publiziert: 10.08.2012 17:13 Uhr
aktualisiert: 12.08.2012 12:04 Uhr
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„Man kämpft mit und gegen sich“

TV-Turntrainer Willi Abersfelder über die Faszination seines Sports, seine „Saubande“ und über Olympia
  • Mit vier Jahren hatte er selbst mit dem Turnen angefangen: Willi Abersfelder, 62 Jahre, Turntrainer des TV Bad Brückenau.
    Foto: Lukas Kleinhenz
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Es ist Dienstag- oder Freitagabend. In der Halle des TV Bad Brückenau ist es laut. Jungs in Sporthosen rennen hin und her. Sie spielen Fangen und albern herum. Ein großer Gymnastikball fliegt durch die Luft. Die Jungs schreien und lachen.

Da zerreißt ein Pfiff die Szene. Willi Abersfelder, ihr Turntrainer, kommt aus dem Geräteraum. Wenn es gut läuft, versammeln sich die Jungs jetzt um die Bodenmatte. Wenn nicht, muss Willi nochmal pfeifen, damit „die Saubande“ zum Aufwärmen kommt.

So oder so ähnlich passiert es seit vielen Jahren. Jeden Dienstag und Freitag um siebzehn Uhr. Manchmal sind mehr Jungs da, manchmal weniger. Aber sie kommen alle, um sich von Willi das Turnen beibringen zu lassen.

Im Moment ist es ruhig – Sommerferien. Die einzige Zeit im Jahr, in der die Turngeräte für längere Zeit nicht aufgebaut werden. Das bedeutet für Willi Abersfelder aber nicht, dass Turnen jetzt komplett Pause hat. Die letzten Tage hat er übers Fernsehen verfolgt, wie sich die deutschen Turner bei der Olympiade in London schlagen.

„Wir haben zur Zeit Athleten von Weltklasse, wie wir sie noch nie hatten“, sagt er. Das hohe Niveau der deutschen Turner habe man schon bei der Weltmeisterschaft 2007 in Stuttgart gespürt. Damals war er live dabei. Mit einigen seiner Turnjungs und -mädels saß er auf der Tribüne.

In den letzten Wochen hat er keine Turnveranstaltung der Olympischen Spiele verpasst. Zwar saß er dieses Mal nicht auf der Tribüne. Aber übers Fernsehen hat er miterlebt, wie der deutsche Marcel Nguyen überraschend Silber im Sechskampf gewann. Und dann nochmal Silber am Barren. Eine Stunde später holte Fabian Hambüchen ebenfalls Silber am Reck.

„Was die heutzutage turnen ist ja unglaublich“, sagt Willi Abersfelder. Er wisse überhaupt nicht, wo die das herholen. Die Kraft und Körperbeherrschung. Das Täuschende beim Turnen: Alles sehe immer viel leichter aus, als es in Wirklichkeit ist.

Er wurde 1968 Bayerischer Vizemeister am Reck. Da gab es die Schwierigkeitsstufen A, B und C. „Heute geht das ja bis D und E.“

Der Münchner Marcell Nguyen hat in London einen Tsukahara-Abgang vom Barren geturnt. Im Moment beherrscht das kein anderer Turner der Welt.

Davon können die Jungs, die zu Willi ins Training kommen, bis jetzt nur träumen. Bei ihnen ist es ähnlich wie bei Willi Abersfelder damals. Als er vier war, habe ihn der Doktor Löwenhein zum Turnen geschickt. Wegen einer Brustverengung. „Zur Gesundung, hieß es damals“, sagt Abersfelder.

Nicht immer werden die Jungen, die heute zum Training kommen, vom Arzt geschickt. Trotzdem wissen viele Eltern, dass Geräteturnen die ideale Sportart ist, um den ganzen Körper zu trainieren.

Im Kinderturnen bringt Willi dem Nachwuchs die Grundlagen bei: Körperspannung und Gleichgewicht. Das sind Dinge, die man brauchen kann im Leben. Sie beugen Rückenschmerzen und andere Probleme vor. Neben den Jüngsten trainiert der 62-Jährige auch noch eine Leistungsmannschaft aus älteren Mädchen und Jungen, mit denen er auf Wettkämpfe fährt – seit Jahren auch auf deutsche und bayerische Turnfeste. Willi Abersfelders VW-Bus wird dann zum Mannschaftswagen. Dann ist er nicht nur Trainer, sondern auch Tour-Veranstalter.

Willi Abersfelder hat früh angefangen zu turnen und anderen das Turnen beizubringen. Mit 14 Jahren hat er das erste Mal andere als Vorturner unterrichtet. „Mit 20 habe ich meinen Übungsleiterschein und mit 23 meinen Trainer-B-Schein gemacht.“ Der berechtigt sogar dazu, eine Bundesligamannschaft zu trainieren.

Willi Abersfelder trainiert stattdessen Kinder und Jugendliche. Drei Mal die Woche zwei bis drei Stunden. „Ich weiß nicht, wie viel hundert Kinder ich in meinem Leben schon um die Reckstange gehoben hab.“

Natürlich habe er schon oft daran gedacht aufzuhören. Aber irgendwas lässt ihn immer weitermachen. Zum einen würden sich die ehemaligen Turner gerne zurückerinnern. „Mich sprechen oft Leute an, die als Kind bei mir geturnt haben.“ Andererseits spielt natürlich das Turnen an sich eine wichtige Rolle.

Was genau den Reiz dieser Sportart ausmacht, ist für Willi schwer zu beschreiben. Er versucht es trotzdem: „Es ist doch wunderbar, wenn man seinen Körper mit eigener Kraft hochheben kann“, sagt er. „Man ist für sich da.“ Und bei Wettkämpfen seien nicht die anderen Schuld, wenn etwas schief läuft, sondern nur man selbst. „Man kämpft mit und gegen sich.“ Deswegen gebe es unter den Turnern auch so wenig Ärger.

Von unserem Mitarbeiter Lukas Kleinhenz
    
    

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