publiziert: 01.04.2013 19:37 Uhr
aktualisiert: 04.04.2013 15:10 Uhr
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Schrift vergrößern Text    Schrift verkleinern Text WÜLFERSHAUSEN
Die Arche Noah im Grabfeld

Alte Haustierrassen: Die Familie Weber gibt auf ihrem Hof Genügsamkeit und Vielfalt den Vorzug vor Wachstum: Sie hält Gelbes Frankenvieh, Coburger Füchs, Bayerische Landgänse sowie Meißner Widderkaninchen.

  • Fotos: Anand Anders
    Zufriedener Züchter: Biobauer Karl-Heinrich Weber mit einem Prachtexemplar von Bayerischer Landgans.
  • Robust und genügsam: Die Coburger Füchs sind eine alte Landschafrasse.
  • Fruchtbar: Karnickel vermehren sich schnell.
  • Gemütlich: Gelbes Frankenvieh
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Und von allem Lebendigem, von allem Fleisch, sollst du je zwei von allen in die Arche bringen, um sie mit dir am Leben zu erhalten. Je ein Männchen und ein Weibchen soll es sein.“ So heißt es in Genesis 6, Vers 19 der Bibel über die Anweisung an Noah, den Gott auserwählt hatte, durch den Bau der Arche mit seiner Familie die Sintflut zu überleben. Karl-Heinrich Weber und seine Frau Elisabeth haben den Schwalbenhof im unterfränkischen Wülfershausen (Lkr. Rhön-Grabfeld) auch ohne biblische Weisung zu einer Arche für bedrohte Rassen gemacht.

Das Gelbe Frankenvieh ist die wirtschaftliche Grundlage des Bioland-Betriebes, die Meißner Widderkaninchen sind Karl-Heinrich Webers Leidenschaft. Und dann gibt es auf dem Hof im Tal der Fränkischen Saale noch eine Herde Coburger Fuchsschafe, auch Coburger Füchs genannt, anspruchslos und widerstandsfähig wie das Frankenvieh, ferner jede Menge Geflügel, darunter die Bayerische Landgans, teilweise grau gefiedert und besonders geeignet für die bäuerliche Kleintierhaltung, wie man lesen kann.

Sind alte Rassen nur kurios, nur etwas für Liebhaber? Die Frage hat Weber schon auf Informationsveranstaltungen der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH) beantwortet, auch dem Reporter gegenüber tut er es ruhig und entschieden. Für ihn, seine Familie, seinen Hof und seine Art nachhaltiger Landwirtschaft sind die Tiere optimal. Eigentlich muss er das nicht sagen, der Gesprächspartner spürt es.

Das Gelbvieh kennt er vom Vater her, seit Kindesbeinen. „Das kommt mit dem, was wir an Futter anbauen, einfach super zurecht“, sagt Weber. Er füttert, was das Grünland im Saaletal hergibt. Im Sommer sind die Tiere auf der Weide, im Winter bekommen sie ein bisschen Getreide oder ein, zwei Kilo Körnermais, sonst nur trockenes Heu. Seit die Webers auf Silofutter verzichten und auch auf Soja, beobachten sie, dass die Kühe leichter kalben und der Nachwuchs wesentlich schneller auf den Beinen und dazu lebensstärker ist.

Frankenvieh ist nicht nur genügsam, sondern auch fruchtbar. Derzeit stehen 20 Kälber neben 40 Milchkühen. Ein gutes „Fundament“ hat die Rasse auch, sagt Weber, die Klauen muss man nicht oft schneiden. Was daher rühre, dass die Gelben früher als Zugtiere eingesetzt worden seien, und weil sie obendrein gutmütig seien wie ein gemütlicher Ackergaul. Diese Eigenschaften sind den Webers wichtiger als höchste Milchleistung, die die Kühe oft nach wenigen Jahren ausgelaugt habe. Auf dem Schwalbenhof wird eine Kuh schon mal 13 Jahre und älter, und der Bauer ruft alle seine „Schmuselviecher“ beim Namen: Nachtigall, Nele, Wacholder.

