aktualisiert: 22.07.2008 13:21 Uhr
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BAD KISSINGEN
Die Wahrheit ist reine Gefühlssache
Alexei Volodin mit russischer Seele
Samstagnachmittag. Im Kurgarten glänzen die Sommerhüte der Flaneure im Licht, im Rossini-Saal bemächtigt sich ein russischer Jungstar des Publikums, so wie es immer ist bei den Talentschauen zwischen rosigen und gar königlichen Galas.
Der Jungstar der Pianisten-Szene hat normalerweise russisches Blut in den Adern oder chinesisches. Aber ihre Internetseiten enden gerne auch auf -.de.
So ist das Leben für die Weltenbummler des Wohlklangs. Am Samstagmittag hieß der Star Alexander Volodin, nicht Arcadi Volodos, doch das eine oder andere getuschelte Gespräch am nächsten Tag bewies, wie schwierig irgendwann die Orientierung fällt, wenn alle Newcomer über einen Konzertsommer hereinbrechen.
Sei es, wie es ist: Der 1977 in St. Petersburg geborene Alexei Volodin hinterließ in Bad Kissingen jedenfalls eine beachtliche Visitenkarte. Nichts weniger als die Gegenüberstellung von deutschem Heroismus, von Kampfgeist bis in eine selige Transzendenz hinein mit einer russischen Lesart der Welt, wonach das höchste Menschen mögliche Gefühl in sich schon die höchste Erfüllung birgt.
Und überhaupt bringt die Fibrig- keit eines Strawinsky-Satzes die Metaphysik dorthin zurück, wo sie herkommt: auf den Tanzboden der Tatsachen. Denn das vitale, durchpulste Leben ist seine eigene Erfüllung. Beethovens letzte Sonate Nr. 32 in c-moll op. 111 steht für die Überwindung des Weltlichen und seiner beständigen Revolutionen in einen musikalisch vorgedachten Raum der Transzendenz. Diesen Gang zeichnet Volodin mit viel Gespür für die linearen Bezüge nach, hin zu den zerstäubenden Motivsplittern in der enigmatischen Arietta und den folgenden Variationen. Dagegen steht nach der Pause die meisterhafte „Oberflächlichkeit“ der „6 Moments musicaux op.16“ Rachmaninoffs, die Volodin natürlich mit stupender Technik meistert und sie vielleicht auch durch eine Art klassizistischer Attitüde zu adeln gedenkt. Am Ende sagt diese Musik aber bloß: Gefühl ist Wahrheit.
Vitalität ist Wahrheit, das sagt Strawinsky, aus dessen Petrouschka-Ballett der Komponist neben einer Version für vier Hände ein dreisätziges Klavier-Exzerpt geschaffen hat. Die überhitzte Kraft in der eruptiven Rhythmik Strawinskys ist natürlich eine Sensation, wenn ihr ein Meister wie Volodin technisch gewachsen ist und alle Reibungen, Verzögerungen, Kaskaden und sonstigen Schroffheiten in die rechte Form führt. Solcherlei Lebensbejahung ringt auch den schon Gebrechlicheren unter den Zuhörern Begeisterung ab.
Nach vier unter Tosen und Trampeln erklatschten Zugaben ging diese deutsch-russische Lehrstunde zu Ende.
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