aktualisiert: 25.01.2012 19:55 Uhr
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WÜRZBURG
Der Wettbewerb um die Pflege
Gesundheit: Der akute Fachkräftemangel bei Pflegeberufen fordert neue Ideen, die EU möchte die Ausbildungszulassung verschärfen.
In der Region will nun die AWO Unterfranken mit dem Kreisverband Würzburg-Stadt fusionieren: ein Modellprojekt für Bayern?
Eine Reform der Ausbildung in den Pflegeberufen ist überfällig. Auch das Pflegeverständnis und das berufliche Selbstverständnis haben sich nachhaltig verändert: Berufliche Pflege bedeutet nicht mehr, vorrangig Arztassistenz zu leisten oder ärztliche Anordnungen auszuführen. Im Mittelpunkt steht die zwischenmenschliche Beziehung zum pflegebedürftigen Menschen. So skizziert eine namhafte Kommission aus Wissenschaft, Pädagogik und Politik die Situation der Pflege in Deutschland. Die Überraschung dabei: Was sich liest wie eine aktuelle Zustandsbeschreibung ist tatsächlich über zehn Jahre alt. Damals, im Herbst 2000, kam die Expertenrunde mit dem Titel „Zukunftswerkstatt Pflegeausbildung“ zu dem Schluss: Pflege muss neu gedacht werden.
Passiert ist offenbar wenig in der vergangenen Dekade, die Forderung ist aktueller denn je. Die demographische Entwicklung hin zu einer älter werdenden Gesellschaft macht den Gesundheitsmarkt zwar zu einer boomenden Sparte – doch in der Pflege herrscht Notstand. Waren 2007 noch 2,25 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig, so werden es 2030 bereits zwischen 3,0 und 3,4 Millionen sein. Der geschätzte Bedarf an Arbeitsplätzen in der Pflege bis 2050 lautet: 500 000 Stellen. In einem aktuellen Arbeitsmarktbericht schreibt die Bundesagentur für Arbeit schon jetzt: „In Gesundheits- und Pflegeberufen kann von einem flächendeckenden Fachkräftemangel auf allen Qualifikationsebenen ausgegangen werden.“ Und die Bewerberzahlen für den Beruf des Gesundheits- und Krankenpflegers sinken kontinuierlich. Die Gründe? Hohe Belastung, Schichtdienst, Wochenendarbeit und eine Bezahlung, die netto durchschnittlich bei etwa 1300 Euro im Monat liegt.
Neu denken also. Diesen Weg ist in Unterfranken die Arbeiterwohlfahrt (AWO) gegangen. Die AWO in Deutschland ist einer der großen Verbände in der Wohlfahrtspflege mit insgesamt 165 000 Beschäftigten, 70 000 ehrenamtlichen Helfern und 3800 Ortsvereinen. Nun will sich der Kreisverband Würzburg mit dem Bezirksverband Unterfranken verschmelzen – nach AWO-Angaben ein bislang einmaliger Vorgang in Bayern (siehe Grafik). Es entsteht ein Verband mit über 2000 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von 68 Millionen Euro. „Neu ist vor allem, dass der Zusammenschluss nicht aus der Not heraus geschieht“, sagen im Gleichklang der Bezirksvorsitzende Stefan Wolfshörndl und Rudolf Mainardy, Vorsitzender des Würzburger Kreisverbands. „Beide Verbände haben gesunde Strukturen, aber auch die Zeichen der Zeit erkannt“, so Mainardy. Die Konkurrenz um die zu Pflegenden auf dem Gesundheitsmarkt wird härter, nun sollen Kräfte gebündelt werden. „Es braucht aber keiner Angst um seinen Arbeitsplatz zu haben“, sagt Wolfshörndl. Die Mitarbeiter sind bereits informiert, im Sommer soll auf Konferenzen die Verschmelzung besiegelt werden. Laut Plan wird der Kreisverband mit seinen Einrichtungen im Bezirk aufgehen, die ehrenamtliche Arbeit des Stadtverbands soll aber wie bisher weitergeführt werden.
