publiziert: 03.02.2010 18:51 Uhr
aktualisiert: 23.09.2010 10:08 Uhr
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Thekla und Anni Stern

Hemmerichstraße 12

Den Opfern der Nationalsozialisten ihre Identität zurückgeben – das ist eine der Kernaufgaben der Bad Kissinger Stolpersteine. Zu diesen kleinen Denkmalen, die der Kölner Künstler Gunter Demnig jeweils auf dem Gehsteig vor der letzten freiwilligen Wohnung der Betreffenden setzt, erstellt die Kissinger Initiativgruppe Biografien der Opfer. Diese Biografien dokumentiert die Main-Post mit einer Serie.

Thekla Stern wurde am 8. August 1891 als Tochter des Pferdehändlers Isaak Heimann und seiner Ehefrau Elisa in Schwanfeld geboren. Das Abschlusszeugnis der Volksschule charakterisiert sie als fleißige und begabte Schülerin. 1920 heiratete Thekla den 30-jährigen Josef Stern aus Steinach und zog mit ihm nach Kissingen, wo ihr Mann einen Handel für Eisenwaren und Landmaschinen aufbaute. Ein Jahr später wurde Sohn Ludwig geboren, 1924 kam Tochter Anni zur Welt. Zu dieser Zeit wohnte die Familie bereits in der Hemmerichstraße 29 (heute Nummer 12). Das glückliche Familienleben währte nicht lange: Nachdem Josef Stern 1929 bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war, musste Thekla in der Wirtschaftskrise das Geschäft führen und die Familie allein versorgen. In der NS-Zeit verschlechterte sich die Situation wegen Boykottmaßnahmen zusätzlich, auch wenn ihr Bruder Hermann sie unterstützte. Sicher fiel ihr auch die Trennung vom Sohn nicht leicht. Ludwig verließ als 15-Jähriger die Realschule, um bei Augsburg eine Banklehre zu beginnen. 1939 gelang ihm über Holland die Einreise in die USA. Dort versuchte Ludwig alles, um Mutter und Schwester nachzuholen. Thekla wandte sich Hilfe suchend an ihre Geschwister, die in die USA emigriert waren. Sie hoffte, die Verwandten würden die Überfahrt bezahlen und die Bürgschaft übernehmen. In ihren Briefen an Ludwig beklagte sie die Härte ihrer Geschwister. Ihr Ringen um die Einreise in die USA blieb erfolglos. Sie konnte sich und ihre Tochter nicht retten. Beide wurden am 24. April 1942 über Würzburg ins Ghetto Izbica bei Lublin deportiert, wo sie als verschollen gelten.

Anni Stern wurde am 6. August 1924 in Kissingen geboren. Nach der Kliegl-Volksschule wechselte sie aufs Mädchenlyzeum der Englischen Fräulein. Anneliese Metzger, eine Banknachbarin Annis, beschreibt ihre Mitschülerin: „... Sie war klein, feingliedrig, hatte krauses Haar, eine leise Stimme, war unauffällig. Ob Anni Stern eine Freundin in unserer Klasse hatte? Ich glaube nicht. ... Anfänglich plauderten wir wohl mit ihr ... Aber allmählich wurde es anders. Einige in unserer Klasse gingen zum BDM. ... Sie sagten uns, dass man mit Juden nicht reden dürfe. Bald getraute sich keine mehr, mit Anni Stern ... zu sprechen. So stand Anni Stern in der Pause allein ... oder mit Liesl Ehrlich, einem anderen Judenmädchen, das in der Klasse unter uns war. ... Eines Tages – bereits vor der Reichskristallnacht – war Liesl Ehrlich nicht mehr da. Die Familie Ehrlich war wohl ... ausgewandert. Nun war Anni Stern ganz isoliert. ... Schließlich kam der November 1938 und mit ihm die so genannte Reichskristallnacht. ... Anni Stern war an diesem Morgen nicht in der Schule. Ich habe sie nie mehr gesehen." In den nächsten Jahren lebte Anni mit ihrer Mutter zurückgezogen. Sehnsüchtig hoffte sie auf die Ausreise. Ihre Hoffnungen wurden nicht erfüllt. Mit ihrer Mutter wurde die 18-Jährige deportiert.

    
    

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