aktualisiert: 31.05.2010 23:28 Uhr
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Wasserkuppe
Mein Traum vom Fliegen
Paragliding: In die Luft zu kommen, kann ein Weilchen dauern. Aber dort erwarten einen ein paar Momente reinen Glücks.
In meinen schönsten und glücklichsten Nächten kann ich fliegen. Einfach so. Ich lasse mich bäuchlings in die Luft fallen, sie fängt mich auf wie ein Kissen – und ich fliege einfach los, so schnell und geschickt wie ein Vogel. Im Wachzustand allerdings kleben meine Füße so fest am Boden wie Menschenfüße eben am Boden kleben. Was nicht heißt, dass ich nicht fliegen kann. Es ist eben nur ein bisschen aufwändiger als im Traum.
„Das erste Mal abheben, das ist sensationell.“ Andreas Schubert, Leiter der Flugschule Wasserkuppe in der hessischen Rhön, schaut in die Runde zukünftiger Paraglider-Piloten – die meisten von uns blutige Anfänger. Den Boden unter den Füßen haben wir bisher höchstens im metaphorischen Sinne verloren. Aber Andreas – unter Fliegern gibt es nur das „Du“ und Vornamen – klingt so aufmunternd, dass es schon beim Zuhören im Bauch kribbelt. Damit das Kribbeln nicht zum Angstgrumeln wird, erklärt er uns gleich noch ein paar beruhigende Fakten zum Paragliden: In seiner Flugschule habe es noch nie einen tödlichen Unfall gegeben. Und wir hätten sichere Schulungsschirme aus „fehlerverzeihendem Material, das intellektuelle Fehler wiedergutmacht“. Im Klartext: Selbst wenn wir uns dumm anstellen, kommen wir heile wieder runter.
Das bunte Schnur-Wirrwarr
Dafür müssten wir aber erstmal abheben. Meine Lust aufs Fliegen wird zunächst auf eine harte Probe gestellt: An zwei Übungsnachmittagen ist es zu windig – und damit zu gefährlich, Anfänger wie mich in die Luft zu lassen. Bei den letzten Minusgraden des kalten Winters stehe ich deshalb in voller Fliegermontur mit Gurtzeug, Helm und Gleitschirm auf einer absolut flachen Wiese unterhalb der Wasserkuppe und übe das sogenannte „Groundhandling“. Es ist ein bisschen wie Lenkdrachen fliegen, nur dass der Drachen eine Fläche von 30 Quadratmetern hat und eher mich lenkt als ich ihn. Und dann diese ganzen Schnüre. . . Der Gleitschirm und ich sind nämlich mit schier unzähligen bunten Schnüren miteinander verbunden – rot, lila, blau, grün – und alle haben eine Aufgabe und einen Platz. Gestartet werden kann erst, wenn alle Leinen in Ordnung sind. „Jetzt die A-Leinen ziehen!“, kommandiert Fluglehrerin Jasmin. Ich ziehe, der Schirm hebt sich, zieht mich nach vorne, steigt über mich. „Jetzt die A-Leinen loslassen!“ Ich lasse los und versuche durch Rennen nach links und nach rechts und durch wechselseitiges leichtes Ziehen der Brems- und Steuerschnüre den Schirm genau über mir zu halten. Dann ziehe ich zu fest und wusch – der Schirm saust zurück auf die noch verschneite Wiese, die Schnüre natürlich völlig verdreht. Nach ein paar Versuchen bin ich völlig aus der Puste, noch ein paar Versuche später dann auch noch etwas frustriert: Groundhandling mag wichtig sein fürs Üben, aber Glücksgefühl ist was anderes.
Als der zweite Nachmittag ungefähr genauso abläuft, steht meinen Fluglehrern schon das Mitgefühl für mich ins Gesicht geschrieben. Es gibt Schnupperkurse, da sind die Teilnehmer schon nach ein paar Stunden in der Luft – ich dagegen hopse zwei Tage lang am Boden herum und entknote bunte Schnüre. Aber so ist das eben bei einem Sport, der so stark vom Wetter abhängig ist wie das Paragliden. Damit rede ich mir selbst gut zu und setze mir das Limit: Eine letzte Chance gebe ich mir und dem Fliegen noch, dass wir gute Freunde werden.
