publiziert: 13.04.2010 13:18 Uhr
aktualisiert: 13.04.2010 13:22 Uhr
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Jeder Stein ein eigenes Schicksal

Hammelburger Geschichtskreis möchte Stolpersteine für zwei jüdische Familien verlegen lassen
  • Ein Foto von 1935: Jüdische Kinder im Garten der jüdischen Religionsschule in der Hammelburger Dalbergstraße 57 mit Lehrer Moses Rosenberger und Margot und Horst Steinkritzer (erste Reihe links).
    Foto: Archiv Binder/Mence
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Zum Gedenken an jüdische Familien und ihre Schicksale im Dritten Reich hat der Hammelburger Geschichtskreis angeregt, Stolpersteine verlegen zu lassen. Stolpersteine sind Pflastersteine aus Messing, die mit dem Namen der Betroffenen vor deren letzten freiwilligen Wohnsitz eingelassen werden.

Die Aktion Stolpersteine wurde von dem Künstler Günter Demnig ins Leben gerufen. In 450 Städten der Bundesrepublik wurden diese Steine schon verlegt. Auch in Hammelburg würde Demnig dies auf Anfrage des Geschichtskreises angehen, berichtete Petra Kaup-Clement beim jüngsten Treffen des Kreises. Als Termin habe man den 22. September im Visier. Eine Anfrage an den Stadtrat, der die Baugenehmigung erteilen müsste, sei bereits gestellt.

Möglich wären drei Stolpersteine für die Familie Julius Strauss in der Kissinger Straße 17 und vier Stolpersteine für die Familie Steinkritzer in der Dalbergstraße 55/57, so Kaup-Clement. Die Schicksale beider Familien standen im Mittelpunkt des Geschichtskreistreffens.

Geschäfte zwangsliquidiert

Julius Strauss eröffnete am 12. Januar 1930 ein Textilgeschäft in der Kissinger Straße 17, dort, wo vorher der jüdische Kaufmann Ferdinand Nussbaum gewohnt hatte. Er wurde Nachbar der damaligen Gastwirtschaft und Bäckerei Kron (heute Bäckerei Schwab) und des „Kohle-Schusters“, des jüdischen Bauwaren- und Kohlehändlers Siegfried Schuster. Von 1936 an wurden die meisten jüdischen Geschäfte von der NSDAP-Gauleitung zwangsliquidiert, Julius Strauss aber konnte sich bis zur Reichspogromnacht vor Ort halten.

In der Nacht auf den 11. Novembers 1938 wurde die Inneneinrichtung seines Geschäftes völlig zerschlagen. Der kleine Sohn Benno war zum Zeitpunkt der Reichspogromnacht ein Jahr alt. „Die Judenfrauen flüchteten mit ihren Kindern durch die Straßen der Stadt. Es war ein schauriger Anblick“, erinnert sich eine Zeitzeugin.

Strauss kam ins Hammelburger Gefängnis und musste dort die Zwangsenteignung unterschreiben. Nach der Haftentlassung musste er Fenster und Inneneinrichtung der Wohnung und des Geschäfts auf eigene Kosten reparieren und alle Wertgegenstände abliefern. Versicherungsansprüche gingen verloren und an das Finanzamt musste eine hohe Strafsteuer gezahlt werden.

Das Haus in der Kissinger Straße 17 ging 1939 in den Besitz der Stadt über, die es in private Hände weiter veräußerte. Die Familie Strauss verließ Hammelburg vermutlich im Frühjahr 1939 und floh nach Frankfurt am Main. 1942 wurde Benno Strauss im Alter von fünf Jahren zusammen mit seiner Mutter Hanna von dort aus nach Majdanek (Lublin/Ostpolen) deportiert. Julius Strauss kam zur selben Zeit im Alter von 67 Jahren nach Auschwitz und wurde dort ermordet.

