aktualisiert: 10.01.2011 12:28 Uhr
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HOLZKIRCHEN
Mystik, Sinnsuche, Wissenschaft
Benediktushof
Mit 34 000 Übernachtungen befindet sich in Holzkirchen eines der größten Seminarzentren für Spiritualität in Europa.
Der Benediktushof in Holzkirchen (Lkr. Würzburg) zieht immer mehr Menschen an. Vergangenes Jahr fanden etwa 9000 Sinn-Sucher den Weg ins beschauliche Aalbachtal zwischen Würzburg und Marktheidenfeld, 34 000 Übernachtungen brachten die Einrichtung an die Grenzen ihrer Kapazität. Das ehemalige Benediktinerkloster hat sich seit seiner Gründung im Jahr 2002 unter der Leitung von Benediktinermönch und Zen-Meister Willigis Jäger (85) zum wohl größten Seminar- und Tagungszentrum für Spiritualität in Europa entwickelt. Neuerdings arbeitet der Benediktushof sogar mit einer Universität zusammen.
Der geplante berufsbegleitende oder postberufliche Studiengang wird sich mit verschiedenen spirituellen Wegen befassen und soll Kompetenzen in Interkulturalität vermitteln. Starten soll er ab dem Wintersemester 2011/12. Dieser Studiengang, der beim Fach Religionsgeschichte der Universität Freiburg angesiedelt ist, wird vier Semester umfassen und nach Art eines Fernstudienganges ausgelegt sein. Federführend ist der Philosoph und katholische Theologe, Professor Bernhard Uhde, in Freiburg Lehrstuhlinhaber für Religionswissenschaft.
Gelehrt wird die Theorie monotheistisch-monistischer Mystik (Judentum, Christentum, Islam), Indische Religion und Philosophie, Chinesische Religion und Philosophie, Zen-Buddhismus. In den Nebenfächern werden die Studierenden in Physik, Neurobiologie und Transpersonaler Psychologie unterrichtet. Anthroposophie, Schamanismus und traditionelle Heilpraktiken werden als Wahlfächer angeboten. Willigis Jäger fasst zusammen: „Ein Kompendium der Spiritualität der Weltreligionen plus moderne Wissenschaft.“
Der Zen-Meister ist sich sicher: „Viele Menschen suchen nach dem Sinn ihres Daseins in diesem zeitlosen Universum. Wir haben heute mehr Selbstmorde als wir je hatten – weil die Menschen ihrem Leben keine Sinndeutung mehr geben können. Die Deutung der Religionen reicht nicht mehr aus. Die Religionen müssen sich ganz entschieden wandeln, wenn sie den Erwartungen der Menschen heute gerecht werden wollen.“ Wie sieht dann die Spiritualität aus, die im Benediktushof gelehrt wird? „Wir versuchen, die Menschen aus dem Ego-Tunnel herauszuführen und ihnen eine Bewusstseinsebene zu zeigen und erfahrbar zu machen, die uns eine ganz neue Sicht auf den Menschen und sich selbst bringt. Diese neue Sicht des Menschen auf die Welt bedeutet: Wir sind ein Netz und erst im Netz sind wir einzelne Maschen.“
„Zen ist ein Weg für jedermann, der nicht auf ein Kloster angewiesen ist.“Willigis Jäger, Benediktinermönch und Zen-Meister
Die Maschen und das Netz, die Welle und das Meer – Willigis Jäger liebt solche Metaphern. Vergangenes Jahr hat er seine eigene Zen-Linie „Leere Wolke“ gegründet, eine der ersten westlichen Zen-Linien. Früher sei Zen nur in buddhistischen Klöstern vermittelt worden. „Aber wir sagen heute: Zen ist ein Weg für jedermann, der nicht auf ein Kloster angewiesen ist. Es ist ein Aufbruch von innen, der dem Leben eine andere Deutung gibt – und manchmal auch einen anderen Verlauf.“
Bei ihm selbst hat die Beschäftigung mit transkonfessioneller Spiritualität letztlich zum Zerwürfnis mit der katholischen Kirche geführt. 2002 verhängte die römische Glaubenskongregation, damals noch mit Kardinal Joseph Ratzinger an der Spitze, über ihn ein Rede- und Lehrverbot, an das er sich nicht hält – „aus Gewissensgründen“, wie er sagt. Außerdem darf Jäger nicht mehr in seinem einstigen Kloster Münsterschwarzach wohnen.
