publiziert: 02.02.2012 17:37 Uhr
aktualisiert: 03.02.2012 19:46 Uhr
» zur Übersicht Hammelburg
    
    
Artikel
 
    
 
    
 

Schrift vergrößern Text    Schrift verkleinern Text LKR. BAD KISSINGEN
Wenn der Schuldruck Hass erzeugt

Erfahrungen und Gedanken der Gemeindereferentin und Religionslehrerin Gabriela Amon
  • Gabriela Amon, Gemeindereferentin aus Langendorf.
    Foto: Marx
Bild von

Gabriela Amon, Gemeindereferentin aus Langendorf, arbeitet als Religionslehrerin und Klinikseelsorgerin im Landkreis Bad Kissingen. Sie ist 48 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder. Aus ihrem Berufsalltag heraus hat sie diesen Beitrag verfasst, den wir hiermit zur Diskussion stellen.

Dienstag, fünfte Schulstunde. Ich betrete das Klassenzimmer der vierten Klasse. Auf dem Stundenplan steht Religion. Thema der Stunde: „Manchmal haben Menschen Angst“.

Ich lege das Bild eines traurigen, weinenden Kindes als Folie auf dem Overheadprojektor auf. Schnell melden sich die ersten Schüler. Sie erkennen schnell, dass dieses Kind Sorgen hat, womöglich auch Angst.

Als wir im Gespräch klären, wovor Menschen manchmal Angst haben, fallen die Stichworte Krieg, Krankheiten, Tod. Bis auf einmal eine Schülerin sagt: „Ich habe Angst, den Übertritt ins Gymnasium nicht zu schaffen.“ Von einem Moment auf den anderen hat sich die Atmosphäre im Klassenzimmer verändert. Viele Schüler nicken zustimmend, die Gesichtsausdrücke zeigen mir, dass sich viele von diesem Thema betroffen fühlen.

Als Religionslehrerin kann ich auf die Stimmung der Schüler eingehen, ich kann mir die Zeit nehmen und mit ihnen über die „Ungerechtigkeit“ reden, wie sie es nennen, dass es jetzt „um alles geht“. Deutlich reden einige davon, dass sie Angst davor haben ihre Freunde zu verlieren, andere von der Angst den Erwartungen ihrer Eltern nicht gerecht zu werden.

Am Nachmittag bin ich im Krankenhaus, in dem ich in der Klinikseelsorge arbeite. Auf der Kinderstation treffe ich häufig Mütter an, die sich um ihr krankes Kind sorgen. Im Gespräch mit einer Mutter, deren Junge seit einigen Tagen zur Untersuchung in der Klinik liegt, fällt plötzlich folgender Satz: „Ausgerechnet jetzt wird er krank, hoffentlich wirkt sich das nicht auf seine Noten aus. Wir wissen doch, wie wichtig die vierte Klasse ist.“

Der Junge schaut mich nur betroffen an. Er hat schon seit einiger Zeit immer wieder krampfartige Bauchschmerzen, aber bisher wurde keine organische Ursache gefunden. Unwillkürlich muss ich an die vierte Klasse vom Vormittag denken. Ich versuche mit der Mutter im Gespräch herauszufinden wie sie für sich und ihrem Kind den Druck vor einem Übertrittszeugnis nehmen kann, welche Alternativen sie sich für ihr Kind vorstellen kann.

Zwei Tage später auf der Unfallchirurgie. Ich betrete ein Patientenzimmer in der eine Frau alleine liegt. Sie hat ihren Arm gebrochen. Sie berichtet, dass sie in einer Kurklinik untergebracht war, bis sie gestolpert ist und sich beim Sturz den Arm gebrochen hat.

Nach und nach erzählt sie mir ihre Geschichte: Lehrerin an der Grundschule, die in der dritten und vierten Klasse unterrichtet. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich weiter in diesem Beruf bleibe“ sagt sie. „Ich bin hier auf einer Kur, um es herauszufinden.“

Sie wird wegen Burn-out behandelt. Sie berichtet von dem Druck als Lehrer Anfeindungen von Eltern ausgesetzt zu sein, sie erzählt davon, wie schwer es ihr selber oft fällt, den immer stärkeren Anforderungen zeitlich gerecht zu werden. „Ich wollte immer Lehrerin werden, weil ich Kinder liebe,“ sagt sie „aber heute hasse ich den Druck, den ich durch das Schulsystem spüre – den Druck bei mir, bei den Kindern und bei den Eltern.“

In der Woche darauf habe ich am Mittwochvormittag Ethikunterricht an der Krankenpflegeschule. Hier unterrichte ich als Seelsorgerin die Pflegekräfte im dritten Ausbildungsjahr unter anderem in der Gesprächsführung mit Schwerkranken und Sterbenden. Vor mir sitzen ehemalige Abiturienten, Schulabgänger mit Mittlerer Reife oder junge Menschen, die schon ihren zweiten Beruf erlernen. Wie gehe ich mit einem Menschen um, der nur noch eine begrenzte Zeit zu leben hat, der den Tod vor Augen sieht?

