publiziert: 28.08.2012 17:56 Uhr
aktualisiert: 30.08.2012 12:03 Uhr
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Mit dem Stock tastend durch Bad Brückenau

Eine Tour mit dem stark sehgeschädigten Ottmar Schneider durch die Stadt zeigt, wo für Blinde die Probleme liegen
  • Blindengerecht: die Ampel am Deutschen Haus.
  • Unsicheres Pflaster: Für den stark sehbehinderten Ottmar Schneider lässt sich die Ludwigstraße wegen des Kopfsteinpflasters nicht gut laufen. Das kam bei einem Spaziergang mit der Main-Post heraus.
    FotoS: Steffen standke
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Ottmar Schneider ist hochgradig sehbehindert. Und das seit seiner Geburt. Er kann Farben und Umrisse erkennen, wenn die Objekte direkt vor ihm sind. Schon Details eines Gesichtes und entfernte Gegenstände überfordern ihn. Klar, dass der 48-Jährige die Welt anders wahrnimmt als normal Sehende. Mit der Main-Post hat Schneider einen Spaziergang durch die Kernstadt unternommen. Eine Tour aus der Sicht eines fast Blinden.

Der Parkplatz hinter dem Cafe Vogler in der Ernst-Putz-Straße. Dort beginnt der Spaziergang. Erstaunlich, wie sicher sich Ottmar Schneider über den Asphalt bewegt.

Mit seinem Blindenlangstock tastet er den Bereich vor sich ab, immer pendelnd von links nach rechts und zurück: „Ohne den Stock gehe nicht raus, das wäre viel zu gefährlich.“

Denn irgendetwas könnte anders sein als gewohnt. Ein Auto, eine Kiste, die achtlos abgestellt wurde. Seit 20 Jahren lebt Schneider in Bad Brückenau. Er kennt die Stadt vielleicht besser als manch Sehender. Er hat sie sich ertastet.

Und er erhört sie täglich neu. Wie bei der Überquerung der Bahnhofstraße nahe der Nepomuk-Brücke deutlich wird. Sehen kann Schneider die herannahenden Autos nicht, aber er hört, aus welcher Richtung sie kommen. Der Brunnen am alten Rathaus stört ihn dabei jedoch. Er rauscht zu laut.

Ein paar Meter weiter das nächste Problem. An der Kreuzung Bahnhofstraße/Ludwigstraße/Unterhainstraße sind die Bordsteine abgesenkt: „Was für den Rollstuhlfahrer optimal ist, bringt den Blinden ins Schwitzen“, sagt Schneider. Denn durch hohe Gehwegkanten könne er klar erkennen, wo die Straße ende und der Gehsteig beginne. Taste der Stock ins Leere, habe er ein Problem.

Das mit dem Tasten ist so eine Sache. Ottmar Schneider geht ungern die Ludwigstraße Richtung Marktplatz hoch: „Das Kopfsteinpflaster ist nicht gut. Wenn man stundenlang mit dem Stock darüber pendeln muss, wird das auf Dauer anstrengend.“ Lieber hätte der 48-Jährige großflächiges glattes Pflaster.

In der Ludwigstraße lauern andere Gefahren: Blumenkübel, Postkartenständer, Abgrenzungen von Freisitzen. Auch die Treppen der Geschäfte auf Bad Brückenaus Boulevard sind für Blinde und schwer Sehgeschädigte ein Abenteuer.

Plätschern bedeutet: Rathaus

Wieder hört Ottmar Schneider ein Plätschern. Diesmal ist es ein gutes Zeichen. Denn der Brunnen am Markt bedeutet ihm, dass er das Rathaus erreicht hat. Schneider und seine Lebensgefährtin Waltraud Zwack erledigen die meisten Behördengänge selbst.

Über das städtische Bürgerbüro kann er nicht meckern. Alles für einen Blinden machbar. Nur auf dem Weg ins Rathaus bevorzugt Schneider die gepflasterte Schräge zwischen neuer Eisdiele und Verwaltungsbau. Wie gesagt: Treppen sind ein Problem.

Der Testgänger läuft noch ein Stück die Ludwigstraße hinunter. Normalerweise wählt er lieber die Marktgasse Richtung Schwan-Apotheke, zum Beispiel, wenn er zum Zahnarzt muss. Da ist das Pflaster besser. Der Aktionsradius eines Sehbehinderten ist eingeschränkt. Für kleine Besorgungen laufen Schneider und seine Lebensgefährtin von ihrer Wohnung in der Ernst-Putz-Straße maximal bis zum Rhöncenter.

Für Aldi, Netto und den wöchentlichen Großeinkauf brauchen sie die Hilfe und das Auto einer sehenden Bekannten: „Früher, als der Kik noch Kupsch und der Baumarkt in der Ludwigstraße noch Edeka war; da war es etwas leichter.“

Dafür seien die Ludwig- und die Unterhainstraße seit Jahren verkehrsberuhigt. Bis Mitte der 1990er-Jahre glich das Gehen dort für Blinde einem Spießrutenlauf.

Schneider hadert nicht mit seinem Schicksal: „Ich kenne es nicht anders. Wäre ich erst mit 30 oder 40 erblindet, hätte ich es schwieriger.“

Der gebürtige Karlstädter kam als Sechs-Monats-Kind zur Welt. Sein Augenlicht verlor er nach eigenen Angaben, weil er im Brutkasten zu viel Sauerstoff abbekam.

Beim Infonachmittag am 8. September in der Georgi-Kurhalle (siehe Infobox) wird Schneider zugegen sein. Vor allem wegen des Austausches mit anderen Betroffenen.

Mehr Ampeln mit Klopfzeichen

Große Wünsche an eventuell erscheinende lokale Politiker hat er kaum. Eine bessere Busverbindung nach Jossa vielleicht, um leichter nach Würzburg zu kommen.

Ottmar Schneider steht an der Straßenkreuzung am Deutschen Haus – die letzte Station des Spaziergangs. Dieses große Hindernis ist durch eine behindertengerechte Druckampel entschärft.

Für Blinde und stark Sehgeschädigte würde er sich mehr solcher Ampeln im Stadtgebiet wünschen. Am besten mit Klopfgeräusch. Auch wenn das nichtbehinderte Anwohner nicht so gern hören wollen.

Stammtisch für Sehbehinderte und Blinde

Informationen einmal im Monat Einmal im Monat gibt es in Bad Brückenau künftig einen Informationsnachmittag für Sehbehinderte und Blinde. Organisiert vom Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund (BBSB), findet das erste am Samstag, 8. September, um 14.30 Uhr im Cafe Dominik Ana in der Brückenauer Georgi-Kurhalle statt.

Alle betroffenen Menschen aus der Region erhalten Rat und gegebenenfalls Hilfe in allen blindheits- und sehbehindertenspezifischen Angelegenheiten. Der Blick auf die Uhr, das Erkennen von Geld, die Haushaltsführung oder Lesen – sehbehindert oder blind sein bedeutet einen gravierenden Einschnitt ins Leben. Eine Reihe von Alltagshilfen können das fehlende Sehvermögen teilweise ausgleichen. Der BBSB unterstützt Betroffene und hilft ihnen auf ihrem Weg in einen eigenständigen Alltag. Zu diesem Erfahrungsaustausch von Mitgliedern und Nicht-Mitgliedern des BBSB wird um Anmeldung gebeten bei Karl-Heinz Paul unter Tel. (0 97 32) 81 00 76.

Von unserem Redaktionsmitglied Steffen Standke
    
    

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