publiziert: 02.07.2008 18:40 Uhr
aktualisiert: 22.07.2008 13:20 Uhr
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Phänomenaler Piotr Anderszewski: Ein Pianist hält das Versprechen

Phänomenaler Piotr Anderszewski

Drei Wochen ist der 23. Kissinger Sommer alt, noch gut eine Woche steht bevor, am Dienstagabend hat er im Max-Littmann- Saal des Regentenbaus eine außerordentliche Sternstunde erlebt. Dieser Abend mit dem polnischen Pianisten Piotr Anderszewski wird im Gedächtnis bleiben, weil ein Meister an das innerste von Musik rührte.

Anderszewski gilt als schwieriger Charakter, der bei Wettbewerben auch einmal das Podium verlässt, wenn er mit seinem Spiel unzufrieden ist. In Bad Kissingen ist das Publikum diesem Schicksal entgangen. Aber der Wahl-Pariser hat – aus einer Unzufriedenheit heraus – als Zugabe die gesamte Partita Nr. 2 von Johann Sebastian Bach noch einmal gespielt, die den spektakulären Abend eröffnet hat. Zum Trost: Dem Londoner Publikum war es im letzten Jahr nicht anders ergangen.

Dass sich dahinter keine Allüren verbinden, sondern ernsthaftes Ringen um die Essenz der Interpretation, wird kein Zuhörer bezweifeln. Im Nachhinein sucht man aber vergeblich nach dem triftigen Grund für diese Unzufriedenheit.

Schon nach wenigen Takten war man gefesselt von Anderszewskis Spiel und der unheimlichen Sogwirkung der Musik. Ein klarer, substanzreicher Ton beherrschte den Beginn, ein männlicher, selbstbewusster Gestus. Hier musste nichts in eine Innerlichkeit gekehrt werden. In einem völlig natürlichen Fluss entfaltete sich diese Partita wie ein wachsendes Bauwerk. Und weil Anderszewski um die Statik seiner Interpretation wusste, konnte er beruhigt Abschweifen in spielerische Arabesken, Triolen-Zierrat und barocke Ornamentik, ohne auch nur eine Sekunde die Tragfähigkeit des Ganzen zu gefährden. Anderszewski spielt mit einer Bewusstheit und einem Maß an Konzentriertheit, die jedem einzelnen Ton Wert und Würde zuweist.

War es die Gestaltung des Zeitgefüges, die ihn zu einer etwas flotteren Wiederholung der Partita trieb? Dabei war gerade sie ein intensives Erlebnis im Andante-Teil der Sinfonia oder bei der Sarabande, die wunderbar zeitentrückt, mit großem Atem gespielt wurden.

Wie souverän Anderszewski seine Fähigkeiten in den Dienst der Sache stellt, wurde auch bei Schumanns Humoreske op. 20 klar. Man bemerkte die spieltechnischen Herausforderungen kaum, man war nur gebannt von der Zerrissenheit des Stückes, den unglaublichen Schattierungen des Stimmungsbildes, zu denen der Pole und sein bis in jede Beiläufigkeit inspiriertes Spiel fähig waren.

Dass ausgerechnet Mozart ein Vorläufer dieses Schumann ist, zeigte Anderszewskis Wiedergabe der c-moll-Sonate KV457, einem ebenfalls von Brüchen, Scharten und abrupten Gefühlswandlungen geformten Stück, dessen Abgründigkeit man kaum schroffer zeichnen kann.

Bachs Partita Nr. 1 am Ende des Konzertprogramms zeigte noch einmal Anderszewskis Souveränität über das Material, die Gestaltungskraft in den polyphonen Passagen, sein ganzes Arsenal an Darstellungsmitteln in der Phrasierung, seine rhythmische Finesse.

Am Ende wusste das Publikum. Hier saß kein vielversprechender Pianist. Hier saß einer, der es einhält.

Von Gerhard Fischer
    
    

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