Auch das Schicksal einer zweiten jüdischen Familie machte die Zuhörer betroffen. Ella Steinkritzer, geborene Straus, erblickte am 16. Februar 1897 in Hammelburg das Licht der Welt. Sie war das jüngste Kind von Moshe und Karolina Straus, die seit Ende des 19. Jahrhunderts am Marktplatz 4 (heute Marktplatz 14) ein Haus und Geschäft innehatten. Ein Bruder von Ella Steinkritzer war der angesehene Volksschullehrer und Gemeinderat von Westheim, Julius Straus.

Allein und besitzlos

Ella Straus heiratete 1924 den jüdischen Kaufmann Kurt Steinkritzer, der aus Parchim (heute Neubrandenburg) stammte. Das Ehepaar übernahm das alteingesessene Geschäft „Moses Straus“ am Marktplatz und bekam die drei Kinder Horst, Margot und Klaus. Das Geschäft lief jedoch schlecht, so dass es 1928 verkauft wurde. Kurt Steinkritzer trennte sich von seiner Frau und ließ die Familie in Hammelburg zurück.

Die besitzlose Mutter war nun ganz auf die Hilfe der jüdischen Gemeinde angewiesen. In der Judengasse 55 (heute Dalbergstraße 55) bekam Steinkritzer zwei Zimmer zugewiesen, erinnern sich Zeitzeugen. Bis 1936 durften ihre Kinder die städtische Volksschule besuchen, danach wurden die beiden Buben ins jüdische Kinderheim Wilhelmspflege in Esslingen eingewiesen. Im September 1938 folgte auch Tochter Margot.

Ella Steinkritzer erlebte die Pogromnacht in Hammelburg. Nachdem der jüdische Religionslehrer Hermann Mahlermann und der Gemeindevorsteher Julius Mantel verhaftet worden waren und Zwangsenteignung der Häuser und Liegenschaften der jüdischen Gemeinde anstand, hatte sie in Hammelburg keine Beschützer mehr. Sie musste nach Würzburg umziehen, wo sie von der dortigen jüdischen Gemeinde betreut wurde. 1939 holte Steinkritzer ihre Kinder dorthin.

Die 17-jährige Margot wurde 1941/42 zur Zwangsarbeit in ein Arbeitslager nach München verpflichtet. Die gesamte Familie Steinkritzer wurde 1942 von verschiedenen Orten aus deportiert (Warburg, München, Fürth). Nur Vater Kurt Steinkritzer überlebte.

Tendenz geht zur Gedenktafel

Da der letzte freiwillige Wohnsitz von Ella Steinkritzer die heutige Dalbergstraße 55 war, könnten hier vier Stolpersteine entstehen, so die Idee des Geschichtskreises. Es habe bereits eine interne Diskussion im Stadtrat zu dem Thema gegeben, sagte Bürgermeister Ernst Stross auf Anfrage der Main-Post. Die Tendenz gehe aber eher hin zu einer Gedenktafel, auf der alle jüdischen Mitbürger benannt werden könnten. Auch Zentralrats-Präsidentin Charlotte Knobloch, so Stross, habe sich gegen Stolpersteine ausgesprochen.

Von unserem Redaktionsmitglied Katja Glatzer-Hellmond
    
    

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Die neuesten Kommentare

aprause (48 Kommentare) am 13.04.2010 20:43

Namen jüdischer Schicksale nicht mit Füßen treten

Eine sehr lobenswerte Idee an die ehemaligen jüdischen Mitbürger Hammelburgs erinnern zu wollen. Doch diese Stolpersteine finde ich nicht geeignet dafür. In vielen Städten habe ich diese Stolpersteine schon gesehen. Die meisten Passanten laufen einfach über diese Steine, ohne sich irgendwelche Gedanken zu machen. Zum Teil sind diese "Gedenksteine" mit Kaugummi beklebt, Dreck oder sogar die Hinterlassenschaften von Vierbeinern klebt an ihnen.
Eine Gedenktafel an exponierter Stelle, an der man eventl. auch mal Blumen ablegen könnte, wäre sicherlich respektvoller.
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