Ob die Fusion ein Modell ist, das Antworten auf die Fragen der Zukunft in der Pflege geben kann, wird sich zeigen müssen. Zuletzt sorgte auch noch die EU-Kommission mit dieser Forderung für Wirbel in der Branche und in der Gesellschaft: In Europa sollten Kranken- und Altenpfleger zwölf Jahre Schulbildung nachweisen, um zur Ausbildung zugelassen zu werden. Bislang ist das schon in 25 der 27 EU-Länder Standard, in Luxemburg und Deutschland aber nicht. Braucht eine Krankenschwester künftig hierzulande also Abitur? Der Aufschrei aus der Politik war groß, der Mangel an Fachkräften würde so nur noch vergrößert werden, lautete das Argument. Christel Bienstein ist Leiterin des Instituts für Pflegewissenschaften an der Universität Witten/Herdecke, sie war damals eines der Mitglieder der „Zukunftswerkstatt Pflegeausbildung“. Im Gespräch mit dieser Zeitung plädiert sie dafür, dass Deutschland in der Ausbildung nicht mehr isoliert ist. „Krankenhäuser sind heute so hochtechnisch, Krankheiten so komplex, dass Hintergrundwissen auch der Pflegerinnen da sein muss.“ Sie fordert einen Ausbildungsmix, differenzierte Stufen. „Es muss auch eine zweijährige Lehre geben“, sagt Bienstein – denn es gäbe auch viele Fälle, wie etwa oft nach Schlaganfällen, in denen ein gleichbleibender Pflegebedarf gefragt sei, daneben aber eben auch die akademische Ausbildung. Und: „Arbeitszeiten müssen flexibler und familienfreundlicher werden.“
Ähnlich sieht das an der Basis Gisela Gold. Die Leiterin der Würzburger Berufsfachschule für Krankenpflege der Schwesternschaft des BRK sagt: „Wir brauchen eine Akademisierung des Pflegeberufs.“ Natürlich müsse nicht jede Pflegehelferin Abitur haben, meint sie, aber so eine Art Pflegemanagerin für die Station kann sie sich gut vorstellen. Eine gehobene Ausbildung würde das Ansehen der Pflege in der Gesellschaft steigern – und in der Kollegenschaft. Es geht auch „um die Augenhöhe mit den Ärzten“. In allen Ländern, die die Anforderungen bereits angehoben haben, so der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) in Berlin, „hat dies zu einer Attraktivität des Berufs geführt“. Allerdings: Bei der Schwesternschaft in Würzburg gibt es seit Kurzem – einzigartig in Unterfranken – die Möglichkeit, in Zusammenarbeit mit der Hamburger Fernhochschule einen die Ausbildung begleitenden Dualen Studiengang mit einem Bachelor-Abschluss anzubieten. „Wir haben zwar Interessenten“, sagt Gisela Gold, aber es habe sich noch keiner eingeschrieben.
Schon schlägt der Fachkräftemangel auch in Mainfranken durch: Noch vor wenigen Jahren hatte sie bis zu 1000 Bewerbungen für die 20 Ausbildungsplätze im Jahr: „In diesem Jahr waren es knapp 50“, so die Leiterin der Berufsfachschule. Auch die AWO Unterfranken bemüht sich aktiv um Auszubildende: „Wir waren auf der Mainfrankenmesse mit einem Stand vertreten und arbeiten mit Schulen zusammen“, sagt AWO-Marketingleiter Dirk Baumann, „die Zeiten, in denen du einfach eine Stellenanzeige geschaltet hast, die sind vorbei.“ Gisela Gold sagt, dass sie sich „von der Politik mehr Unterstützung erhofft“, denn die Bezahlung sei „lachhaft“.
Aber es gibt auch andere Probleme als eine Neuordnung der Ausbildungszulassung: Dieser Meinung ist Julian Umkehr. Der 28-jährige Würzburger, junger Vater, hat nach mittlerer Reife, dem Bundeswehrdienst, einer handwerklichen Ausbildung und einer Tätigkeit als Kurierfahrer den Weg in die Pflege gefunden, er ist in der Schwesternschaft des BRK im zweiten Ausbildungsjahr. „Für mich ist das Berufung und nicht Beruf“, sagt er, er möchte nie mehr etwas anderes tun. Er ist eher für eine Reform des Gesundheitswesens und dafür, die Fortbildungsmöglichkeiten auszubauen. Ähnlich denkt seine Kollegin Tatjana Köllmeier (18) aus Zeuzleben bei Werneck (Lkr. Schweinfurt). Ihr macht der Beruf „sehr viel Spaß“, und auch wenn sie mit der Pflege schwerkranker Menschen psychisch gefordert sei, „so kann ich doch sehr gut damit umgehen“. Auszubildende Sarah Gebel (22) aus Kleinrinderfeld dreht in der Diskussion den Spieß um: Für ein Studium der Pflegewissenschaft „sollte eine Ausbildung in der Pflege eine Voraussetzung sein. Erst wenn man weiß, worum es in der Praxis geht, kann man mitreden.“
Stefan Wolfshörndl, der AWO-Bezirksvorsitzende aus Gerbrunn (Lkr. Würzburg), sieht den Vorstoß der EU-Kommission indes skeptisch. Er glaubt, die Pflege würde damit noch mehr verkompliziert werden. Unlängst hat er bei einem aktiven Rollentausch im Kreisverband den Pflegeberuf hautnah kennengelernt. Seine Erfahrung: „Das ist eine harte Arbeit, die überfrachtet ist mit der Dokumentation der Tätigkeiten, mit Nachweispflicht, mit Statistiken.“ Er will sich nicht falsch verstanden wissen, genaue Kontrolle müsse sein, schließlich sei Pflege ein sehr sensibler Bereich: „Aber Qualität sollte sich an der Pflege am Menschen bemessen und nicht an der Pflege der Statistik.“
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