Aber seine Gedanken und Bücher treffen offenbar einen Nerv der Zeit. Er spricht nicht von Gott, Himmel oder Hölle, sondern von einem „Urgrund“, einer „Urwirklichkeit, die wir Gott nennen“. Beim Zen und in der christlichen Mystik gehe es um das, „was hinter der Egozentrik unserer Ich-Struktur unser Menschsein ausmacht: eine Ebene, die das Rationale und Personale übersteigt“.
Was dem Christentum die Mystik, sei dem Islam der Sufismus, dem Judentum die Kabbala, im Buddhismus das Zen und im Hinduismus verschiedene Yogaformen. Alle fünf Konfessionen führen nach Ansicht von Jäger „hinaus in eine transkonfessionelle Erfahrungsebene, wo ich mehr begreife, was diese Urwirklichkeit, die wir Gott nennen, eigentlich ist“.
Der hochbetagte Willigis Jäger ist natürlich nicht der einzige, der diese neue Sicht des Menschen auf die Welt vermittelt. Seine geistlichen Nachfolger im Benediktushof sind der promovierte katholische Theologe Alexander Poraj (46), verheiratet und Vater zweier Kinder, sowie die verheiratete evangelische Pfarrerin Doris Zölls (56), Mutter dreier Kinder. Sie sind von ihm zu Zen-Meistern ernannt worden und leiten mit ihm die Zen-Linie „Leere Wolke“, der weitere 30 Zen-Lehrer und 40 assistierende Lehrerinnen und Lehrer angehören. In der christlichen Tradition hat Willigis Jäger an die 80 Kontemplationslehrerinnen und Lehrer ausgebildet, die europaweit und gelegentlich auch am Benediktushof tätig sind.
Jägers geistliches Vermächtnis sichert außerdem die „West-östliche Weisheit – Willigis Jäger Stiftung“, die 2007 entstanden ist und die sich der Förderung der Bildung, Erziehung und der Spiritualität verschrieben hat. Stifter mit einem Grundkapital von 140 000 Euro sind Willigis Jäger und der pensionierte Banker Professor Hans Wielens, der seine 2002 gegründete Stiftung „Authentisch Führen“ in die Stiftung West-östliche Weisheit eingebracht hat. Neben weiteren namhaften Persönlichkeiten gehört dem Stiftungsrat auch der Freiburger Religionswissenschaftler Bernhard Uhde an, der dort das Kuratorium Spiritualität, Wissenschaft und Forschung vertritt. Vorsitzende der Stiftung sind Alexander Poraj und Dirk Ahlhaus, Geschäftsführer der gemeinnützigen Benediktushof GmbH.
Weil das Tagungszentrum Benediktushof ganzjährig ausgebucht ist, sei eine Erweiterung geplant, lässt Poraj wissen. „Wir können nicht alle Anmeldungen annehmen, es fehlen vor allem Einzelzimmer.“ Er stellte weiter klar: „Es geht uns um die Menschen, nicht um unser Haus hier.“
Der Theologe sagt: „Wir geben allen Konfessionen hier eine Möglichkeit, sich darzustellen und Anhänger zu finden. Wir geben den spirituellen Wegen des Westens und des Ostens hier die Möglichkeit, sich darzustellen und Übende zu finden. Die Menschen können die Möglichkeit nutzen, in einer Konfession über sie hinauszugehen.“
Willigis Jäger ergänzt: „Wir müssen den Blickpunkt richten auf das, was uns eint, nicht auf das, was uns trennt.“
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Die neuesten Kommentare
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fraktal (11 Kommentare) am 09.01.2011 23:26
Ein Gegengewicht in unserer schnell-lebigen,...Wie gut, dass es den Benediktushof gibt mit Menschen, die wirklich hinter dem stehen, was sie vermitteln! Vor allem Willigis Jäger, der sich noch in seinem hohen Alter unermüdlich engagiert, den Menschenan das Transzendente, das "All-Eine" heranzuführen, den Sinn des Lebens "in sich" zu finden, ist zu wünschen, dass er noch lange in guter Gesundheit bleibt. Schon die Tatsache, dass es LIchtgestalten wie Willigis Jäger gibt, verleiht dem Leben Sinn. |
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