aktualisiert: 31.01.2011 18:19 Uhr
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BAD KISSINGEN
Ehemalige Skisprungschanzen: Jenseits der 20-Meter-Marke
Wintersport in Bad Kissingen
Einst gab es am Sinnberg und am Finsterberg Skisprungschanzen, auf denen auch Wettbewerbe ausgetragen wurden. Die Weitenjäger segelten auf dicken Holzlatten hinunter zum kritischen Punkt.
Waghalsige Kerle waren es, die sich einst die Kissinger Skisprungschanzen am Sinnberg und am Finsterberg hinunterstürzten – Kerle wie der vor 50 Jahren gestorbene Willy Wegemer, als erster Skiwart die treibende Kraft beim Bau der Sinnbergschanze und derjenige, der 1929 dort mit wie Flügel ausgebreiteten Armen den Premierensprung zeigte.
Die Weiten waren natürlich nicht vergleichbar mit denen von Jens Weißflog, Dieter Thoma oder Martin Schmitt, aber dafür war die Ausrüstung im Vergleich zu heute abenteuerlich. Der Kissinger Horst Herbst, Jahrgang 1935 und Springer der zweiten Generation, sagt von seinen damaligen Sprungskiern: „Die waren wahnsinnig schwer und gar nicht beweglich, diese Schwarten. Die lassen sich mit dem heutigen Material überhaupt nicht vergleichen.“
Das erste Springen in Bad Kissingen fand am 27. Januar 1929 statt. „Mit großem Eifer und Mut, auch von jugendlicher Seite, ging es über die Schanzen“, steht im seit 1925 geführten ersten Vereinsbuch – Titel: „Protokolle und Sportberichte der Schneeschuhabteilung“ – des Ski-Clubs Bad Kissingen über das Eröffnungsspringen am Sinnberg. „Es wurden auch von verschiedenen Mitgliedern wohlgelungene und für unsere Schanze weite Sprünge gezeigt“, heißt es außerdem. Haltung und Landung waren für die Wertung egal, ausschlaggebend war allein die gestandene Weite. Die Ergebnisse des Springens sind leider nicht überliefert, aber die Bemerkung: „Lange Übung wird auch unsere Technik noch verbessern“. Im Jubiläumsheft von 1973 findet sich aber noch der Hinweis, dass der Springer Hans Meier wegen Sturzes und Beinbruchs ausscheiden musste. Auf den Aufnahmen vom Eröffnungsspringen sieht man zahlreiche neugierige Zuschauer – die Damen trugen Röcke, die Herren lange Mäntel und Hüte. An den Masten an den Ecken des Schanzentisches wehten bayerische Fahnen in Wimpelform. „Gute Stimmung“ habe geherrscht. Auf der großen Schanze wurden in den Folgejahren Sprünge gezeigt, „die bis über die 20-Meter-Marke gingen“, wie in einem Jubiläumsgedicht des SC-Ehrenmitglieds Hannes Wunner zum 40-jährigen Vereinsbestehen 1963 steht. Die kleine Schanze wurde interessanterweise auch bei Langlaufwettbewerben der Herren genutzt.
Schanzentisch am Sinnberg noch sichtbar
Heute erinnert an die Kissinger Schanzen freilich nicht mehr allzu viel. Am Finsterberg, wo von 1949 bis 1968 zwei Skisprungschanzen aus Holz standen, steht heute am höchsten Punkt, ein Stück weit oberhalb des Schanzenstandorts, nur mehr eine Schautafel, die über die ehemaligen Schanzen informiert. Am Sinnberg, unweit des Bismarckturmes, nutzte man ab 1926 die natürliche Hangneigung für eine größere Naturschanze und einen kleinen Übungshügel. Die Schanzenanlage, vor allem der Aufsprunghügel, wurde nach dem ersten Springen im Sommer 1929 in Handarbeit mit Pickel und Schaufel umgebaut. Heute kann man am Sinnberg immerhin noch den Anlauf- und Aufsprunghügel der Schanze erkennen und die Reste des später mit Betonschwellen befestigten Schanzentisches, des sogenannten Bakkens, sehen, der eine talseitige Höhe von 1,50 Metern hatte. Die Anlage, die unter Anleitung von Heinz Sandner 1965 noch ein letztes Mal als Übungsschanze für die Jugend hergerichtet wurde, aber keine nennenswerten Springen mehr sah, ist inzwischen ziemlich von Gestrüpp und Kiefern eingewachsen.
Mit dabei beim Eröffnungsspringen am Sinnberg und am Ende als Jugendsieger auf dem Treppchen war als junger Mann auch der inzwischen verstorbene Reiterswiesener Philipp Dees, Jahrgang 1910, der schon seit 1924 Mitglied im Ski-Club war. Während des Zweiten Weltkriegs war dann kaum an Skispringen zu denken, zumal die Skier abgegeben werden mussten. Der aus Rundhölzern und Brettern zusammengezimmerte Schanzentisch verfiel. Unmittelbar danach wurde der Bakken zwar wieder hergerichtet, wobei unter anderem Philipp Dees, August Schmidt und der später zu den Topspringern zählende Kissinger Franz Weyrich mit Hand anlegten.
