publiziert: 13.07.2012 14:28 Uhr
aktualisiert: 15.07.2012 12:03 Uhr
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Zentralität verloren

Der Raum Hammelburg und die Gebietsreform vor 40 Jahren

Zeitzeuge Norbert Möller erinnert sich: „Die Leute waren überrascht.

Es ist auch heute in dem Sinne keine Ehe zwischen den Städten“

  • Foto: Wolfgang Dünnebier
    Kennt den Werdegang von Anfang an: Norbert Möller vor einer Karte des Landkreises.
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Bewegte Berufsjahre erlebte Norbert Möller während der Gebietsreform vor 40 Jahren. Als Redaktionsleiter der Main-Post berichtete er hautnah über das Geschehen. Viele Details bleiben dem heute 84-jährigen unvergessen.

Frage: Was geht Ihnen beim Thema durch den Kopf?

Norbert Möller: Es war eine stürmische Zeit. Die Kreisreform ging in zwei Jahren über die Bühne, die Gemeindegebietsreform bis 1978. In den Gemeinden, wo es keine Einigung gab, half man sich mit Verwaltungsgemeinschaften. Darin blieben die Gemeinden selbstständig. In der Verwaltungsgemeinschaft Euerdorf rumort es ja heute noch manchmal. Rückblickend war die Kreisreform in Hammelburg besonders dramatisch.

Wie kam es?

Möller: Das Thema bot fast täglich Schlagzeilen. Die Bevölkerung wurde von den Plänen genauso überrascht, wie die Offiziellen. Ich behaupte, Karl Georg Oschmann hätte sich als letzter Landrat des Kreises Hammelburg 1970 nicht zu Wahl gestellt, wenn er gewusst hätte, dass er in zwei Jahren seinen Sessel räumen müsste. Er hatte seinen Beruf als Tierarzt aufgegeben.

Vor der Reform stand jedes Dorf für sich. War da die Politik näher am Bürger?

Möller: In den 50er und 60er Jahren hatte fast jedes Dorf noch einen Pfarrer, einen Lehrer und einen Bürgermeister. Das waren die ersten Ansprechpartner. Der Rückzug begann mit dem Priestermangel, dann ging der Schulleiter. Da blieb nur noch der Bürgermeister als Mädchen für alles. In den Dörfern ehrenamtlich.

Jedes Dorf ein Gemeinderat. Da kamen Sie als Lokalredakteur doch gar nicht rum?

Möller: Es war sehr zeitaufwendig. Ich erinnere mich daran, dass mich Bürgermeister Ludwig Koberstein aus Völkersleier mal zwischen fünf und halbsechs in der Frühe angerufen hat, um mir zu sagen, dass am Abend eine wichtige Sitzung sei. Der Mann war Landwirt, musste sein Vieh füttern und nach seiner Mitteilung aufs Feld. Deswegen hat er mich aus dem Bett geklingelt.

Wie empfanden Sie die Bürgerbeteiligung bei der Gebietsreform?

Möller: Anhörungen und Bürgerversammlungen begannen erst, als die Reform schon angelaufen war. In Hammelburg hatte Bürgermeister Karl Fell eine glückliche Hand. Bevor er 1966 Bürgermeister wurde, war er im Landratsamt bei der Gemeindeaufsicht. Er hatte enge Kontakte zu Bürgermeistern und Gemeinderäten. Er hat mit seinem geschäftsleitenden Beamten Franz Rüttinger in den künftigen Stadtteilen mit viel Fingerspitzengefühl verhandelt. Hammelburg forderte nichts, sondern verhandelte auf freundschaftlicher Basis. Westheim kam schon 1971 nach Hammelburg. Der Westheimer Haushalt war kaum auszugleichen.

Die Orte wurden sicher umworben?

Möller: Gut kam in den künftigen Stadtteilen an, dass die Hammelburger Delegation vorschlug, die jeweilige Hauptstraße nach dem Ortsteil umzubenennen. Sonst hätte es ja auch Probleme bei der Postzustellung gegeben. Es gab auch Kontakte nach Thulba, Windheim und Fuchsstadt, aber die entschieden sich anderweitig. Gauaschach entschied sich nach vielen Diskussionen erst 1978 für Hammelburg, weil die Entfernung ins Zentrum so groß ist.

Auch der Freistaat verteilte Belohnungen.

Möller: Es gab Schlüsselzuweisungen, die nach dem Willen von Bürgermeistern und Gemeinderäten verwendet wurden. Etwa, um diese oder jene Straße herzurichten oder das Dach des Feuerwehrhauses zu decken.

Die Eingemeindung von Pfaffenhausen nach Hammelburg war nicht ganz unproblematisch?

Möller: Die waren schon 1971 dabei. Es gab nur eine große Hürde. Der letzte eigenständige Gemeinderat hatte der Bevölkerung versprochen, das Neubaugebiet am Lagerberg für fünf Mark den Quadratmeter zu erschließen. Da haben die Hammelburger gesagt, das geht beim besten Willen nicht.

War die Identifikation mit den eigenen Dörfern vor der Reform stärker zu spüren? Hat das nachgelassen?

Möller: Es gab sehr viel ehrenamtliches Engagement. Ende der 40er Jahre ist eine Wasserleitung verlegt worden von Wartmannsroth nach Völkersleier. Da waren Hunderte von Bürgern im Einsatz. Es gab die Hand- und Spanndienste für das Gemeinwesen. Bei Unter- und Obererthal haben Hunderte an der Flurbereinigung mitgearbeitet, Steine gesammelt, Wirtschaftswege angelegt. Bis Ende der 60er Jahre ist da viel geleistet worden.