Auch Coburger Fuchsschafe sind nicht auf Höchstleistung getrimmt, sondern vor allem robust und genügsam. Ein Landschaftsschaf, sagt Weber, das mit dem schwarzköpfigen Rhönschaf vergleichbar ist. Auch die Coburger müssen kein teures Kraftfutter bekommen, und für das Fleisch, das kaum nach Hammel schmeckt, kommen die Liebhaber von weit her in den Hofladen der Webers.

Genügsamkeit, Robustheit – es gibt eine Reihe Vernunftgründe, Tiere alter Rassen zu halten. Zwar bekommt Karl-Heinrich Weber immer wieder zu hören, dass eine Hochleistungskuh im Jahr bis zu 1000 Liter mehr Milch gibt als eine seiner Frankenviecher. Das hat ihn nicht beirren können. 5500 Liter pro Jahr und Kuh sind auch nicht schlecht, sagt er, davon lässt sich als Landwirt leben. Weber hat nach langer Suche eine Molkerei gefunden, die ihm die Biomilch abnimmt und pro Liter zehn Cent Biobonus zahlt. Die Lehre vom ständigen Wachstum ist Weber ohnehin suspekt. Wenn er Politiker davon reden hört, sagt er zu sich: „Ich brauch' net mehr zum Essen, ich brauch' net mehr zum Leben, es langt doch eigentlich, wenn ich das gleiche hab'.“

Wichtiger als Wachstum ist ihm die Vielfalt. Es tut ihm in der Seele weh, dass ein Hof nach dem anderen aufgibt. Und ihn schmerzt es, dass die Kleintierhaltung, wie sie früher in Frankens Dörfern und anderswo auch üblich war, mehr und mehr aus unserem Alltag verschwindet. „Da geht Kultur verloren“, klagt Weber.

In Deutschland stehen über 100 Rassen auf der „Roten Liste der gefährdeten Nutztierrassen“, die Meißner Widderkaninchen gelten als „stark gefährdet“. Weber züchtet die besonders seltene blau-weiße Version mit großem Erfolg. Entscheidenden Anteil hat sein Zuchtrammler. Der Bauer nimmt ihn liebevoll in den Arm, hält ihn vor die Linse des Fotoapparates und schwärmt: „Die Silberung, wie sie sein sollte, die Größe, da passt einfach alles.“ Auch Meißner Widder vermehren sich „wie die Karnickel“. Fünf Häsinnen bringen auf einen Schlag 40 Junge, die sind sechs Monate später schlachtreif. Auch das Kaninchenfleisch wird ab Hof verkauft.

Die Bayerischen Landgänse sind eine Rasse, die mit dem windigen Klima an den Ausläufern der Rhön bestens zurechtkommt. Biobauer Weber stört nur, dass die Tiere nicht so brüten wie gewünscht. Als „Schuldige“ hat er die Hühner ausgemacht, die mit den Gänsen zusammenleben und in deren Nestern scharren. Da ist die Idylle schon mal gestört auf dem Schwalbenhof. Und weil das nicht sein darf, wird Weber für einen geschützten Brutplatz sorgen – und bald ein separates Häuschen für die Gänse bauen.

Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen

Die Archehöfe sind ein Projekt der Gesellschaft zu Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH). Seit 1995 entstanden in ganz Deutschland über 90 solcher Höfe. Ein weiterer in Unterfranken ist der von Markus Mathes in Schöllkrippen. Die vollständige Liste der Archehöfe gibt es im Internet unter der Adresse www.g-e-h.de Die GEH wurde 1981 gegründet und hat inzwischen bundesweit über 2100 Mitglieder. Sie führt die Rote Liste der mittlerweile gut 100 Haus- und Nutztierrassen in Deutschland. Jährlich veröffentlicht sie gefährdete Nutztierrasse des Jahres. 2012 waren das Hühner, die „Deutschen Sperber“, heuer ist es das Leineschaf.

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Von unserem Redaktionsmitglied Tilman Toepfer
    
    

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Die neuesten Kommentare

whaeussner (44 Kommentare) am 02.04.2013 14:03

Gelbvieh

Dank für diesen Bericht! Es ist gut zu lesen, dass es Menschen wie die Webers gibt, die sich für alte Haustierrassen einsetzen. Und gut finde ich auch, dass in dem Bericht auch die vernünftigen Gründe genannt werden, sich für genau solche genügsamen, einheimischen Haustierrassen zu entscheiden!
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