aktualisiert: 09.07.2010 18:44 Uhr
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BAD KISSINGEN
Sokolov verwechselt Bach nicht mit dem lieben Gott
Begeisterndes Konzert des Leningrader Pianisten beim Kissinger Sommer – Eine Zugabe schöner als die andere
Dass Bachs Musik mit Mathematik ungefähr soviel zu tun hat wie ein Rembrandt-Gemälde mit der chemischen Zusammensetzung von Ölfarben, zeigte Grigory Sokolov beim Kissinger Sommer mit seiner Interpretation der c-Moll-Partita aus dem ersten Teil der „Clavierübung“. Unter den Fingern des gebürtigen Leningraders wurde jedes Ornament, jede Phrase zu einem sinnhaften, lebendigen Ausdrucksträger. Die virtuose Beherrschung des Notentextes kam bei Sokolov mit bewundernswerter Selbstverständlichkeit herüber. Er hat es gar nicht nötig, sich irgendwo zwischen poppiger historischer Aufführungspraxis und barockem Edelkitsch eine Marktnische im Musikbetrieb zu suchen. Der 60-jährige Russe ist souverän.
Er verwechselt Bach nicht, wie so mancher frühere und zeitgenössische Verehrer des Thomas-Kantors, mit dem lieben Gott, sondern bringt diese über zweieinhalb Jahrhunderte alte Musik zum Klingen, ohne ihr Sperriges und Nichtkonformes auszusparen, das den heutigen Hörern fremd ist. Und dies ist vor allem eines: die Tatsache, dass ein musikalischer Gedanke einfach seine Zeit braucht, um vorgestellt, entwickelt, zum Höhepunkt und schließlich zum Abschluss gebracht zu werden. Und hierin erwies sich Sokolov in seinem gut besuchten Solo-Klavierabend im Kissinger Regentenbau als ein wahrer Meister.
Plastizität, Formstrenge und Sorgfalt bei der Detailgestaltung kennzeichneten sein Spiel nicht nur in der Bach-Partita, sondern auch in Brahms‘ Sieben Fantasien und vor allem in Schumanns f-Moll-Sonate. Bei Schumann kostete Sokolov jede Wendung, die das Schicksal eines Themas im Laufe des gerade in formaler Hinsicht weit über seine Zeit hinausweisenden Werkes nimmt, voll aus. Meisterlich seine Geläufigkeit, sein Anschlag – und seine Phrasierung von unglaublicher Eleganz. Sokolov gab sechs Zugaben: eine schöner als die andere.
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