Ein paar Wochen später stehe ich dann tatsächlich am Hang. Der Wind steht gut, er weht nicht zu stark und vor allem nicht zu böig. Mein Trainingspartner Thomas und Hilfsfluglehrer Paul zupfen meine Bremsschnüre zurecht und überprüfen, ob ich vor lauter Aufregung auch meinen Helm richtig zugemacht habe. „Heute kriegen wir dich in die Luft“, hatte Andreas am frühen Morgen versprochen. Und es sieht ganz so aus, als ob er recht hat.
In meiner Jackentasche knackst das Funkgerät, über das der Lehrer während des Flugs Anweisungen gibt. Ohne dürfen Anfänger wie ich nicht starten: Reizüberflutung und Koordination passen oft nicht zusammen.
„Also, Simone, du läufst jetzt auf mich zu und dann immer weiter“, erklärt Fluglehrer Hauke. Er steht an der Hangkuppe, das Funkgerät in der Hand und schaut mich aufmunternd an. Eigentlich weiß ich ja, was ich machen muss – geübt hab ich ja schon – und dass nicht viel passieren kann, und trotzdem erscheint es plötzlich viel attraktiver, meine Füße in den dicken Wanderschuhen fest in das kurze Gras zu stemmen als sie in der Luft baumeln zu lassen. So ein Quatsch, lauf los! Und ich laufe, die Arme hinter mir ausgestreckt, und laufe, lasse auf Befehl die A-Leinen los, und laufe und laufe – bis meine Füße plötzlich in der Luft strampeln. „Sie fliegt!“, jubelt es aus meinem Funkgerät.
Marionette in der Luft
Meine eigenen Gedanken in den ersten Flugmomenten sind dagegen eher weniger druckreif: Erst so etwas wie „uuuahhhhhhhh“, dann „boah, boah boah“ und letztendlich der immerhin vollständige Satz: „Ist das geil!“ Ich schwebe in rund 15 Metern Höhe den sanften Hügel hinunter, scheinbar schwerelos, über mir flattert friedlich mein Schirm. Für einen kurzen Moment kehrt Ruhe ein: Die erste Anspannung fällt ab und A-Leinen spielen für einen Moment endlich mal keine Rolle mehr. Nur noch die Bremsleinen habe ich in der Hand und ziehe mal links, mal rechts, oder halte die Hände auf Schulterhöhe – wie es mir Haukes Stimme aus dem Funkgerät befielt. Auf den ersten Flügen bin ich noch ein bisschen wie eine Marionette, deren Arme von einer fremden Kraft dirigiert werden. Das Schöne daran: Wenn ich mich dran halte, was Haukes Stimme sagt, kann mir nichts passieren.
Als der Boden näherkommt, befiehlt sie mir: „Jetzt Leinen komplett durchziehen, ganz runter!“ Der Schirm über mir verliert seine Spannung, klappt zusammen und fällt hinter mir als ein Riesenhaufen aus bunten Planen auf den Boden. Und meine Füße stehen nach dem kurzen Ausflug in die Luft wieder auf sicherem Rhön-Boden. Geschafft!
„Das Dauergrinsen nach dem ersten Flug ist wie festzementiert“, hat Andreas versprochen. Und genauso ist es. Ich kann es in meinem eigenen Gesicht spüren und bei den anderen Debütpiloten, die um mich herum landen, sehen: grinsgrinsgrins, es will gar nicht mehr aufhören. Der Endorphin-Ausstoß hilft einem auch über die nächsten harten Minuten hinweg. Wir müssen jetzt die ganze Strecke, die wir vorher so mühelos heruntergeglitten sind, wieder hinauflaufen. Zuvor noch mit adrenalinzittrigen Händen die bunten Schnüre zu Schlaufen fassen und den Schirm zusammenraffen, ihn dann irgendwie über die Schulter werfen und schauen, dass man beim Loslaufen nicht ständig über irgendetwas stolpert. Der Helm rutscht mir jetzt ständig über die Augen, aber ich sehe Thomas. Er kommt mir entgegengelaufen, strahlt über mein Fliegerglück mindestens genauso wie über sein eigenes und packt mit an, den Planenhaufen den Berg hinaufzutragen. Wer oben ankommt, sucht sofort wieder ein Plätzchen zwischen den anderen, wo der Schirm ausgebreitet werden kann. Jeder will so schnell wie möglich wieder starten. Thomas macht sich abflugbereit, ich setze mich kurz ins Gras und genieße das Gefühl, tatsächlich geflogen zu sein.
