Zwischen den Fronten verzweifeln die gepeinigten Menschen
Seit Tagen wird das kleine Krankenhaus im Nordosten Sri Lankas beschossen. Immer wieder schlugen Raketen in das Gebäude in Puthukkudiyiruppu ein und beschädigen den Operationssaal. Sechs Mal in drei Tagen wurde die Klinik angegriffen. Die Patienten wollen nur noch raus, sagt Sophie Romanes vom Internationalen Roten Kreuz. Bei der Evakuierung wurden 300 Kranke in ein wenige Kilometer entferntes Notquartier gebracht. Aus der Gefahrenzone sind sie damit aber nicht.
Allen Besitz verloren
Das Rote Kreuz ist eines der letzten Hilfswerke, das überhaupt noch Kontakt zu den Menschen in der Kriegszone hat. „Die Menschen sind in einem sehr kleinen Gebiet gefangen. Sie haben allen ihren Besitz verloren und brauchen dringend Hilfe“, erklärt Romanes. Die Armee hat die „Befreiungstiger von Tamil Eelam“ (LTTE) nach eigenen Angaben inzwischen in eine kleine Zone von etwa 260 Quadratkilometern in Nordosten der Insel zurückgedrängt.
Präsident Mahinda Rajapaksa gab sich jüngst an Sri Lankas Nationalfeiertag siegessicher: In ein paar Tagen werde der Krieg gewonnen sein, verkündete er. Verzweiflung herrscht dagegen zwischen den Fronten, wo offenbar rund 250 000 Menschen gefangen sind. Die Regierung in Colombo sagt, es seien allenfalls halb so viele. Weil sie keine unabhängigen Beobachter in das Kriegsgebiet lässt, ist es schwer, die Informationen zu überprüfen.
Sri Lanka hat eine lange und grausame Geschichte von Flucht und Vertreibung. 1983 begann der Bürgerkrieg zwischen der Armee und den tamilischen Rebellen, die für einen eigenen Tamilen-Staat kämpfen. Etwa 13 Prozent der 20 Millionen Sri Lanker sind Tamilen, drei Viertel Singhalesen. Schon Mitte der 80er Jahre mussten Tamilen Manal Aru im Nordosten verlassen, die Gegend ist heute erneut umkämpft.
Auffanglager im Westen
Im Oktober 1990 verdrängte die LTTE 80 000 Muslime aus dem Norden – sie hatten nur zwei Stunden Zeit, ihr Hab und Gut zu packen. Die meisten von ihnen leben immer noch in Auffanglagern im Puttalam Distrikt im Westen Sri Lankas. Eine massive Zuspitzung des Konflikts zeichnete sich seit Mitte 2006 ab, als die Armee begann, das von den Rebellen kontrollierte Territorium schrittweise zurückzuerobern.
Die LTTE hatte in ihren besten Zeiten 15 000 Quadratkilometer unter ihrer Herrschaft. Jetzt fürchten Hilfswerke um die Menschen, die in der Kampfzone festsitzen und ohne Lebensmittel und medizinische Versorgung beschossen und bombardiert werden. Die LTTE hat kaum Grund, die Flüchtlinge ziehen zu lassen. Würden sie gehen, hätte es die Armee umso leichter, ihre siegreiche Offensive zu vollenden.
Die Regierung hingegen hat den Zivilisten freies Geleit angeboten. Doch auch das ist nicht wörtlich zu nehmen. Denn der Geheimdienst ist sich klar, dass die verbleibenden LTTE-Kader – Armeechef Sarath Fonseka schätzt ihre Zahl auf 600 – untergetaucht sind und sich zwischen den zumeist tamilischen Zivilisten in der Kampfzone verstecken. Die Regierung dürfte daher kaum gewillt sein, die Flüchtlinge wirklich frei ihres Weges ziehen zu lassen.
Brutale Terrororganisation
Die LTTE gilt als eine der brutalsten Terrororganisationen der Welt. Sie hat immer wieder gezeigt, dass sie in der Lage ist, sich auf den klassischen Guerilla-Kampf zu verlegen und die ganze Insel mit Selbstmordattentaten in Angst und Schrecken zu versetzen. Jaffna, die Halbinsel an der Nordspitze der tränenförmigen Insel zeigt, was der tamilischen Bevölkerung in Zukunft drohen könnte. Die Region wird seit 1995 von der Regierung kontrolliert. Aus Angst vor Anschlägen der LTTE sind die Sicherheitsvorkehrungen so strikt, dass ein ungezwungenes Leben dort kaum möglich ist.
Im Blickpunkt
Die Lage im Norrdosten Sri Lankas Während sich die Lage für Zehntausende Zivilisten im umkämpften Nordosten Sri Lankas zuspitzt, sind nach unabhängigen Angaben starben bei den schweren Gefechten bis zum Wochenende mindestens 2000 Zivilisten, darunter hunderte Kinder gestorben. Mindestens 2000 weitere Unbeteiligte seien verwundet worden, hieß es aus zuverlässigen Quellen, die sich auf Krankenhäuser und Augenzeugen im Kampfgebiet berufen und unabhängig von den Konfliktparteien sind.





Bewertungen können nur angemeldete Benutzer abgeben!