Doch baute Dees am Finsterberg in Reiterswiesen im Herbst 1948 eine eigene Übungsschanze aus Holz, die am 5. März 1949 eingeweiht wurde. Den dafür nötigen Grund und Boden hatte er zuvor erst erwerben müssen. Weil die erhofften Sprungweiten durch einen zu niedrigen Anlauf nicht erreicht wurden, baute man 1950 eine größere Schanze. Edgar Lösel, so erinnert sich der Kissinger Günter Hartmann, habe beim Bau mitgeholfen und sich vom Geld, das er von Dees dafür erhalten habe, seine ersten eigenen Skischuhe gekauft. Der Bau der Schanzen lief größtenteils in privater Initiative Dees' beziehungsweise über den TSV Reiterswiesen, sie wurden aber vom Ski-Club zum Üben und für Vereinsmeisterschaften genutzt und später ganz übernommen. Aus dem Jahr 1963 ist die Ergebnisliste eines Springens überliefert, das bei den Herren Erwin Markert mit gestandenen 22 und 22,5 Metern und bei den Jugendlichen Manfred Schmidt auf der kleinen Schanze mit 15 und 15,5 Metern gewann. „Über 100 Zuschauer sahen zum Teil sehr schöne Sprünge“, stand danach in der Zeitung zu lesen.
Der Holzturm der kleinen Schanze in Reiterswiesen war vier, der der großen sogar zehn Meter hoch. „Eine solche Holzkonstruktion wäre heute gar nicht mehr statthaft“, ist sich Harry Dees, Sohn des Schanzenbauers, sicher. Heinz Sandner, der Schanzenrekordhalter Franz Weyrich und Erwin Markert waren am Finsterberg die erfolgreichsten Springer. Der aus dem Riesengebirge stammende Sandner, lange Jahre der beste Skispringer des Skigaues Rhön und schon von seiner Heimat her an große Schanzen gewöhnt (am Gersfelder Reesberg sprang er einmal 65 Meter), sei einmal 29 Meter weit gesprungen, habe den Sprung aber nicht stehen können, weiß Dees zu berichten. Horst Herbst kann sich zwar nur an einen Sprung von 27 Metern erinnern, ansonsten seien aber immerhin Sprünge von 24, 25 Metern gestanden worden, wobei Herbst nicht mehr zu sagen vermag, ob diese Weiten auch bei offiziellen Springen erzielt wurden. Nicht nur Vereinsmitglieder, auch Springer aus der ganzen Rhön und Vorrhön, manchmal auch Gastspringer von weiter her, zeigten bei Vereinsmeisterschaften auf der großen Schanze ihre Kunst.
Mutprobe Skispringen
Auf einer Schanze zu stehen und sich dann nach unten zu stürzen, ist gar nicht ohne. Davon weiß Harry Dees, der das Langlaufen bevorzugte (hier wurde er in der Jugend Gaumeister), ein Lied zu singen. Sein Vater wollte, dass er auch springt, da er in der Nordischen Kombination größere Chancen hätte. Einmal hat Harry Dees auf der großen Finsterbergschanze an einem der Fahnenmasten, die eine Zeit lang an der linken und rechten Ecke des Schanzentisches standen, eingefädelt und ist mit dem Rücken unsanft auf den Hang geknallt. „Da war für mich die Springerei zu Ende“, erzählt er.
Seine Sprungskier, wie auch die von Horst Herbst, waren ein Rhöner Fabrikat. „Kreuzbergski“ sind die klobigen, 2,40 Meter langen Holzbretter mit drei Rillen aus einer Bischofsheimer Werkstatt genannt worden. Christian Draga, der jetzige Vorsitzende des Ski-Clubs und Hüter des Archivs, berichtet, dass der Verein in der Eissporthalle noch ein paar der Skier als Andenken gelagert habe. „Mit dem Harry Dees zusammen bin ich damals mit einer Zigarrenkiste herumgegangen und habe bei Springen am Finsterberg 50 Pfennig ,Eintritt‘ von Zuschauern eingesammelt“, weiß Draga zu berichten. Dees ergänzt, dass die Jungen dafür für die Zuschauer aus Krepppapier kleine Schleifchen mit Nadeln zum Anstecken gebastelt hatten. Es seien aber lediglich Spenden zum Erhalt der Schanzen gewesen, Eintritt hätte man nicht verlangen dürfen.
Ein Teufelskerl musste in seinen jungen Jahren der Eltingshausener Erwin Markert gewesen sein. Draga erinnert sich, dass dieser als Abschluss bei Springen am Finsterberg noch einmal mitsamt den Skistöcken gesprungen und dann geradewegs bis nach Eltingshausen gelaufen sei.
Gesprungen werde konnte natürlich immer nur, wenn genügend Schnee lag. Harry Dees sagt: „In den 60ern sind schlechte Winter gekommen, da ist nicht mehr viel gesprungen worden.“ Das Ende der Kissinger Schanzen war nahe. „März 1968. Nachdem die Jugend kein Interesse mehr am Skispringen zeigte, wurde die Sprungschanze am Finsterberg abgetragen“, heißt es in der Schrift zum 50. Jubiläum des Ski-Clubs 1973. Zu dem Zeitpunkt waren ohnehin nur noch Überreste vorhanden, da ein starker Windstoß am 16. März die Schanze zum Einsturz gebracht hat. Dees erinnert sich noch, dass sein Vater nach dem Sturm von einem Anwohner angerufen wurde, dass der die Schanze nicht mehr sehen könne.
Als Erinnerung an seine Schanze baute Philipp Dees – vor allem aus den Stäbchen von Silvesterraketen – in den 90er Jahren noch einmal ein maßstabsgetreues Minimodell der großen Schanze. Doch damit nicht genug: Für den Festzug zum 100-jährigen Bestehen des TSV Reiterswiesen im Jahr 1998 wurde ein rund drei Meter hohes Modell der großen Finsterbergschanze gebaut.
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