publiziert: 18.07.2010 17:28 Uhr
aktualisiert: 18.07.2010 21:06 Uhr
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Ein wunderbar russisches Bollwerk

Moskauer Soiree mit Luganski und Baiba Skride beim Kissinger Sommer

Es ist außerordentlich tröstlich, dass es in einer Welt, auf der es mittlerweile überall gleich aussieht, schmeckt und klingt, noch Unverwechselbares gibt. Bollwerke gegen die Globalisierung der Ästhetik und der Sinne sozusagen. Die Russische Nationalphilharmonie ist ein solches Bollwerk. Sie klingt unverwechselbar russisch, und das ist wunderbar. Bei Sibelius und vor allem Tschaikowsky jedenfalls.

Das dritte Beethoven-Klavierkonzert, mit dem das Orchester unter seinem Chef Vladimir Spivakov die „Moskauer Soiree“ beim Kissinger Sommer eröffnet, klingt allerdings noch etwas befangen. So gilt die Aufmerksamkeit eher Nikolai Luganski am Flügel, der damit die dritte Version des Dritten in diesem Jahr abliefert – nach der Lebenserfahrung eines Rudolf Buchbinder und der filigranen Sensibilität des 17-jährigen Kit Armstrong nun also Luganski, Jahrgang 1972. Er steht mitten in der Beschäftigung mit Beethoven. Mitunter scheint es, als wolle er allzu Vertrautes in neuem Licht erscheinen lassen, etwa mit besonders trockener oder scharfer Phrasierung, was wiederum die lyrischen Seitenthemen umso milder wirken lässt.

Die lettische Geigerin Baiba Skride geht noch bewusster an die Grenzen: Das Sibelius-Konzert beginnt sie in ungeheuer aufregendem Pianissimo, das sich unaufhaltsam zum Fortissimo und jenseits der Geräuschgrenze steigert. Für die Solistin gibt es kaum Ruhephasen, jede Phrase ist aufgeladen mit fiebriger Bedeutung, Kantilenen werden alsbald von vorwärts drängender Motorik und rüden (nicht immer ganz sauberen) Doppelgriffattacken verdrängt. Skride lässt sich nicht einschüchtern und gewinnt. Das Publikum honoriert eine mutig expressive Leistung, die Geigerin dankt mit einem – noch etwas heiseren – Andante aus Bachs a-Moll-Solosonate.

Und doch ist diesmal das Orchester der Star: Tschaikowskys Fünfte ist den Moskauern wie auf den Leib geschneidert. Herrlich satte, eben russische Streicher, die sich mühelos auch gegen das komplette, seinerseits großartige Blech behaupten, perfektes Zusammenspiel und ungebremste Freude an Sentiment, Wucht und Dramatik: Vladimir Spivakov befördert all das mit unprätentiöser, klarer und doch charismatischer Zeichengebung. Zwei schmissige Zugaben – aus „Nussknacker“ und „Schwanensee“ – setzen den Schlusspunkt unter dieses mitreißende Plädoyer für die Unverwechselbarkeit.

Von unserem Redaktionsmitglied Mathias Wiedemann
    
    

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