aktualisiert: 26.09.2011 20:00 Uhr
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WÜRZBURG
Mehr als nur Bauwerke
Eine Buchdokumentation der mehr als 100 unterfränkischen Synagogen beginnt
In ihnen wurde gebetet und gelesen, es wurden Geschichten erzählt, Lehrer gaben hier Unterricht, Schüler lernten. Man trug in den Gotteshäusern Streitigkeiten aus, traf Entscheidungen, pflegte Traditionen. Die Synagogen waren Herz und Symbol des jüdischen Lebens. Rund 200 gab es in Bayern bis in die 1930er Jahre. Dann kamen die Nationalsozialisten – und in den Novemberpogromen 1938 erlosch das jüdische Leben nahezu ganz.
Zwischen 1000 und 1500 Synagogen hatte es in Deutschland vor einem Jahrhundert gegeben, 212 davon allein in Bayern – und mehr als jede Zweite von ihnen stand in Unterfranken. Sie und ihre Geschichte zu dokumentieren, das ist Ziel des Projekts „Mehr als Steine . . .“, das Historiker und Theologen in diesem Herbst in Angriff nehmen. In den kommenden fünf Jahren wollen sie alle verfügbaren Informationen über die jüdischen Gotteshäuser in Unterfranken zusammentragen, nach wissenschaftlichen Kriterien erschließen und schließlich als Buch herausgeben.
Es wird ein sehr, sehr dickes Buch werden. Und es wird deshalb, so kündigt es Historiker Hans Schlumberger vom Gedenkband-Team an, in zwei Bänden erscheinen. Die evangelisch-lutherische Landeskirche finanziert die Synagogen-Dokumentation mit rund 580 000 Euro, auch das Bayerische Kultusministerium, die Landesstiftung und das Bistum Würzburg unterstützen die detailreiche Arbeit.
Federführend betreut wird das Projekt vom Theologen Wolfgang Kraus, einem gebürtigen Würzburger und heute Professor für Neues Testament an der Universität des Saarlandes. Die Idee und den Anstoß zur Dokumentation hatte schon in den 80er Jahren Professor Meier Schwarz aus Israel gegeben. Der gebürtige Nürnberger, der vor der Verfolgung der Nationalsozialisten nach Jerusalem geflohen war, hatte beim Besuch in seiner Heimatstadt Erinnerungsreste vermisst: Die Synagoge, die er als Kind einst besucht hatte, war vom Erdboden verschwunden. Stattdessen stand dort nur eine Tankstelle, und kein Gedenkstein, kein Täfelchen erinnerte an das zerstörte Gotteshaus. So regte Meier Schwarz an, zu dokumentieren, wo überall bis 1938 das jüdische Gemeindeleben stattgefunden hatte.
Bald entstand ein erster Band für die Synagogen in Nordrhein-Westfalen, es folgten Bände über Rheinland-Pfalz, das Saarland und Baden-Württemberg. Schließlich bat Meier Schwarz den Franken Wolfgang Kraus, ob er einen Band für Bayern in Angriff nehmen könne. 2002 startete ein Team aus Theologen, Historikern, Kunsthistorikern und Bauingenieuren mit dem Dokumentieren der 50 Synagogen aus Ober- und Niederbayern, Schwaben, der Oberpfalz und Oberfranken. In Mittelfranken konnten die Autoren ebenfalls rund 50 Synagogen erfassen, der Band dazu erschien im vergangenen Jahr. Jetzt machen sich die Herausgeber um Wolfgang Kraus an die unterfränkischen Gotteshäuser.
Pro Ort umfasst die Dokumentation rund zehn Seiten – „weil wir auch das jüdische Leben nachzeichnen wollen und nicht nur das Bauwerk“. Für Kraus ist es ein „Herzensprojekt“, mit dem die evangelische und die katholische Kirche auch Verantwortung übernähmen: „Der rassistische Antisemitismus der Nationalsozialisten fußte auf dem jahrhundertealten Antijudaismus der Kirchen.“
Die Historiker werden in verschiedenen Archiven nach Material suchen, Bildmaterial sichten und aufgreifen, was Lokalhistoriker und Heimatforscher über die vielen Synagogen gesammelt haben. Hans Schlumberger, in Marktbreit aufgewachsen und heute evangelischer Pfarrer von Weißenbronn, verweist darauf, dass die hohe Zahl von Synagogen in Unterfranken in Europa etwas Besonderes war. „Eine ähnliche Dichte gibt es sonst nur in Galizien und der Karpaten-Ukraine.“
Tagung zum jüdischen Leben
„Mehr als Steine . . .“: In diesem Herbst beginnt die Arbeit am Dokumentationsband über die Synagogen in Unterfranken. Zum Start laden die Universität des Saarlands, die Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, das Kultusministerium und das Würzburger Zentrum Shalom Europa zur Tagung ein. Am 6. und 7. November geht es im jüdischen Kulturzentrum um historische, religiöse, volkskundliche und architektonische Fragen zur Geschichte der Synagogen und der jüdischen Kultur in der Region. Anmelden kann man sich bis 27. Oktober in der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit per E-Mail: Elke.Kapell@stmuk.bayern.de
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