Hat die Gebietsreform da was ausgebremst?

Möller: Das würde ich nicht sagen. Die Leute haben sich weiter mit ihren Dörfern identifiziert. Es wurde natürlich sehr gerne Hilfe angenommen, in Hammelburg zum Beispiel vom Bauamt mit Geräten oder Materiallieferungen. Die Bürger haben dann zugepackt.

Es gab ja auch Sorgen um eine Fremdbestimmung aus anderen Dörfern.

Möller: Die Leute waren überrascht über die Dinge, die passiert sind. Etliche fühlten sich vor allem im Bezug auf die Kreisreform über den Tisch gezogen. Ansonsten ging doch vieles relativ ruhig über die Bühne.

Waren die Auswirkungen der Kreisreform gleich allen klar?

Möller: Viele haben das nicht erkannt. Erst im Laufe der Jahre hat sich der enorme Zentralitätsverlust Hammelburgs herausgestellt. Vor allem, was das geschäftliche Leben anbelangt. Behördengänge führten ab sofort nach Bad Kissingen. Hammelburg verlor nicht nur das Landratsamt, sondern das Schulamt, das Gesundheitsamt und das Zollamt. Es gab hier überdurchschnittlich viele Kleinbrenner. Dazu drei Brauereien.

Der Zusammenschluss mit Bad Kissingen war ja keine Liebeshochzeit.

Möller: Es gab wenig Sympathien. Aus dem Umland hörte man oft unterschwellig, das seien die Besseren in Bad Kissingen. Die anderen kämen aus der Provinz. Auch die Namensgebung missfiel etlichen. Rhön-Grabfeld und Main-Spessart umschrieb ganze Regionen. Der Landkreis Bad Kissingen bezog sich auf eine Stadt. Dies war wohl dem Weltbad geschuldet. Die Räume Euerdorf und Oberthulba hatten damit weniger Probleme, weil sie eher nach Bad Kissingen tendierten.

Aus dem westlichen Landkreis gab es Widerstand.

Möller: Aus Hammelburg kam der Vorstoß, Hammelburg, Bad Brückenau und Gemünden zusammenzuschließen. Hammelburg sollte Kreissitz werden. Diese Lösung spielte auf die 1200 Jahre alte Achse zwischen Hammelburg und Fulda an. Das hat Gemünden nicht gepasst. Es gab eine Geheimkonferenz auf Saaleck, die keinen Durchbruch brachte. Gemündens Bürgermeister Völker sprach in einem Leserbrief von einem Rückfall ins Mittelalter mit Saalecker Raubrittern , die sich alles unter den Nagel reißen, was sie ergattern können. Allerdings gab es seit jeher eine traditionelle Bindung bis nach Heßdorf und Gräfendorf. Von dort kommen heute noch viele nach Hammelburg zum Einkaufen.

Gab es Dankbarkeit von den Kommunen nach der Gebietsreform?

Möller: Eigentlich nicht. Man hat es als gegeben hingenommen.

Wie lange hat es gedauert, bis sich die größten Wogen geglättet hatten?

Möller: Ich würde sagen bis Anfang der 80er Jahre. Es gab natürlich Reibungsflächen zwischen den Gemeinden mit viel Regelungsbedarf, um Dinge auf ein gemeinsames Niveau zu bringen. Manches ist noch gegenwärtig. Die Menschen haben nach Behördengängen in Hammelburg eingekauft oder haben sich in die Gaststätten gesetzt. Die Leute sind irgendwann weggeblieben.

Die Behördenmitarbeiter brachten bei der Reform ja auch Opfer.

Möller: Die sind danach mit dem Omnibus nach Bad Kissingen gefahren worden. Der frühere Hammelburger Landrat Adam Kaiser hat vor 1970 gerne befördert. Er hatte, außergewöhnlich für Bayern, mehrere Referatsleiter ernannt, die in die Planung des neuen Landratsamtes nicht ohne Weiteres passten.

Die politische Opposition hat vor Ort aus der Reform kein Kapital zu schlagen versucht?

Möller: Nach den Plänen zur Aufteilung des Landkreises Hammelburg ist die CSU sehr munter geworden. Bei einer Bezirkskonferenz in Werneck wurde die Lösung mit dem Landkreis Bad Kissingen nach stundenlangen Debatten mit 45:30 angenommen.

Der CBB, die SPD, die tauchen in den örtlichen Diskussionen eher selten auf.

Möller: Im Endeffekt kam die Kreisreform doch sehr überraschend. Nur ein Insiderkreis hat gewusst, dass was im Gange ist. Die SPD war hier zu schwach. Ihre bayerische Mutterpartei hatte weitergehende Pläne. Sie sah die Auflösung der Bezirke und Landkreise mit Schaffung von Verwaltungseinheiten für mehr als 250 000 Einwohnern vor. Die Stammtische diskutierten über eine Bürgerbeteiligung. Die kam aber nicht.

Sehen sie nach der Kreisreform von 1972 aus heutiger Sicht Wünsche für Optimierungen?

Möller: Es ist auch heute in dem Sinne noch keine Ehe zwischen den Städten, es gibt noch Ressentiments. Durch die Kreisreform hat die Bürgernähe gelitten. Noch größere Einheiten würden den Trend eher verschärfen.

Das Gespräch führte Wolfgang Dünnebier
    
    

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