publiziert: 06.02.2012 13:07 Uhr
aktualisiert: 08.02.2012 15:27 Uhr
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Fastnacht in Franken: Gebrüder Narr von Anfang an dabei

Eine Gesangsgruppe aus Karlstadt begründete vor 25 Jahren den Erfolg der fränkischen Fernsehfastnacht mit.

Ob als Staatslakai, Clochard, Anstreicher oder Weinbäuerli – wenn der hippelige Bruno Gold auf den mit einem blauen Kleid gewandeten Schoß von Barbara Stamm hüpfte, waren die Narren los und ganz Bayern amüsierte sich vor den Fernsehschirmen. Zwei Jahrzehnte lang verhalfen fünf Herren aus Karlstadt – Markenzeichen debiler Gesichtsausdruck – der TV-Sendung „Fastnacht in Franken“ zu dem, was sie auch im 25. Jahr noch ist: Kult.

Seit dem Start der Fastnachtssendung 1987 in Lichtenfels (ab 1988 dann in Veitshöchheim) gehörten die Gebrüder Narr mit Winfried Hain, Horst Schmucker, Bruno Gold und Oskar Amersbach sowie Hans-Jürgen Döll-Kade als Pianist zu den Höhepunkten jeder Sitzung, die seit Jahren die höchsten Einschaltquoten des Bayerischen Fernsehens erreicht und Franken, Schwaben, Ober- und Niederbayern sowie Pfälzer vor dem Fernsehgerät vereint.

2007 – für die Fernsehoberen überraschend – verabschiedeten sich die Karlstadter von der großen TV-Bühne, zu einem Zeitpunkt, als sie mit ihren Parodien, ihrem Kokolores und mit dem „blauen Klääd“ der Barbara Stamm selbst Kult waren.

    
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Die Karlstadter haben die bayerische Fernsehlandschaft in der „Fünften Jahreszeit“ geprägt mit fränkischem Frohsinn. Winfried Hain, heute 75 Jahre alt und noch immer im Herzen ein Faschingsnarr, erinnert sich noch gut an die Anfänge des telegenen Abenteuers, das das Leben aller närrischen Akteure aus der fränkischen Provinz veränderte.

Die vier Sänger und Pianist Hans-Jürgen Döll-Kade waren bereits vor vielen Hundert Menschen aufgetreten. Schon 1972 füllte der Singkreis Karlstadt, eine international bekannte Folkloregruppe um Winfried Hain, ganze Säle, trat in TV-Musiksendungen auf und bereicherte den Fasching der Karlstadter Karnevalsgesellschaft „Die Schwedenmännli“. Daraus bildeten sich die „Drei Hainis“ mit frech getexteten Gassenhauern, die, garniert mit schrägen humoristischen Sticheleien, zu den Themen der Zeit in Karnevalshochburgen für gute Laune sorgten.

Die Karlstadter Gruppe verfügte schon über Große-Bühne-Erfahrungen, als Albert Erhardt, Präsident des Fastnacht-Verbands Franken, 1987 entschied: Ihr macht auch in der neuen Sendung des Bayerischen Fernsehens mit. Winfried Hain blickt mit Stolz zurück: „Wir hatten Alleinstellungsmerkmal mit Wortwitz und Gesang.“ Der Zweite aus der KaKaGe, der mit dem Fernsehdebüt 1987 eine beispiellose Karriere im fränkischen Fasching begann, war der spätere Sitzungspräsident Detlef Wagenthaler mit einer Bütt.

Für die, die auserkoren waren für die Feuertaufe in Lichtenfels, war das Fernsehen eine Chance, aber auch eine Herausforderung. Sie waren Laien und mussten ihre Texte und Auftritte, konzipiert und choreografiert für die Kappenabende auf ihren fränkischen Heimatbühnen, umstellen auf ein verwöhntes Millionen-Publikum. Auch die Gebrüder Narr passten sich an, ohne ihre originelle Einmaligkeit aufzugeben. Sie stellten sich textlich und musikalisch so auf, dass alle Zuschauer zwischen Rhön und Alpen den Sinn hinter ihrem Witz verstehen konnten.

Die Fernsehsendung „Fastnacht in Franken“ schuf eine Fangemeinde, der die Namen einstiger fränkischer Kleinkünstler plötzlich geläufig waren wie das Hasenterzett, Egon Helmhagen, Hans Driesel, Wolfgang Düringer, Bernd Händel, Peter Kuhn und Gerlinde Heßler (auch aus Karlstadt). Die Kabarettisten Volker Heißmann und Martin Rassau sowie Klaus Karl-Kraus und Michel Müller verdanken ihre Bekanntheit über Frankens Grenzen hinaus ebenfalls der BR-Kultsendung.

