publiziert: 05.07.2010 15:34 Uhr
aktualisiert: 05.07.2010 20:00 Uhr
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Die innere Freiheit

Alexei Lubimov und eine Lehrstunde in Avantgarde

Wenn der Kissinger Sommer die Pfade des Ungewöhnlichen betritt, ist damit meist ein großer Gewinn für den Zuhörer verbunden. So war es auch am Freitagnachmittag. Einer der heißesten Nachmittage der Woche, dazu russische Klaviermusik des 20. Jahrhunderts. Den Neugierigen wurde physisch viel abverlangt. Mit Alexei Lubimov am Klavier war aber ein Mann an die Saale gekommen, der als Anwalt der russischen Avantgarde den besonderen Schlüssel hatte für die zum Teil sperrige Musik.

Die Spannungen, unter denen Lubimov in den Jahrzehnten der Diktatur bis zur Auflösung der Sowjetunion arbeiten musste, spiegeln sich in einem Repertoire wider, das von der historischen Aufführungspraxis mit Hammerflügel eben zu den schroffen Brutalismen der russischen Moderne reicht.

Valentin Silvestrov (Jahrgang 1937), mit dem Lubimov den Nachmittag im Weißen Saal eröffnete, ist von solcher Härte freilich weit entfernt. Seine Sonate schreibt er seiner Schaffensphase der „Identität der Stile“ zu, es geht hier also um das Nebeneinander, das Ineinanderwirken moderner und spätromantischer Einflüsse. Wie bei Messiaens Vogelstimmen-Motivik ist bei Silvestrov die Natur noch Stoffgeber einer sehr meditativen Musik, die sogar einen liedhaft-naiven Ausklang findet.

Ein ganzes Stück herber klingt da schon André Volkonskys (1933–2008) „Musica Stricta“, die erstmals in der russischen Musik der Sowjetzeit Elemente der Zwölftontechnik verarbeitet und die Mitauslöser für ein Aufführungsverbot war. Ein dunkel beginnendes Allegretto, ein herbes Lento rubato und ein unerbittlich fortschreitendes Allegro marcato, das in einem Doppelton von äußerster Härte endet: Es ist die Musik einer inneren Emigration, der Beginn der inoffiziellen Periode, zu der auch Werke von Arvo Pärt oder Sofia Gubaidulina zählen werden.

Noch viel radikaler in ihrer Unerbittlichkeit ist Galina Ulstwolskayas (1919–2006) Klaviersonate von 1986, deren roter Faden ein wiederkehrendes Des ist. Der Brutalität des sowjetischen Machtapparats antwortet eine Komponistinnenstimme, die der Kälte des Regimes mit der Härte metallischen Klavierklangs im Fortissimo den Spiegel vorhält.

Der brillante Alexei Lubimov arbeitet das Charakteristische im Komponieren seiner Landsleute fein- und klangsinnig heraus, seine etwas spitze Artikulation passt zu den Werken, die um russische Klassiker wie Schostakowitsch, Skrjabin und Prokofieff ergänzt wurden. Dessen Klaviersonate Nr. 7 aus dem Kriegsjahr 1942 mit ihrer effektvollen Motorik und ihrem aggressiven Expressionismus überstrahlte natürlicherweise am Ende den Rest des klug gewählten Programms.

Von unserem Redaktionsmitglied Gerhard Fischer
    
    

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