publiziert: 25.06.2009 17:24 Uhr
aktualisiert: 26.06.2009 08:23 Uhr
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Das Virtuose als uneitle Kunst

Giuliano Carmignola mit dem Venice Baroque Orchestra im Regentenbau

Spezialisten mit Spielwitz und Feinsinn: Das Venice Baroque Orchestra mit Giuliano Carmignola und eine Lehrstunde in Sachen Vivaldi.

Dass Giuliano Carmignola in Bad Kissingen alle vier Jahreszeiten kennenlernt, wäre dem Publikum zu wünschen. Den Winter hat er vor eineinhalb Jahren beim Winterzauber schon erlebt, nun füllte er beim Kissinger Sommer am Mittwochabend ein zweites Mal den Max-Littmann-Saal im Regentenbau.

Während beim Winterzauber-Konzert neben Vivaldi auch die Landsleute Locatelli und Tartini zu hören waren, war das jetzige Sommerkonzert ganz alleine Vivaldi gewidmet. Stoff genug hat der Venezianer hinterlassen. Das Venice Baroque Orchestra unter seinem Leiter Andrea Marcon, der zuvor schon mit den„Sonatori de la Gioiosa Marca“ und Carmignola Mustergültiges für den barocken CD-Katalog vorgelegt hat, gilt als Referenz historischer Vivaldi-Aufführungspraxis.

Diesen Anspruch verteidigten die Italiener schon bei den ersten vier Stücken des Abends, kurzen Sinfonien und Konzerten für Streicher, also ohne Solisten. Unerträglich wurde das Warten auf Carmignola dabei nicht. Vivaldis Konzerte sind reizvolle Stücke, erfindungsreich in ihren abwechselnden Stimmungen, die von lyrischer Intimität in einer Lautenpassage zur gewitzten, polternden Bass-Einleitung im Allegro des Konzerts RV114 reichen.

Perfekt werden diese Perlen freilich erst, wenn sie auf Hochglanz poliert werden von einem Ensemble, das dem barocken Gesellschaftsideal des gemeinschaftlichen höfischen Musizierens offensichtlich idealerweise gerecht wird. Die Venezianer pflegen jedenfalls einen Grad an Gleichklang und Homogenität, der staunen lässt. Auf der anderen Seite wirkt diese Spielkultur niemals bloß perfektionistisch, hochgezüchtet oder gar unterkühlt. Es ist die schiere Freude am Zusammenspiel, die nicht nur von den schalkhaften Augen des Lautisten Ivano Zanenghi abzulesen ist. Es ist die Lust, gemeinsam an der Perfektionierung des einen zu arbeiten. Die Violinisten des Venice Baroque Orchestras stehen übrigens bei ihrem Musizieren in historischer Aufführungspraxis. Genau das macht ihren Vivaldi so leichtfüßig, so beschwingt und frisch.

Beschwingt und frisch klingt auch Carmignolas Barockgeige im zweiten Programmteil mit Violinkonzerten. Brillanz und Nuanciertheit seines Spiels sind phänomenal, gerade in Anbetracht der klangtechnischen Grenzen solcher historischer Instrumente.

Wie sich aus einem Unisono der Violinen sein Solo herausschält, wie Ensemble und Solist interagieren, das bereitet großen Genuss. Dabei bleibt Carmignola stets in Diensten der Sache, aller Glanz fällt auf Vivaldis musikalisches Ideal des subjektiven Ausdrucks. Vivaldi feiert das Virtuose, nicht den Virtuosen. Das zu zeigen ist die große, uneitle Kunst der Italiener aus Venedig.

Von unserem Redaktionsmitglied Gerhard Fischer
    
    

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