aktualisiert: 12.02.2009 17:34 Uhr
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HAMMELBURG
„Mobbing ist weit verbreitet“
Elternabend warb für Sensibilität gegenüber der Erniedrigung von Schülern
Über „Irrtümer zum Mobbing“ wartete Schulleiter Dr. Roland Bettger bei einem Elternabend auf. Sein Fazit: Die systematische Erniedrigung einzelner Mitschüler sei weiter verbreitet, als viele es sich eingestehen wollen – quer durch alle sozialen Schichten und Schularten. Und auch in anderen Bereichen, wie etwa am Arbeitsplatz.
„Oft wird Mobbing verharmlost“, sagte der Schulleiter. Gegen diese Haltung will er Schüler, Lehrer und Eltern sensibilisieren und hat dazu einen internationalen Anti-Mobbing-Kongress besucht. Handlungsbedarf sei vorhanden: zehn Prozent aller Schüler würden in ihrer Laufbahn Mobbing-Opfer.
Wenn Klassenkameraden ein- bis zweimal geärgert werden, sei das normaler Umgang unter Jugendlichen. Tiefer eingegriffen werden müsse, wenn hinter Aggressionen oder Ausgrenzung eine Systematik stecke, riet der Rektor. Das ist dann der Fall, wenn dem Opfer von den anderen unfreiwillig eine Rolle zugewiesen werde. Fatal daran: „Ein Mobbing-Opfer kommt da alleine nicht mehr raus“, erläuterte Bettger. Und glaube oft sogar an die eigene Schwäche.
Urheber ist der Mobber in der Klasse, der sich häufig jemanden aussucht, der etwa durch seine Unterschiedlichkeit auffällt. Anders als gängige Klischees sei der Mobber kein gedankenloser, grobschlächtiger Mensch. Im Gegenteil. Er kenne die Strukturen in der Gruppe genau und versuche, beim Streben nach Anerkennung geschickt die Kontrolle in der Klasse zu gewinnen.
Dazu verbündet er sich mit Mittätern und Unterstützern. Letztere suchen selbst nach Anerkennung. Schleichend nehme der soziale Schutz für das Opfer ab. „Die Dulder sind das Problem“, sagte Bettger.
Abwarten funktioniere nicht, ging der Rektor auf mögliche Strategien des Opfers ein: „Mobbing hört erst auf, wenn das Opfer etwas unternimmt.“ Eltern sollten für Verhaltensänderungen ihres Kindes sensibel sein. „Schauen Sie nicht weg“, appellierte Bettger an die Eltern. Wichtig sei es, dem betroffenen Kind klar zu machen, dass es an der Situation keine Schuld trage. Nichts bringe es, sich direkt an den Mobber oder dessen Eltern zu wenden. „Die trauen ihrem Kind so etwas meistens gar nicht zu“, folgerte Bettger. Nichts bringe es, wenn das Opfer die Klasse oder Schule wechsele. Dann habe der Mobber gewonnen und das Opfer laufe Gefahr, erneut belästigt zu werden
„Oft wird Mobbing verharmlost“
Wird ein Mobbing-Fall am Gymnasium bekannt, wird nach dem „No blame approach“ vorgegangen. Dabei gehe es nicht um Schelte, Strafe oder Bloßstellung des Mobbers, sondern um Aufarbeitung im Klassenverband.
Zunächst gebe es ein Einzelgespräch mit Opfer und Eltern. „Dann vertraue ich den Fähigkeiten der Kinder“, betonte Bettger. In der Klasse werde die Frage thematisiert, warum sich ein Schüler nicht wohlfühlt. Die anderen sehen sich in ihrer sozialen Kompetenz gefordert und entdecken ihre Verantwortung. Zum Beispiel durch Begleitung des Opfers zum Bus.
Schließlich könne auch der Mobber nicht anders und übernehme eine Aufgabe, weil er sonst um seine Anerkennung fürchtet. Nach zwei Wochen gibt es als Art Erfolgskontrolle eine weitere gemeinsame Sitzung der Klasse. „Das funktioniert“, berichtet Bettger von seinen Erfahrungen.
Am Gymnasium sollen nun einige Lehrer gezielt zu Anti-Mobbing-Trainern ausgebildet werden. Im März gastiert ein Theater zum Thema.
Eltern können bereits kleinen Kindern Zeichen gegen Mobbing setzen. Sie sollten Werte vermitteln und klar machen, das aggressives Verhalten nicht zum Erfolg führt. Etwa beim Kleinkind, das an der Supermarkt-Kasse tobend den Kauf von Schokolade einfordert. Vorbildfunktion sei auch im Straßenverkehr gefordert.
Auch am Frobenius-Gymnasium nehme eine neue Art des Mobbings zu. Zwar sei der Gebrauch von Handy verboten, dennoch würden Klassenkameraden oder Lehrer verstärkt durch heimlich aufgenommene Filmchen im Internet bloßgestellt.
Schulleiter Dr. Roland Bettger
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