten Unterkünften sollten für die Haitianer da sein und nicht, um ausländische Journalisten sauber und satt zu machen.“ Zudem dürften körperlich und seelisch verletzte Menschen nicht als Berichtsmaterial missbraucht werden. Es müsse, so wünscht die Frau, eine Selbstbeschränkung der Berichterstattung geben, damit der Tross der Journalisten klein gehalten werden könne und die Hilfe für Menschen an erster Stelle stehe. Sie schlägt vor, aus jedem westlichen Land sollte ein Team für alle berichten.
Eine fast schon globale freiwillige Gleichschaltung von Medien ist natürlich illusorisch und nicht wünschenswert. Ich konnte der besorgten Frau aber mitteilen, dass Ingrid Müller, die für uns von der Insel berichtet, Korrespondentin der Berliner Zeitung „Tagesspiegel“ ist und noch für eine ganze Reihe anderer Zeitungen schreibt. Nur ganz wenige Regional- und Lokalzeitungen werden sich einen kostspieligen Einsatz im fernen Katastrophengebiet exklusiv leisten. Sie setzen meist auf die Deutsche Presseagentur (dpa), deren Dienste sie pauschal einkaufen.
Andererseits sollte man den positiven Aspekt vieler Journalisten vor Ort nicht unterschätzen: Die schreckliche Wirklichkeit wird durch sie authentisch in alle Welt und durch alle Medien transportiert. Das erzeugt die Betroffenheit, die weltweit Hilfe erst auslöst. Deshalb ist auf eine angemessene Darstellung des Leidens einzelner Menschen kaum zu verzichten. Das ist kein Missbrauch. Die meisten betroffenen Haitianer sind dankbar dafür.
Kollegin Müller hat den Redaktionen aus Haiti folgendes mitgeteilt: „Aus Würzburg kam die Frage nach einem Beitrag über die Arbeitsbedingungen von Journalisten. Den kann ich nicht liefern, weil ich nicht mal weiß, welche Kollegen überhaupt (noch) hier sind und wenn ja, wo. Ich war extra bei der Hungerhilfe, aber da ist nur noch ein einsamer Journalist. Seit Tagen treffe ich keinen Kollegen mehr, außer den wenigen, die ich täglich um mich habe.“
Ich füge dem hinzu, dass Ingrid Müller eine sehr erfahrene und verantwortungsbewusste Kollegin ist, die sich im Katastrophengebiet zu bewegen weiß. Sie wird keiner Hilfsaktion und keinem Helfer im Wege stehen.
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