Später am Vormittag frischt der Wind auf. Ein bisschen nur, aber es reicht, uns Anfängern den Umgang mit unseren Schirmen zu erschweren. Einmal darf ich noch starten, bevor wir den Kurs beenden. Jetzt bloß keinen Fehlstart. . . Ich laufe wieder auf Hauke zu, an ihm vorbei und fühle, wie ich abhebe. Und zum ersten Mal schaffe ich es, auch richtig in meinen Sitz, der wie ein riesiger Rucksack an meinem Rücken hängt, reinzurutschen. Bequem sitzend ist alles gleich noch mal viel schöner. Die erste Reizüberflutung geht auch schneller vorbei als beim allerersten Flug, ich kann inzwischen sogar schon meine Umgebung wahrnehmen und denen zulachen, die unter mir am Hang stehen. Und aus dem Funkgerät knattert es: „Flieg jetzt alleine. Ich beobachte dich.“ Dann Stille. Ich bin keine Marionette mehr, sondern ziehe nach freiem Willen mal rechts, mal links an der Leine, fliege leichte Kurven. Ein Windstoß packt mich und trägt mich noch mal ein ganzes Stückchen weiter als bei den ersten Versuchen.
Zurück an der Kuppe sammelt Hauke gerade seinen ganzen Anfängertrupp um sich und verkündet, dass wir jetzt wirklich zusammenpacken. „Ihr seid so voll mit positiven Eindrücken“, sagt er nach einem Blick in die glücklichen Gesichter in der Runde. Das wolle er jetzt nicht verderben, indem er uns dem schwerer kontrollierbaren, böigen Wind aussetzt und Fehlstarts riskiert. Ein paar Einzelne murren, aber die meisten stimmen Haukes Logik zu: Man sollte tatsächlich mal aufhören, wenn es am schönsten ist.
Blut geleckt
Wie lange ich letztendlich in der Luft war, ist schwer zu schätzen. Es spielt sich wahrscheinlich eher im Sekundenbereich ab. Eigentlich kurz, aber doch lange genug, um Blut zu lecken. Ich wäre nicht die Erste, die nach einem Schnupperwochenende das Flugfieber packt. Lauscht man beim Schirmzusammenpacken den Pilotengeschichten, sind viele einst so reingerutscht – und kamen nicht mehr los. Das heißt auch schon mal, dass man sein gesamtes Leben umkrempelt, jedes Wochenende und jeden Urlaub aufs Fliegen ausrichtet, ständig Wetterberichte studiert, nur noch Fliegervideos auf Youtube anschaut und sich sogar von seinem nicht-flugbegeisterten Partner trennt. Oder aber ihn ansteckt – so wie Paul seine Frau Daniela, die jetzt selbst schwärmt, wie „erhebend“ das Fliegen ist und wie wunderbar die veränderte Perspektive auf die Welt.
Was das Fliegen für einen Stellenwert in meinem Leben bekommt, ist noch nicht abzusehen. Aber klar ist: Diese Sekunden in der Luft waren wirklich ein Traum.
Flugkurse auf der Wasserkuppe
Das Glück vom Fliegen kann bei gutem Wetter fast jedes Wochenende verwirklicht werden: Die Flugschule auf der Wasserkuppe bietet ganzjährig Schnupper-, Grund- und Kombikurse an, die immer samstags starten. Nach einem einwöchigen Kombi-Kurs kann man im Schulungsgebiet schon alleine starten, nach einem weiteren Höhenflugkurs in den Alpen ist man selbstständiger Pilot.
Die Voraussetzungen sind durchschnittliche körperliche Fitness, ein Mindestalter von 14 Jahren, feste Schuhe und die Lust aufs Fliegen. Die Ausrüstung in den Kursen kann kostenlos geliehen werden.
Weitere Infos unter: www.wasserkuppe.com
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Die neuesten Kommentare
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Luftikus123 (1 Kommentare) am 09.07.2010 18:44
Super dargestelltHallo Simone,Du hast die erhebenden Momente eines solchen ersten Fluges super toll beschrieben - mir läuft auch beim 2. Mal lesen der Freuden-Schauer über den Rücken, auch wenn mein erster Flug schon 7 Jahre zurückliegt. Ich hatte bei meiner Ausbildung an der Wasserkuppe dann schon bei 10 Höhenflug Thermik-Anschluss ("ferngesteuert" von Andreas) - bei der Landung sind mir die Freuden-Tränen gekommen Gruß von Paul und seiner flugverrückten Familie....
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