aktualisiert: 14.05.2010 19:09 Uhr
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WÜRZBURG/SCHONUNGEN
Stolpern über Stolpersteine
Die Erinnerungsstücke an Opfer von NS-Deportationen kommen nicht in allen Gemeinden Unterfrankens gut an
Man entdeckt sie erst, wenn man kurz vor ihnen steht. Doch dann heben sie sich vom tristen Grau der Bürgersteige ab – Stolpersteine. Das sind kleine Betonsteine mit einer Messingplatte auf der Oberseite, in die Namen, das Geburtsjahr, das Deportationsjahr und der Todesort von NS-Opfern eingraviert sind. Wenn möglich, sind diese Platten in Gehwege vor dem letzten freigewählten Wohnsitz der jeweiligen Person eingelassen. Insgesamt findet man in Europa bereits über 22 000 Steine, in Unterfranken scheiden sich an ihnen allerdings die Geister.
„Ich empfinde es als eine Lebensaufgabe, mich für die Stolpersteine einzusetzen“, erzählt Helmut Försch aus Würzburg, der sich dort in der „Bürgerinitiative Stolpersteine“ engagiert. Die Idee, die hinter dem Projekt des Künstlers Gunter Demning steckt, hat den 82-Jährigen sofort begeistert. „Die Nazis haben versucht, systematisch die Leute, die nicht in ihr Konzept gepasst haben, auszulöschen. Deswegen hatten die Insassen in den Konzentrationslagern auch nur Nummern und keine Namen mehr. Mit den Stolpersteinen wirken wir dem Auslöschen entgegen, weil wir wieder konkret an Personen erinnern.“
Wie es scheint, ist Försch mit seiner Begeisterung nicht alleine. In Würzburg sind bereits 269 Stolpersteine in den Boden eingelassen. Ins Rollen gebracht hat die Verlegung der Gedenksteine in Würzburg die Stadträtin Benita Stolz. Als sie von dem Projekt in Kitzingen hörte, schaute sie sich zusammen mit Helmut Försch die Verlegung an und gründete die „Bürgerinitiative Stolpersteine“. Da es öffentlicher Grund ist, auf dem die Steine verlegt werden, muss die Stadt darüber entscheiden, ob sie die Verlegung zulässt. Der Stadtrat ließ sich allerdings von der Bürgerinitiative überzeugen und genehmigte mit nur einer Gegenstimme die Stolpersteine.
In anderen Städten und Gemeinden haben die Einwohner ein Mitspracherecht, ob die Gedenksteine vor ihren Häusern verlegt werden dürfen oder nicht. Ein Beispiel hierfür ist Marktbreit (Lkr. Kitzingen). Ohne Einverständniserklärung der jeweiligen Bürger geht hier gar nichts. „Das ist eben nicht jedermanns Sache. Soweit ich mich erinnere, haben sich nur zwei Personen gegen Stolpersteine vor ihrem Haus ausgesprochen“, sagt Erich Hegwein, Gemeinschaftsvorsitzender von Marktbreit.
Allerdings kommen die Gedenksteine nicht überall in Unterfranken gut an. Gerolzhofen (Lkr. Schweinfurt) hat sich beispielsweise gegen die Steine und für Gedenktafeln zur Erinnerung an in der NS-Zeit ermordete Juden entschieden. Hier wurde im Stadtrat kritisiert, dass mit den Stolpersteinen nicht nur Juden, sondern auch Homosexuellen, Sinti und Roma, politischen Gegnern und Euthanasieopfern gedacht werden soll. Auf der Gerolzhofener Gedenktafel sind aber nur Namen jüdischer NS-Opfer aufgeführt.
Ein bisher einmaliger Fall der Ablehnung der Stolpersteine ereignete sich in Schonungen (Lkr. Schweinfurt). Hier beantragte Sammy Golde für seine Vorfahren zwei Steine. Der Gemeinderat entschied, falls man Goldes Antrag genehmige, auch an die anderen Opfer erinnern zu wollen. Da das aber vor den ehemaligen Wohnsitzen nicht möglich war – entweder gab es vor den Häusern keinen Gehweg, in den man die Gedenksteine hätte einlassen können, oder die jeweiligen Hausbesitzer waren nicht begeistert, täglich an die Geschichte ehemaliger Bewohner erinnert zu werden –, schlug der Stadtrat vor, Steine für alle NS-Opfer an einem Ort zu verlegen. Das wiederum wollte der Künstler Gunter Demnig nicht, weil er dem Prinzip, die Steine nur vor dem letzten freigewählten Wohnsitz der NS-Opfer zu verlegen, treu bleiben möchte. „Ich habe noch nie gehört, dass ein Antrag für Steine, die an Vorfahren erinnern sollten, abgelehnt wurde“, erzählt die Historikerin Elisabeth Böhrer, die sich bereits viel mit den Stolpersteinen beschäftigt hat.
Als erste Gemeinde in Unterfranken hat sich Ostheim vor der Rhön für die Stolpersteine entschieden. Hier wollte man zunächst eine Gedenktafel für jüdische Mitbürger an einem Haus anbringen. Der Hausbesitzer hatte aber Angst, dass sein Wohnsitz beschädigt werden könnte, und so entdeckte der Stadtrat die Stolpersteine als eine Alternative und ließ am 9. November 2003 – drei Jahre nach der ersten amtlichen Verlegung von Stolpersteinen in Köln – die ersten Steine verlegen.
Von unserem Redaktionsmitglied
Livia Rüger
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christel2 (449 Kommentare) am 15.05.2010 19:47
ich finde es auch eine Schande,daß ein Nachkomme 2 Steine "beantragen muß" und diese Verlegung dann auch noch vor dem Haus abgelehnt wird. Nein, die Deutschen lernen wenig aus ihrer Geschichte. Ich verstehe nicht, warum kann diese Familie in Schonungen, die in diesem Haus jetzt lebt, nicht damit umgehen und sagen, ja wir wollen diese Steine, und damit ein Zeichen - daß sie gegen das Unrecht sind - setzten. |
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frima (411 Kommentare) am 15.05.2010 12:49
stolpern, innehalten, nachdenken.....Es macht mich schon sehr nachdenklich und traurig, wenn ich lesen muss, dass diese Erinnerungsstücke an unseren jüdischen Mitbürgern nicht in allen GemeindenUnterfrankens gut ankommen. Erst dieser Tage habe ich 4 neue Stolpersteine entdeckt: Mutter, Vater, Sohn und Tochter. Die Tochter war keine 20 Jahre alt. Diese unmenschliche Vernichtung von ca. 5,5 Mio. Mitbürgern war und ist eine Schande für Deutschland. Und so was nennt sich (oder wird genannt) das Volk der Dichter und Denker. Dieses hirnlose Verbrechen hat "die Deutschen" zum großen Teil für alle Zeiten zu einem Volk der Barbaren gemacht. So nannten uns schon die Römer, als sie seinerzeit den Limes bauten. Der liebe Gott -der kann das als Einziger- (wo war der eigentlich damals ? ) möge bitte dauerhaft verhindern, dass diese braunen Menschenfeinde jemals wiederkommen. Mit friedliebenden Grüssen. |
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