Auch Winfried Hain berichtet von Begegnungen: „Auf dem Flughafen, im Café und sogar im Ausland sprachen mich die Leute an, weil sie mich aus der Sendung erkannten.“ Das „zweites Gesicht“ des damaligen Direktors und Vorstandsvorsitzenden der Eisenwerke Düker in Karlstadt und Laufach, das des Faschingsnarren, nahmen seine Geschäftspartner positiv auf. Dagegen waren seine Mitarbeiter im Werk weniger amüsiert von der Kostümierung und dem Kokolores ihres Chefs. Hain erzählt: „,Der macht sich da zum Affen', sagten viele. Das habe ich aber schnell ausräumen können.“

Hain und Co. schraubten den Druck selbst hoch und texteten bis kurz vor dem Live-Auftritt gängige Melodien um, die heute Gassenhauer sind wie das Sitzungsfinale „Es ist lange noch nicht Feierabend“, „Mama, geh ohne, zieh doch mal gar nichts an, leg deinen Schmuck nur dran“ an Barbara Stamm oder die „Zuckerpuppe“ Renate Schmidt. Ob Bötsch, Stoiber, Beckstein oder Söder – alle fühlten sich geschmeichelt, von den Gebrüdern Narr durch den Kakao gezogen zu werden.

Keine Politikerin aber fand so viel Beachtung und Zuneigung wie Barbara Stamm. Der Running-Gag mit dem berühmten „blauen Klääd“ der damaligen bayerischen Staatsministerin entstand mit einem harmlosen Satz, als Winfried Hain von der Bühne versonnen zu ihr hinunterschaute und sagte, ihm gefalle ihr Kleid. Es war noch nicht das berühmte blaue. „Verabredet war mit ihr überhaupt nichts“, erzählt Hain heute. „Doch dann wartete das Publikum jedes Jahr neu gespannt darauf, was wir uns wieder für sie haben einfallen lassen. Barbara Stamm ist durch uns richtig bekannt geworden wie auch wir groß wurden mit der Frau Stamm.“

Winfried Hain hat bei den Fernsehredakteuren und Regisseuren keine Gängelung wegen der Forderung nach politischer Korrektheit erlebt: „Natürlich gibt es Vorgaben beim Fernsehen. Aber wir hatten auch nie Inhalte, die man hätte streichen müssen.“ Auch wenn die Pfeile ihres Spotts die CSU-Granden trafen, er hat in 20 Jahren Veitshöchheim nicht erlebt, dass ein BR-Gewaltiger sagte: So nicht! Der Feingeist Winfried Hain lehnt Haudrauf-Klamauk ab. Bei allem Kokolores, den die Karlstadter mit debilen Gesichtern in verschiedenen Kostümen absonderten, zeichnete sich ihre starke Bühnenpräsenz durch wortgeschliffene und nie verletzende Neckereien und Sticheleien aus.

Der Umgang mit den Münchner Politikgrößen, die sich im Laufe der 25 Jahre Veitshöchheim verstärkt in die Sendung drängten, weil sie deren Werbeeffekt für die eigene Karriere erkannten, gestaltete sich unaufgeregt. Hain: „Bei solchen Veranstaltungen sind die wie Otto Normalverbraucher. Stoiber bleibt immer Stoiber. Ich hatte ja oft beruflich mit ihm zu tun. Günther Beckstein, der sich so gern und so originell kostümiert, ist für mich der anständigste Kerl, den ich je getroffen habe.“ Hains Erfahrung: In solchen Szenarien kommen die Politiker gut weg, und man lernt sie als nette Leute kennen.

Jährlich neu bei bleibend doofer Mimik mit zündenden Texten die Wertschätzung und Neugier des Publikums zu erobern, ist eine Belastung für alle Akteure. „Man musste jedes Jahr einen draufsetzen. Wir waren mal besser, mal schlechter“, weiß Hain. Mit den braven „Bachsängern“ in Frack und mit Zylinder kann man nicht jeden Gag machen. Die Figur der Lakaien der Staatskanzlei bot der Hain-Truppe neue Nuancen der politischen Schelte. Als sich nach wenigen Jahren auch diese Formation totgelaufen hatte, erfanden sich die Karlstadter neu als vom Dienst suspendierte Lakaien, die nun die Themen der Zeit als Clochards karikierten.

