Wenig Schmeichelhaftes für die Redaktion im Advent
Unendlich enttäuscht und frustriert“ zeigte sich jetzt eine Leserin, weil sie nach einer humanitären Aktivität glaubt, dass sie dieser Zeitung „nichts, aber auch gar nichts wert ist.“ Mit ihrem Zeitungsfrust steht sie nicht alleine da. Ein anderer Leser plagt sich nämlich damit herum, dass sich unsere „Kulturabteilung ein Armutszeugnis höchster Güte“ bei der Besprechung eines Konzertes ausgestellt habe.
Ein langjähriger Abonnent schimpft unter Angabe seiner Kundennummer, es könne kein Platzmangel sein, dass ein Chorkonzert nicht ausreichend gewürdigt worden sei. Schließlich ist er sich sicher, „dass in nächster Zeit über Faschingsveranstaltungen wieder seitenlange Bilder und Berichte erscheinen werden“.
Überdenken sollte die Redaktion endlich mal, dass die Fehler, die Journalisten ins System schreiben, einfach nur abgedruckt würden. Zu viele Bilder belästigen jenen Herrn, der sich stattdessen mehr lokale Texte wünscht. Eine Leserin teilt mir sogar ihre Wut darüber mit, dass die Strafen für Kinderschänder bei unserer Rechtsprechung zu gering ausfallen würden. Ein schockierter Leserbriefschreiber beweist mir mittels Kopie, dass ihm nach der Veröffentlichung seines Textes „Unmenschlichkeit“ unterstellt worden ist. Dabei sind es doch die Medien, die „verantwortungslos mit dem Weltgeschehen umgehen“, will ein anderer Kritiker wissen und wieder ein anderer wartet seit Tagen vergeblich auf die Entschuldigung des Autors einer Konzertkritik. Nicht zum ersten Male wird Geschmacklosigkeit unterstellt, weil sich Todesanzeigen neben Glückwunschanzeigen gefunden haben.
Stopp. Damit soll es genug sein mit meiner Auswahl wenig schmeichelhafter Zitate aus digitalen, gedruckten und handschriftlichen Zuwendungen für die Redaktion dieser Zeitung zur Adventszeit. Ich danke für die übermäßig offenen Worte und entschuldige mich für Fehler, die wir zu verantworten haben. Nein, das ist kein weihnachtlicher Gefühlsanfall. Gewiss, mehr Sachlichkeit wünsche ich mir mitunter. Noch wichtiger ist mir heute aber, dass niemand seinen Ärger über einen Zeitungsbeitrag in die Festtage hineinschleppt. Einige haben eben versucht, ihn loszuwerden und können sicher sein, dass sie keine Zeile umsonst geschrieben haben. Alle sind angekommen und angenommen. Wir haben uns in der Redaktion jede Kritik zu Herzen genommen. Ich bitte lediglich um Verständnis, dass ich hier, schon wegen der Menge, nicht auf die Zuschriften eingehen kann. Meine Antworten direkt an die Absender folgen. Nicht alles soll sich in Wohlgefallen auflösen. Aber vielleicht sind Sie, so wie ich, ein wenig versöhnlich gestimmt. Mir hilft, dass ich anerkennende Schreiben (Dank an die Absender) aufbewahrt habe. Nachlesen stärkt.
Deshalb mein Tipp: Holen auch Sie hervor, was Freude bereitet hat – vielleicht sogar in der Zeitung. Fühlen Sie sich auf jeden Fall von mir verstanden, selbst wenn ich Sie vor den Festtagen nicht mehr erreichen sollte.
Dieses gute alte Sprichwort ist auch in Zeiten der digitalen Medienvielfalt, des gedruckten Wortes sowieso und einer Fülle von Interessen und den daraus resultierenden Konflikten, so aktuell und zutreffend wie eh und je! Auch für Zeitungsmacher und deren Rezipienten, den werten Lesern all der Mühe dieses Produkt so gut und interessant wie möglich zu gestalten.
Nein, ich will nicht die Partei der Redaktionen ergreifen, aber auch die lieben, kritischen und oftmals entrüsteten Leser müssen sich zum Schluss des Jahres mal ein paar unbequeme Fragen gefallen lassen:
Ist wirklich ALLES, was SIE selbst für wichtig halten, auch wichtig genug, um "in der Zeitung" zu erscheinen? Ist jedes von IHNEN so geschätzte Ereignis, auch automatisch eines, das ALLE ANDEREN Leser auch gewürdigt sehen wollen? Ist IHNEN klar, dass jeden Tag ohnehin nur ein BRUCHTEIL der auflaufenden News, Meldungen und globalen, wie lokalen Geschehnisse, überhaupt einen Platz finden, auf dem stark limitierten Raum IHRER Zeitung? Ist alles, was SIE selbst im Alltag fabrizieren, denn immer 100% gelungen und perfekt? Sieht nicht schon IHR bester Freund oder netter Nachbar die Dinge oft ganz anders in der Wertigkeit der Berichterstattung?
Kurz gesagt: Auch ein professionelles Druckerzeugnis, eine Zeitung, eine Online-NewsSite ist und bleibt ein von Menschen für Menschen gemachtes "Produkt", mit Stärken, Schwächen, Fehlern und Imperfektionen. Und natürlich weiß JEDER zweite LESER(IN), wie es noch weitaus besser zu machen wäre -- bis er/sie selbst es in die Tat umsetzen müsste.
Merke also für die Festtage der kollektiven "Besinnung": JEDES Produkt, auch die Zeitung, kann immer noch besser gemacht werden, aber niemand hat das Patentrezept dafür in der Hand, um es immer allen RECHT ZU MACHEN. Unzufriedene gehören zum Geschäft, wie der Lob & Tadel in jedem Job auf dieser Welt. Und sei er noch so hochqualifiziert ...
Carpe diem und frohe Festtage!
MfG LifeExplorer
Guten Rutsch
Anton Sahlender, Leseranwalt
Auch Ihnen einen guten Jahresbeschluss und tun Sie sich bitte keinen Zwang an; ich bin immer für interessante Vorschläge zu begeistern ...
MfG LifeExplorer
Ich finde die Berichterstattung derzeit auch nicht wirklich geglückt, und die Abstimmung aufeinander, die Recherche und den Anspruch auf neutrale Berichterstattung auch nicht.
Nun, das impliziert die unausgesprochene Unterstellung, dass "tendenziös" ausgefiltert würde. Das hätte ich jetzt gern näher spezifiziert von Ihnen, denn der Vorwurf ist recht deftig. Können Sie den auch belegen, werter smac? Was wird denn Ihrer Ansicht nach an Meldungen "unterdrückt"? Der pauschale Vorwurf per se ist mir zu platt, sorry. Etwas Konkretes wäre diskussionsförderlich und sicher aufschlussreich!
@"Ich finde die Berichterstattung derzeit auch nicht wirklich geglückt, und die Abstimmung aufeinander, die Recherche und den Anspruch auf neutrale Berichterstattung auch nicht."
Ergo finden sie eigentlich das ganze Blatt inhaltlich schlecht? -- Denn ich frage mich schon, was sie noch "akzeptabel" oder gar "gut" finden, bei so einem Rundumschlag?
Oder geht Ihnen einfach darum, sich mal richtig auszulassen, aus der anonymen Deckung des Internets heraus? Könnte ja auch sein, bei DIESEM vernichtenden Urteil?
Also, ran an die Tasten: WIE geht's denn besser? Was wollen Sie wirklich?
Fragt sich der Leser Ihres Comments...
MfG
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