In der Arbeit mit den jungen Pflegekräften ist spürbar, dass es keine Rolle spielt, ob jemand nun Abitur hat oder besonders gute Noten in der Ausbildung. Hier ist gefragt, wer Einfühlungsvermögen hat, wer umgehen kann mit Frustration, Leid und Versagen. Wer nicht nur stark im Kommunizieren ist, sondern auch Stille aushält und fähig ist, sich auf die Gefühle seines Mitmenschen einzulassen. Patienten melden mir oft zurück wie gut oder wie unverstanden sie sich behandelt fühlen – übrigens gilt dies auch für die Behandlung durch Ärzte.

Mit einer halben Stelle in der Schule und mit der anderen halben Stelle in der Klinik, das kommt nicht oft vor auch bei uns kirchlichen Mitarbeitern. Durch meine Tätigkeit in beiden Arbeitsfeldern habe ich erkannt, dass unser Schulsystem nicht nur krankt, sondern viele Menschen auch krank macht.

Als überzeugte Christin bin ich der Meinung, dass dieses System nicht mehr christlich ist. Wenn es sich so weiter entwickelt, empfinde ich es sogar als menschenunwürdig. Während der interreligiöse Dialog immer mehr zunimmt, das Verständnis für andere Religionen, spirituelle Ausrichtungen und auch den Bereich der Esoterik wächst, sehe ich, dass unsere christlichen Werte mehr und mehr verloren gehen.

Dass der Mensch mehr wert ist als seine Leistung, versuche ich immer wieder im Religionsunterricht zu vermitteln. Aber solange unsere Schulpolitik das Gegenteil lehrt, stoße ich damit an meine Grenzen und begrenzt dieses System viele Menschen (Schüler, Eltern, Lehrer und Schulleiter gleichermaßen) in ihrer Lebensqualität.

Gastbeitrag von Gabriela Amon
    
    

Diesen Artikel

  • Webnews einstellen
  • Teilen
Kontakt Redaktion     An Bekannten versenden     Druckversion
    
    

»Alle 6 Kommentare anzeigen Die neuesten Kommentare

romi2000 (3 Kommentare) am 03.02.2012 14:44

Experiment Schulsystem

Seit sich die Kinder in der 4. Klasse entscheiden müssen, ob sie auf Realschule oder Gymnasium gehen, ist der Leistungsdruck in den Klassen erheblich gestiegen. Für die meisten Eltern ist es der Wunsch, dass ihr Kind aufs Gymnasium oder in die Realschule wechselt. Wer den Übertritt nicht schaft, der sollte dann möglichst den Mittleren Schulabschluss schaffen. Übrig bleiben dann nur noch ein kleiner Rest an Hauptschülern. Leider wird nur noch auf Schulabschluss und Noten geschaut und nicht auf den Charkter der Kinder. Die Schwachen gehen bei unserem heutigen Schulsystem unter. Früher gingen nur die Besten aufs Gymnasium bzw. später dann auf die Realschule. Mit Nachhilfeunterricht sollen heute die Kinder zu kleinen Genies heranwachsen. Wer sich keinen Nachhilfelehrer für sein Kind leisten kann, der hat halt Pech. Sollten wir nicht mehr auf die Fähigkeiten unserer Kinder schauen. Es kann nicht jeder studieren, es werden auch Handwerker gebraucht. Und viele Hauptschüler habe handwerkliche Begabungen. Und nach einer erfolgreichen Ausbildung gibt es noch die Möglich zur Weiterbildung.
(4)
Silverbullet (35 Kommentare) am 03.02.2012 12:42

falsches Schulsystem!

Heutzutage wird vorgegaukelt, mit einem möglichst hohen Bildungsabschluss und möglichst guten Noten beste Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Das eigentliche Ziel, den Charakter, die geistige Entwicklung zu stärken und formen und den Wissensdurst in Schülern zu wecken wird dabei gnadenlos verfehlt.