Einige Rollen der Gebrüder Narr sieht Hain mit dem Abstand von fünf Jahren kritischer. „Da habe ich mich manchmal vom Fernsehen beeinflussen lassen zu Rollen, die uns überhaupt nicht standen und in denen wir uns nicht wohlfühlten. Wir wollten etwas dumm und doof wirken. Dann waren wir auch komödiantisch gut.“

Einige Kollegen verdanken den weitreisenden Gebrüdern Narr durch bajuwarische Faschingshochburgen eine Chance in der Fernsehsitzung wie Bernd Händel, der der erste Profi-Kabarettist in der Sendung war und 2006 Nachfolger von Sitzungspräsident Detlef Wagenthaler wurde, und die „Altneihauser Feierwehrkapell‘n“, die als einzige Nichtfranken ebenfalls seit sechs Jahren zum festen Ensemble in Veitshöchheim gehört.

Wenn es am schönsten ist, sollte man abtreten. Das gilt auch für Narren. So schieden die damals 70-jährigen Winfried Hain und Oskar Amersbach sowie Horst Schmucker nach der 20. Sendung aus. „Die Lust zu proben und die Stimme ließen nach“, begründet der heute 75-Jährige den schweren Schritt weg von Glanz im Scheinwerferlicht in die Durchschnittlichkeit eines Jedermanns. Hain kennt den Rausch: „Wenn 3000 Leute Zugabe schreien und wer einmal Beifall bekommen hat, wird süchtig.“

Zum Abschied im Februar 2007 in der Würzburger Residenz ließ der Bayerische Rundfunk den Karlstadtern ein riesiges Marzipanherz backen. Hain und seine Mannen waren von 1987 bis 2007 die Einzigen, die alle Sitzungen bestritten hatten und als Höhepunkte die Schlussakkorde setzten.

Und heute? „Es ist besser geworden“, lobt Winfried Hain. „1987 war mit unserem Konzept Wortwitz und Gesang unter Einbeziehung der Prominenz im Publikum nichts Vergleichbares da. Wir waren damals der Einäugige unter den Blinden“, scherzt Winfried Hain. Weil sich diese Vortragsart durch die Jahre bestens bewährt hat, wird sie von den meisten Künstlern heute kopiert.

Bruno Gold und Hans-Jürgen Döll-Kade setzen mit Sängerin Marion Mahlo die Tradition der Karlstadter Narretei als „Die Parodis“ fort. Im Hintergrund wirkt Winfried Hain noch ein wenig mit – nur so, weil die Fastnacht immer noch seine große Leidenschaft ist.

Gebrüder Narr und ein Buch zum Jubiläum

Bachsänger und Drei Hainis sind die bekannten Formationen, in denen Winfried Hain, Horst Schmucker, Bruno Gold und Oskar Amersbach sowie Hans-Jürgen Döll-Kade seit 1978 den Fasching in Franken bereichern. Sie entstammen dem Singkreis Karlstadt, den Hain dirigierte und der 1972 als Chor auf der Bühne der Karlstadter Karnevalsgesellschaft „Die Schwedenmännli“ stand. Als die„Drei Hainis“ bestritten Hain, Schmucker und Gold mit dem Ohrwurm „Es ist lange noch nicht Feierabend“ zuerst in Karlstadt und später auch bei „Fastnacht in Franken“ die Finale.

Trotz vielfältiger Angebote blieben sie Amateure auf der Narrenbühne. Winfried Hain (75) war Direktor der Eisenwerke Düker, Oskar Amersbach (75) leitender Angestellter im Furnierwerk Kohl, Horst Schmucker (73) Bahnbeamter und Bruno Gold (64) Kundendienstmonteur bei der Energieversorgung. Hans-Jürgen „Joe“ Döll-Kade (53) leitet eine private Musikschule in Karlstadt. Schon vor Beginn ihrer Fernsehkarriere 1987 traten sie als „Gebrüder Narr“ in verschiedenen Kostümen auf. Ihr Markenzeichen: Parodien mit debilem Gesichtsausdruck und Wechsel von Sprache und Gesang. Nach der 20. Fastnachtssendung 2007 verabschiedeten sie sich. Gold und Döll-Kade bilden mit Marion Mahlo heute die „Parodis“.

 


„25 Jahre Fastnacht in Franken – Promis, Prunk und freche Witze“ heißt eine Retrospektive in Buchform mit DVD von Dorit Schatz. Auf 195 Seiten mit 220 Fotos erinnert die BR-Redakteurin an die Fastnacht aus Veitshöchheim und ihre Akteure. Das Buch kostet 19,95 Euro, kann bestellt werden im Internet unter www.brshop.de und ist im Buchhandel erhältlich (ISBN 978-3-941282-42-1). Text: matz

Von unserem Redaktionsmitglied Martina Amkreutz-Götz
    
    

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