publiziert: 20.07.2009 13:45 Uhr
aktualisiert: 20.07.2009 16:28 Uhr
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Kissinger Sommer: Bach am Nachmittag und Gershwin am Abend

Zweimal Klavier zum Festivalabschluss – Martin Stadtfeld und Jean-Yves Thibaudet beim Kissinger Sommer

Zweimal Klavier zum Abschluss des Kissinger Sommers: nachmittags das Wohltemperierte mit Martin Stadtfeld und abends das Klavierkonzert von George Gershwin mit Jean-Yves Thibaudet – für die nicht wenigen Zuhörer, die beide Konzerte besuchten, ein jäher Kontrast.

Martin Stadtfeld hat sich mit den Goldberg-Variationen auf Anhieb als Bach-Spezialist etabliert, nun legt er das Wohltemperierte Klavier, Teil 1, nach. 24 Präludien und Fugen durch alle Dur- und Moll-Tonarten, chromatisch ansteigend – ein Konvolut, das wie kaum ein anderes Werk der Klavierliteratur zum pianistischen Glaubensbekenntnis taugt. Weswegen neben der gewaltigen Gestaltungs- und Gedächtnisleistung wohl das Verarbeiten oder – besser noch – Ignorieren der Interpretationsgeschichte die größte Hürde für den Solisten darstellen dürfte. Stadtfeld hat einen sehr persönlichen, intimen Zugang gefunden, der selbst in den wuchtigsten Fugen auf die große Geste verzichtet. Im Gegenteil: Über weite Strecken spielt er behutsam, fast in sich gekehrt, verzichtet auf das modische und effektvollere Non-Legato, lässt eher Klangwolken als Strukturen entstehen.

Vor- und Nachteil dieses Ansatzes zeigen sich schon in Präludium und Fuge C-Dur: Während das Präludium durch die sanft, aber bestimmt durchgehaltene Motorik fast impressionistische Züge erhält, verliert die Fuge dank reichlich Pedal ihre Konturen. Auch dem pochenden Ostinato im e-Moll-Präludium bekommt das Legato eher nicht: Das Stück wirkt fast verhuscht. Spannend wird es dagegen, wenn Stadtfeld sozusagen aus der Deckung kommt: Die fünfstimmige cis-Moll-Fuge erfährt eine groß angelegte Steigerung. Und im superschnellen e-Moll-Präludium lässt er es so richtig krachen.

Pianistisch ist das alles makellos. Dass Martin Stadtfeld Bach zur privaten Angelegenheit macht, an der der Zuhörer teilhaben darf, ist grundsätzlich faszinierend. In ihren besten Momenten weist die klang- und motivselige Behutsamkeit zwar Bach als Ahnherren Schuberts aus, in den weniger guten mündet sie allerdings auf halber Strecke in eine Art biedermeierliche Beschaulichkeit.

Mit Beschaulichkeit kommt man bei Gershwins Klavierkonzert nicht weit. Es fordert bei durchgehend vertrackten Rhythmen vor allem scharfe Präzision im oberen dynamischen Bereich. Im Klartext: Das Stück ist laut und schwer, gesangliche Passagen haben zwar die Bläser im zweiten Satz, das Klavier aber ist vor allem Perkussionsinstrument. Jean-Yves Thibaudet, einer der großen Sänger am Klavier, kann auch das: Glashart kommen seine Akzente, egal ob auf den Schlag, als Synkopen oder Hemiolen. Doch so sehr er dem Stück gerecht wird, umgekehrt ist das nicht der Fall: Für Lyrik ist hier kein Platz.

Das Orchestre National de Lyon unter Jun Märkl ist Thibaudet dabei ein idealer Partner: Selten hört man einen so großen Klangkörper so fetzig und genau operieren. In Mendelssohns Hebriden-Ouvertüre zu Beginn und dessen Schottischer Sinfonie zum Schluss erlebt man perfekt synchrone Streichergruppen und strahlende Bläser. Ungewohnt ist – gerade im Vergleich zu den samten dunklen Bamberger Symphonikern – das helle Klangbild, das selbst in den dicksten Fortissimo-Passagen transparent bleibt. Das Vivace der Sinfonie gerät zu einer Art nordischem Sommernachtstraum – eine Assoziation, die die Lyoner mit einem herrlich duftigen Scherzo aus der Schauspielmusik nachträglich bestätigen.

Von unserem Redaktionsmitglied Mathias Wiedemann
    
    

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