publiziert: 29.10.2010 18:20 Uhr
aktualisiert: 08.11.2010 13:19 Uhr
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200 Umdrehungen im Jahr

Serie "Meine Maschine und ich"
  • Auf Durchzug: Hubert Kirchner bei einem Zwischenstopp der drehbaren Konzertmuschel, der den Blick in die Wandelhalle freigibt.
    Foto: Siegfried Farkas
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Alle reden von Entschleunigen. Die Staatsbad GmbH tut es. Mit der drehbaren Konzertmuschel zwischen Kurgarten und Wandelhalle betreibt sie ein Stück Technik, das es auf 100 bis 200 Umdrehungen bringt. Nicht pro Sekunde, nicht pro Minute und auch nicht pro Stunde. Sondern: pro Jahr!

Im Grunde gehört die Konzertmuschel zum Kurort wie der Pandur zur Verstopfung. Viele Gäste der Stadt sollen als Patienten gezielt aus ihrem krankmachenden Alltagsrhythmus herausgenommen werden. Was wäre dafür besser geeignet als eine Technik, gegen die ein betuliches altes Kinderkarussell wirkt wie ein D-Zug.

Bedient wird die drehbare Konzertmuschel hauptsächlich von Kurwarten. Technisch zuständig aber ist Hubert Kirchner. Der 42-Jährige leitet das Gebäudemanagement der Staatsbad GmbH. Angesichts der Fülle von Technik in Keller, Dachboden und Wänden von Regentenbau, Arkadenbau und Wandelhalle ist die Bühne allerdings eher ein Randereignis für ihn und seine Leute.

Ein Teil der Technik kann im nächsten Jahr rundes Jubiläum feiern. Da begeht die Staatsbad GmbH das 100-Jährige der Wandelhalle. Der Komplex der Konzertmuschel gehört dazu.

Ein Teil der Maschinerie unter der Bühne ist im Zuge der Sanierung der Kurgebäude 2001 erneuert worden, Schleifringe und Motoren entsprechen seither dem heutigen Stand der Technik, erklärt Kirchner. Bei der Steuerung hat der Joystick die Aufgabe des früheren Handrades übernommen.

Alles andere, zum Beispiel die Zahnräder, stamme wahrscheinlich noch aus der Bauzeit, schätzt Kirchner. „Auch von den älteren Mitarbeitern kann sich keiner erinnern, dass je etwas ausgetauscht worden wäre.“

Zu dieser Zeit des Jahres ist die Konzertmuschel bereits fest auf Winter eingestellt. Das heißt, die Bühne blickt dauerhaft nach innen. Die Zwischenräume nach draußen sind abgedichtet. Die Heizung ist angeschlossen.

Im Sommer aber ist der Arbeitsplatz des Kurorchesters ein Inbegriff der Flexibilität, erklärt Kirchner: „In der Saison ist es eine Sache von zwei bis drei Minuten, die Bühne zu drehen.“

Nur beim Anfahren ächzt sie manchmal

Insgesamt darf man Bad Kissingens drehbare Konzertmuschel getrost als geradezu idealen dienstbaren Geist werten. Sie drängt sich nicht in den Vordergrund. Höchstens beim Anfahren lässt sie mal ein leises Ächzen hören. Ansonsten tut sie praktisch immer, wie ihr geheißen.

Nur einmal, es muss Mitte der 1990er Jahre gewesen sein, trat die Konzertmuschel aus dem Schatten von Klimaanlage, Licht- und Tontechnik heraus. Damals, so berichtet Hubert Kirchner, stand das Handrad, mit dem man die Drehbühne seinerzeit noch steuerte, offenbar nicht ganz auf null, als das Kurorchester die Bühne betrat. Zunächst habe das keiner bemerkt, erinnert sich Kirchner. Als aber die Türen zur Bühne geschlossen und so die Sicherungen gegen unfreiwilligen Betrieb ausgehebelt waren, setzte sich die Bühne selbsttätig in Bewegung.

Von Seiten des Publikums trug das Kurorchester und Konzertmuschel doppelten Applaus ein. Wenn sich Bühne und Musiker dem Kurgarten zuwandten, wurde das von dort mit dankbarem Beifall quittiert. Richtete sich der Blick nach innen, Richtung Wandelhalle, freute das die Menschen dort. Das ging solange, bis der eilig herbeigerufene Hubert Kirchner, dem Tanz durch Betätigung des Notausschalters ein Ende setzte.

Ob das Kurorchester seine Karussellfahrt musikalisch begleitete, ist nicht überliefert. Wenn Wunschkonzert gewesen wäre, hätten die Besucher aber bestimmt einen Dreher gefordert. Oder einen langsamen Walzer.

Von unserem Redaktionsmitglied Siegfried Farkas
    
    

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