publiziert: 31.01.2012 20:03 Uhr
aktualisiert: 01.02.2012 09:50 Uhr
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Mediziner Stich: "Flüchtlinge werden entmündigt"

Experte kritisiert Asylverfahren und Gemeinschaftsunterkunft

Der Suizid eines Bewohners der Gemeinschaftsunterkunft in Würzburg (wir berichteten) rückt die Situation der Menschen, die dort leben müssen, wieder in den Blickpunkt. Dr. August Stich von der Missionsärztlichen Klinik, der mit einem Team und zusammen mit Ehrenamtlichen und Wohlfahrtsverbänden die Flüchtlinge betreut, formuliert seine Kritik deutlich. Sein Ziel ist eine andere Asylpolitik und die Abschaffung der Gemeinschaftsunterkünfte.

Frage: Herr Stich, Sie gelten als unbequemer Streiter, der deutliche Worte für das politisch gewollte System Gemeinschaftsunterkunft (GU) findet. Sie sagen, das Leben dort macht krank.

August Stich: Viele Bewohner, die in unsere Sprechstunde kommen, leiden unter psychischen Störungen. Sie sagen jedoch nicht: Ich bin depressiv, äußern vielmehr körperliche Symptome wie Kopf- oder Rückenschmerzen oder sie erzählen, sie können nicht schlafen. Die Diagnose geht häufig in Richtung Posttraumatische Belastungsstörung.

Sind viele Menschen nicht schon krank, bevor sie in Deutschland ankommen?

Stich: Es gibt drei große Komplexe: Krankheiten, die Flüchtlinge aus ihrem Heimatland mitbringen; Krankheiten, die auf der Flucht erworben werden wie Traumatisierungen, etwa durch Vergewaltigung; und Krankheiten, die erst im Gastland entstehen oder dort verstärkt werden. Psychiater sprechen dann von einer Retraumatisierung. Diese geschieht oft schon bei den Erstgesprächen durch Mitarbeiter des Bundesministeriums für Migration und Flüchtlinge, in denen die Menschen nachweisen müssen, dass sie politisch Verfolgte sind, dass in ihrem Heimatland ihr Leben in Gefahr ist oder dass sie dort gefoltert wurden. Sie werden immer wieder ohne therapeutische Hilfe an diese Situationen herangeführt. Das führt dann häufig zu sogenannten Flashbacks, in denen sie sich plötzlich und unvermittelt an die bedrohliche Gewaltsituation von einst erinnern.

Wird in diesen Gesprächen nicht auf diese gesundheitlichen Belastungen geachtet?

Stich: Diese Gespräche werden nicht von einem Arzt oder Psychologen geführt. Und neben den sprachlichen Barrieren gibt es auch kulturelle. Ein Beispiel: Eine Frau hat im Erstgespräch erzählt, die Überfahrt auf dem Mittelmeer sei ein einziger Sturm gewesen. Daraufhin wurde die meteorologische Datenlage geprüft und festgestellt, dass zu dieser Zeit eine stabile Wetterlage war. Es hieß, die Frau lügt. Was sie sagen wollte, war aber, dass sie auf dem Schiff mehrfach vergewaltigt worden sei. Für sie war das wie ein Sturm. Diese kulturellen Unterschiede erkennt jedoch keiner ohne entsprechende Schulung.

Und weil ohnehin mehr auf den politischen Hintergrund geachtet wird?

Stich: Sicher. Zudem ist die Zielführung des Asylverfahrens, die Zahl der Flüchtlinge so niedrig wie möglich zu halten. Das wird jedoch von politischer Seite so nie zugegeben. Auch das Leben in den GU soll zermürben, sodass sie möglichst bald freiwillig zurückkehren. Zum anderen gewährt das Asylbewerberleistungsgesetz nur einen reduzierten Zugang zu einer adäquaten Gesundheitsversorgung.

Wie sieht die medizinische Versorgung der GU-Bewohner aus?

Das Asylbewerberleistungsgesetz sieht eine ärztliche Behandlung nur bei akuten Erkrankungen und Schmerzzuständen vor; also zum Beispiel bei Suizidgefahr. Wenn jemand sagt, er hat Albträume, weil er zum Beispiel seine Familie zurücklassen musste und diese sich weiterhin in Gefahr befindet, dann fällt das formal nicht unter dieses Gesetz. Dann stellen wir bei Sozialbehörden einen Antrag auf eine psychologische und psychiatrische Betreuung. Häufig wird er abgelehnt. Dieser Prozess zieht sich oft über viele Wochen hin.

Was wäre Ihrer Meinung nach dringend vonnöten?

Stich: Besonders gefährdete Gruppen in unserer Gesellschaft brauchen ein niederschwelliges Angebot bei der Gesundheitsversorgung, wo man frühzeitig auf Vertrauensbasis versucht, die Leute zu erfassen und sie in Therapien einzubinden. Nur so können Eskalationen bei psychischen Problemen verhindert werden.

Wie war im aktuellen Fall des depressiven Mannes, der Suizid beging, die Zusammenarbeit Ihres Teams mit anderen medizinischen Einrichtungen?

Stich: In diesem Fall war sie gut, ich kenne jedoch auch Negativbeispiele. Die Uniklinik aber hat genau das gemacht, was richtig und professionell war. Die Unterbringung des Mannes hätte dringend verändert werden müssen.

Sie würden am liebsten die Gemeinschaftsunterkünfte abschaffen.