Denn eines dürften sich die Herren Schulräte und Minister hinter die Ohren schreiben:

Ein Schüler der aus Zwang lernt wird niemals so gut sein wie ein Schüler, der aus eigenem Antrieb handelt und sich wissen aneignet.
(2)
sapientia (80 Kommentare) am 03.02.2012 01:45

Aus eigener Erfahrung

als Mutter und als Lehrerin, weiß ich, dass Gabriele Amon das Ganze sehr zutreffend beschreibt. Durch die Einführung der 6stufigen Realschule ist der Druck auf die Kinder enorm gewachsen - etwas, was man wirklich voraussehen konnte. Nachhilfe schon in der Grundschule, um den Übertritt zu schaffen, ist heute der Normalfall.
Auf dem Ausbildungsmarkt hat sich in den letzten 5 Jahren enorm viel getan, so dass in den nächsten Jahren die Betriebe massiv umdenken müssen: Wer noch einen Lehrling möchte, wird um die immer weniger werdenden Jugendlichen werben müssen, die Jugendlichen werden wieder mehr Auswahl haben, welchen Beruf sie ergreifen wollen. Dies nimmt - wenn man es weiß - wirklich den Druck raus, dass das Kind nur mit G8 erfolgreich sein kann.
Mir ist es egal, was mein Kind einmal wird - wichtig ist, dass er glücklich ist und seine Talente entfalten kann. Unser Bildungssystem lässt Querverbindungen und Übertritte sowie nachgeholte Abschlüsse doch zu - warum sehen die Eltern nicht, dass ihre eigene Angst, ihre eigenen Wünsche der Grund dafür ist, dass sie diesen Druck auf die Kinder ausüben.
(3)
KlarerFall (19 Kommentare) am 02.02.2012 19:48

Appell

Eltern, steht zu eurem Kindern, auch wenn sie nicht den Übertritt ins Gyminasium schaffen! Erspart ihnen das G8 und gönnt ihnen noch etwas mehr Kindheit! Mit der Mittleren Reife und der FOS 13 erreicht man auch die Allgemeine Hochschulreife. Und wer zur Zeit die Meldungen aus der Wirtschaft verfolgt, hat sicher schon mitgekriegt, dass den Betrieben allmählich die Lehrlingen ausgehen. Das soll kein Freibrief für allgemeine Faulheit in der Schule sein. Aber es kann den Druck nehmen, weil plötzliche wieder Hauptschulabsolventen Land sehen...
(4)
Redneb (19 Kommentare) am 02.02.2012 19:45

Nachtrag

siehe auch hier: http://www.mainpost.de/regional/bad-kissingen/Viele-Stimmen-im-Ort-fuer-den-Erhalt-der-Petri-Schule;art770,6586127
(1)
Zum Kommentar abschicken bitte vorher einloggen
Benutzername Passwort
 
     
Sie sind noch kein Mitglied auf mainpost.de? Dann jetzt gleich »hier registrieren
    
Anzeige
    

Rückblende 

Blick in die Vergangenheit
Was bestimmte die Schlagzeilen vor zehn, 25 und 40 Jahren im Landkreis Bad Kissingen? »mehr
    
    

Baby-Galerie 

Die Jüngsten
Hier begrüßen wir die jüngsten Bewohner des Landkreises Bad Kissingen. »mehr
    
    

Dialektserie "Wördlich" 

Wörter aus dem Landkreis Bad Kissingen
Wöchentlich stellt der Steinacher Frank Schmitt ein interessantes Dialektwort vor. »mehr
    
Anzeige
    

Meine Maschine und ich 

Außergewöhnliches
Wir stellen Menschen vor, die eine besondere Beziehung zu einem technischen Gerät haben. »mehr
    
    

Stadtkultur Schweinfurt 

Theater, Kabarett,
Kunst und mehr
Die Stadt Schweinfurt hat kulturell eine ganze Menge zu bieten. »mehr
    
    

Fotografen und ihre Fotos 

Bilder und Eindrücke
Wir stellen ambitionierte Hobbyfotografen aus der Region Main-Rhön vor. »mehr
    
    

Grüsse aus der Region 

Kostenlose Grußkarten
Senden Sie Ihren Freunden und Bekannten eine elektronische Grußkarte aus der Region, auch Tiere! »mehr
    
    

Testen Sie Ihr Wissen 

Unser wöchentliches Quiz
Acht Fragen rund um ein aktuelles Thema.  »mehr
    
    

Aktuelle Leserkommentare

    
    

Zeichen setzen 

Förderpreis für
engagierte Bürger
Lesen Sie alles über den Preis und machen Sie Vorschläge, wer ihn bekommen soll. »mehr
    
    

Recht auf Auskunft 

Kommunalpolitik
Bürger haben ein Recht auf politische Teilhabe und Journalisten ein Recht auf Auskunft. Das mussten auch einige Bürgermeister erst lernen. »mehr