aktualisiert: 15.12.2010 19:43 Uhr
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GRAFENRHEINFELD
Nach Aufregung um KKG: Schon 1984 Tornado-Absturz
Besatzung stieg mit Schleudersitz aus – Nur durch ein Wunder kommt es zu keiner Katastrophe
Dass ein Militär- oder in Zeiten internationaler Terrorgefahr ein Zivilflugzeug auf das Kernkraftwerk Grafenrheinfeld (Lkr. Schweinfurt) stürzen könnte, ist nicht aus der Luft gegriffen. Am 8. November 1984 entging die Region beim Absturz eines britischen Jagdbombers nur um Haaresbreite einer möglichen Katastrophe. Besorgte Anrufe aus der Bevölkerung, wie jetzt bei der Übung der US-Luftwaffe am Montagabend, haben also bei allem „Sicherheitsabstand“ ihre Berechtigung.
An jenem Donnerstag im November 1984 starten um 10.15 Uhr auf dem an der Grenze zu Holland gelegenen britischen Militärflugplatz Laarbruch in Nordrhein-Westfalen zwei Jagdbomber vom Typ Tornado zu einem gemeinsamen Übungsflug in den süddeutschen Raum. An Bord eines der Kampfflugzeuge der 27. Staffel der Königlichen Luftwaffe, die hier 40 Kilometer nördlich von Mönchengladbach abheben, befinden sich der 28-jährige Pilot sowie der 31-jährige Waffensystemoffizier und Kampfbeobachter. Er ist zugleich der Staffelkapitän.
Version vom Fast-Zusammenstoß
Nach einem einstündigen Flug ohne Zwischenfälle nähert sich der Jagdbomber gegen 11.15 Uhr bei guter Sicht aus Richtung Gerolzhofen im Tiefflug dem Main bei Hirschfeld. Was dann passiert, wird widersprüchlich geschildert. Gemeinsam sagen beide Besatzungsmitglieder aus, es sei zu einem Fast-Zusammenstoß mit einem anderen Kampfflugzeug gekommen. Die Polizei schließt diese Version allerdings später offiziell aus und erklärt, dass definitiv kein zweites Flugzeug beteiligt war.
Während der Pilot noch zu Protokoll gibt, er hätte die Situation meistern können, entschließt sich der Waffensystemoffizier, der gleichzeitig als Flugzeug-Kommandant fungierte, den gemeinsamen Schleudersitz zu betätigen – aus welchen Gründen auch immer. Schon sprengen Raketen das Kabinendach weg und katapultieren die kompletten Schleudersitze mit den an Gurten fixierten Luftwaffensoldaten aus dem Flugzeug. Beide Männer gehen kurze Zeit später bei Gernach sicher mit dem Fallschirm nieder. Da ist der führerlose Tornado bereits auf einer freien Anhöhe bei Hirschfeld aufgeschlagen und explodiert.
Es ist nicht auszudenken, was bei einer etwas veränderten Flugrichtung hätte passieren können, wenn man bedenkt, dass ein derartiger Jet in dieser Höhe in nur einer Minute locker 13 Kilometer zurücklegt. Ganz in der Nähe der Absturzstelle befinden sich mehrere Ortschaften, eine Bundeswasserstraße, zwei viel befahrene Straßen, das Kloster St. Ludwig mit seinem Mädchenheim und nur ein paar Kilometer entfernt das Kernkraftwerk Grafenrheinfeld.
Nach der heftigen Detonation beim Aufschlag steigt ein riesiger Rauchpilz auf. Teile und Trümmer des 100 Millionen Mark teuren Flugzeugs schlagen in weitem Umkreis zu beiden Seiten des Mains auf, übersäen Straßen und Felder oder versinken wie der später von Tauchern geborgene Flugschreiber im Main. Die zwei Triebwerke schießen raketenartig über den Fluss. Eines prallt am anderen Ufer auf den Hang an der Straße von Garstadt nach Wipfeld. Wie durch ein Wunder werden keine Verkehrsteilnehmer von den tonnenschweren Geschossen getroffen. Die durch die Explosion des Flugzeugs ausgelöste Druckwelle lässt die Scheiben eines Autos zu Bruch gehen.
Um 11.20 Uhr löst die Polizei-Einsatzzentrale in Schweinfurt Großalarm aus. Das Gebiet wird weiträumig zum „militärischen Sicherheitsbereich“ erklärt und hermetisch abgeriegelt. Straßen werden gesperrt, der Schiffsverkehr auf dem Main vorsorglich eingestellt. Ein Großaufgebot an Sicherheits- und Rettungskräften wird vor Ort beordert und nimmt seine Arbeit auf. Hubschrauber unterstützen aus der Luft die Suche nach den Flugzeugteilen.
Die zwei Piloten sind nur leicht verletzt, wie ihre eingehende Untersuchung wenig später im US-Hospital in Würzburg ergeben wird.
„Atomanlagen halten stand“
Noch in der gleichen Woche erklärt Umweltminister Alfred Dick in einer Fragestunde im bayerischen Landtag zu dem Vorfall, das Kernkraftwerk Grafenrheinfeld sei auch beim Absturz einer Militärmaschine mit direktem Aufprall auf das Reaktorgebäude „weitgehend“ geschützt.
Ähnliches verlautet heute der Pressesprecher des Kernkraftwerks Grafenrheinfeld, Bernd Grulich. Die deutschen Atomanlagen seien so ausgelegt, „dass sie dem Aufprall eines Militärjets standhalten“. Das Reaktorgebäude in Grafenrheinfeld sei durch „zwei Meter dicke Stahlbetonwände geschützt“. SPD-Bundestagsabgeordneter Frank Hofmann (Volkach) meldete zu den Flugbewegungen am Montagabend „Aufklärungsbedarf“ bei der Bundesregierung an.
Flugzwischenfälle ums KKG
8. November 1984: Nachdem die Crew mit dem Schleudersitz ausgestiegen ist, stürzt ein britischer Tornado-Kampfjet in Reichweite des Kernkraftwerks Grafenrheinfeld ab. 19. September 1988: Eine notlandende Fairchild Republic A-10 Thunderbolt II („Warzenschwein“) der US-Luftwaffe rast auf dem Flugplatz in Giebelstadt über die Landebahn und schießt quer über die Bundesstraße 19. August 2001: Eine von zwei in Giebelstadt notgelandeten A-10 hat noch eine scharfe Bombe an Bord. 11. Dezember 2007: Zwei tieffliegende US-„Warzenschweine“ ziehen am Abend in der Nähe des Kernkraftwerks ihre Bahnen und beunruhigen die Bevölkerung. 13. Dezember 2010: Vier US-„Warzenschwein“-Kampfflugzeuge ziehen am Abendhimmel ihre Kreise um das KKG Grafenrheinfeld. Bei der Polizei in Schweinfurt und Würzburg gehen 70 besorgte Anrufe ein. Text: Novo
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