Stich: Das System ist menschenverachtend. Die Menschen werden entmündigt. Alles wird vorgegeben, seien es Hygieneartikel oder Nahrungspakete. Die freie Entfaltung wird extrem beschnitten. Und das ist so gewollt. Deswegen geht meine Kritik in Richtung Staatsregierung nach München, wo an diesem System festgehalten wird. Und das, obwohl der Bayerische Flüchtlingsrat errechnet hat, dass jeder GU-Platz teurer ist als die Unterbringung in kleinen Gruppen. Aber man belässt die Menschen in Perspektivlosigkeit. Sie sitzen tagein tagaus in der GU, und es geschieht nichts. Wären da nicht die Ehrenamtlichen und Wohlfahrtsverbände, wäre alles noch viel schlimmer.

Das Modell der medizinischen Versorgung durch Ihr Team gilt als einzigartig in Bayern.

Stich: Ich würde mir wünschen, dass das nicht so bleibt. Wir brauchen keine GU, sondern vielmehr eine sehr gute Erstaufnahmeeinrichtung, in der auch ein medizinisches Team dabei ist, das nicht nur nach ansteckenden Krankheiten fahndet, sondern die Menschen individualmedizinisch betreuen kann. Anschließend sollten die Menschen möglichst schnell in die Gesellschaft integriert werden, das heißt: raus aus den Gemeinschaftsunterkünften.

Dr. August Stich

Der Chefarzt der Tropenmedizinischen Abteilung der Missionsärztlichen Klinik und Vorstand des Missionsärztlichen Instituts in Würzburg wurde 1960 geboren. 2004 habilitierte sich August Stich in Innerer Medizin mit Schwerpunkt Tropenmedizin. Auslandseinsätze führten ihn nach Somalia, Tansania und Kambodscha. Seit 2006 engagiert er sich mit Gesundheitsprojekten in der Würzburger Gemeinschaftsunterkunft (GU), seit 2008 besteht ein Vertrag mit der Bezirksregierung zur Sicherstellung der medizinischen Betreuung der GU-Bewohner. Er sieht es als seine Aufgabe an, ihnen beizustehen, wenn und solange sie Hilfe brauchen. FOTO: Archiv Missio

Das Gespräch führte Christine Jeske
    
    

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»Alle 50 Kommentare anzeigen Die neuesten Kommentare

werntal (70 Kommentare) am 03.02.2012 15:16

Systemfehler

Die Probleme mit den Asylanten sind doch systembedingt! Wer ein berechtigtes Asylbegehren bei uns hat, der sollte auch schnellstmöglich bei uns integriert werden. Jeder neue Antragsteller bekommt bei Ankunft schriftlich alle Informationen, sowie einen Anwalt und einen Dolmetscher. Nach zwei Monaten Ist Verhandlung und dann wird integriert oder abgeschoben! In besonders schwierigen Fällen ist einen Monat später eine Nachverhandlung, aber dann ist endgültig Schluß! Da müssen wohl die Behörden und die Justiz um einiges schneller werden, aber wir hätten bei weitem nicht so viele Probleme, wie jetzt. Die jetzige Art ist für jeden Asylbewerber unwürdig! Wenn konsequent so gehandelt würde, würde die Zahl stark zurückgehen und es kämen auch weniger Wirtschaftsflüchtlinge.
(0)
45acp (194 Kommentare) am 02.02.2012 21:37

lieber Herr Dr. Stich !

..........wo sind denn Ihre Berufskollegen? Eine ordentliche gesundheitliche Versorgung sollte doch durch freiwilligen, kostenlosen Einsatz einiger Kollegen bei der Vielzahl der niedergelassenen Ärzte in Würzburg kein Problem sein - gell ......Wenn jeder auf 2 oder 3 Privatpatienten oder einige Golfstunden in der Woche verzichten würde: was für ein Potenzial !!!!!!!!!! Oder braucht es erst wieder einen gut dotierten Rahmenvertrag? Und dann die Horden von Kirchenpersonal !! Priester, Mönche und Nonnen können doch in Würzburg fast eine Eins zu Eins Betreuung leisten.

...................ähm...nur mal so: wissen Sie wie heute ein arbeitender Kassenpatient "behandelt" wird............wenn er dann noch zu einem Facharzt will..........................ich wurde sogar mit starken Schmerzen nicht angenommem - auf Termine muss man oft Monate warten und dafür noch betteln.........darf ich mich beim nächsten Schmerzanfall dann als Asylant ausgeben um Hilfe zu bekommen? Diesen ist eine solche Leistung doch zumindest zugesichert !
(2)
anap (499 Kommentare) am 03.02.2012 01:17

[...]

Dieser Kommentar wurde gelöscht, da er gegen unsere Netiquette oder die AGB verstößt. Die Multimedia-Redaktion.
(0)
closs (1300 Kommentare) am 02.02.2012 21:59

Man kann doch den Teufel

nicht mit dem Beelzebub entschuldigfen?!?

Die von Ihnen angesprochenen Mängel sind doch ein eigenes Thema - versuchen Sie, die Presse dafür zu gewinnen und dann wird es auch Reaktionen hier auf dem Forum geben.

Die Tatsache, dass es sonst noch viele Probleme auf der Welt gibt, heißt doch nicht, dass das Asylproblem keines ist.
(0)
45acp (194 Kommentare) am 02.02.2012 21:09

unglaubliche Stimmungsmache und Selbstgefälligkeit

......ich kann nur den Kopf schütteln über die Vielzahl der Kommentare und das ekelhafte Gutmenschentum von euch Alleskönnern und Besserwissern.......ein Suizid: schlimm ......tote Polizeibeamte, die an vorderster Front unsere Demokratie geschützt haben und sich dafür oft anspucken lassen müssen : kümmert offenbar keine Sau !....................wo bleibt da die Entrüstung über unmögliche Dienstzeiten, mangelhafte Ausrüstung, schlechte Versorgung und ZWANGSUNTERBRINGUNG IN KASERNEN ????
(2)
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