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aktualisiert: 23.12.2009 10:13 Uhr

Über die unterschiedlichen Möglichkeiten, einen Winzersohn zu bewerten

Die Betrachtung einer Kritik an der Berichterstattung über den Rücktritt des Arbeitsministers Franz Josef Jung

So manche Nachricht kommt anders an, wie von der Redaktion beabsichtigt. So schreibt mir ein Leser: „Wenn ich am 28.11. in den Artikeln von Werner Kolhoff und Hagen Strauss über Franz Josef Jung und seinen Rücktritt als Minister die Formulierungen finde '... sagte der 60-jährige Winzersohn aus Hessen ...', bzw. '... gilt der Winzersohn als enger und einflussreicher Vertrauter von Ministerpräsident Roland Koch...', dann deute ich diese Information als Verächtlichmachung und damit als Meinung.“ – Der Kritiker folgert daraus zudem eine Vermischung von Nachricht und Meinung, mit der gezeigt werden solle, ein Winzersohn entstamme keiner edlen Familie. Er selbst, der Absender dieser Kritik, stellt sich mir als Sohn eines Arbeiters vor.

In diesem Fall scheint mir unübersehbar, dass die Nachricht erst beim Leser zur Botschaft geworden ist. Welche jeweils daraus wird, das hängt von des Lesers Haltung, bzw. Sozialisierung ab. Jedenfalls wollten die Autoren des Berichtes den Ex-Verteidigungs- und Arbeitsminister nicht verächtlich machen, als sie ihn als Winzersohn bezeichneten, zumal diese Information korrekt ist. Deutungen lässt sie natürlich zu. So werden sich andere Leser mit anderen Haltungen zu Winzersöhnen finden, speziell für solche, die wie Jung lieber Landwirtschaftsminister geworden wären. Als Franke zähle ich mich zu den Zeitgenossen, denen angesehene, bodenständige Familien einfallen, wenn sie von Winzern hören. Anderseits räume ich ein, dass es in jener Jung-Berichterstattung besser gewesen wäre, den Ex-Minister auch als promovierten Juristen erkennbar zu machen. Das hat im Bericht gänzlich gefehlt und damit die Möglichkeit eröffnet, Winzers Sohn in seiner Rolle als abschätzig zu bewerten. Hingegen mag ich mich mit der Einteilung von Familien in edel und nicht edel nicht gemein machen. Von Journalisten dürfen Sie erwarten, dass sie auch vor Arbeiterkindern Respekt haben, auch, oder gerade, wenn sie es zum Minister gebracht haben.

Lesern rate ich oft, dass sie zunächst ihre eigene Haltung überprüfen, aus der sich ihr Blickwinkel ergeben könnte und daran die Wirkung einer Nachricht messen. Die Redaktion wiederum muss es in ihre Überlegungen einbeziehen, dass Nachrichten unterschiedlich wirken können.

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