publiziert: 28.06.2009 15:56 Uhr
aktualisiert: 28.06.2009 16:12 Uhr
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Kissinger Sommer: Eine Beethoven-Uraufführung

Elisabeth Leonskaja und Wiener Symphoniker brillieren in Kissingen

Wer ein mechanisches Gerät auseinandernimmt und wieder zusammensetzt, wird es hinterher mit anderen Augen betrachten. Er weiß nun, wie – und vor allem: warum – es funktioniert. Elisabeth Leonskaja scheint das mit Beethovens fünftem Klavierkonzert gemacht zu haben. Und sie beschert so dem Publikum der „Wiener Klaviersoiree“ beim Kissinger Sommer die aufregende Wiederentdeckung eines der vertrautesten Stücke überhaupt.

Kompromisslos setzt sie Beethovens eigensinnige Anlage im Kopfsatz da um, wo andere gewöhnlich vermitteln. Mit aufreizender Coolness nimmt sie sich zurück, wo ihr Solopart keine wirklich tragende Rolle spielt – das kann, schließlich ist man von vielen Pianisten anderes gewohnt, mitunter fast befremdlich wirken. Der ausufernde Satz zerfällt in scheinbar beziehungslose Blöcke, Leonskaja lässt es einfach geschehen. Und erst, als die verschlungenen Pfade der Durchführung in eine sozusagen vorgetäuschte Reprise münden, begreift der Zuhörer: Beethoven hat hier die Form schon weit stärker aufgelöst, als uns bislang bewusst war.

Und es bleibt spannend: Das Adagio, begleitet von den hellwachen Wiener Symphonikern unter Fabio Luisi, ist ein stiller Triumph über Zeit und Schwerkraft. Dass der berühmte Attacca-Übergang zum Rondo als komplette Überraschung gelingt, obwohl man genau weiß, wann er kommt, ist ein ebenso unerklärliches wie beglückendes Meisterstück.

Fabio Luisi macht anschließend nicht den Fehler, mit Brahms' zweiter Sinfonie an Leonskajas umjubelte Uraufführung anknüpfen zu wollen. Er lädt das Orchester ein, seine Stärken auszuspielen, und die Wiener nehmen die Einladung mit Freuden und zur Freude des Publikums an: herrlich homogen in allen Gruppen, leichtfüßig und doch voller Substanz, vor allem aber mit einem samtenen Klang, dessen Wärme direkt zu Herzen geht. Brahms' Zweite als Huldigung an das Licht, die Weite und die Zuversicht – kein schlechter Gegenpol zu Beethovens unverblümter Herausforderung zuvor.

Ein ungarischer Tanz und die Pizzicato-Polka von Strauss als Zugaben sind da genau die richtigen Überleitungen zurück in den Alltag.

Von unserem Redaktionsmitglied Mathias Wiedemann
    
    

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