publiziert: 24.07.2012 19:21 Uhr
aktualisiert: 24.07.2012 19:42 Uhr
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Schrift vergrößern Text    Schrift verkleinern Text MÜNCHEN/HANNOVER
Urbane Gärtner beeinflussen die städtische Raumentwicklung

„Es geht ums schlichte Tun“

Ein Gespenst gehe um in Europa, sagt Martin Rasper und versucht, ein Phänomen zu beschreiben, das inzwischen auch in Deutschland Fuß gefasst hat: der neue urbane Gärtner. „Aufgetaucht aus dem Nichts, hat er in kürzester Zeit die Städte erobert“, sagt der studierte Geologe und Journalist.

Dabei sei das Gärtnern im Grunde ja nicht neu – im Gegenteil: „Eigentlich ist es sogar eher konservativ. Aber dass es nun subversive Aspekte bekommt, das ist neu.“ Die urbane Gartenbewegung wolle Bestehendes infrage stellen: den Widerspruch zwischen Stadt und Land, den enormen Ressourcenverbrauch und die Arbeitsteilung im Alltag. „Viele Menschen fühlen sich damit zunehmend unwohl“, glaubt Rasper.

Für sein Buch „Vom Gärtnern in der Stadt“ beobachtete und analysierte der Münchner die deutschen Ausprägung der Bewegung. „Das Neue daran ist die Vielfalt der Ansätze“, sagt er. So gebe es nicht mehr nur Schrebergärten und Blumenkästen, sondern beispielsweise Hochbeete aus Kunststoffkisten, Selbsternteprojekte, Gemeinschafts- und Interkulturelle Gärten. Die Orte sind seiner Erfahrung nach dabei genauso unterschiedlich wie die Menschen, die sich beteiligen. Gemein ist ihnen allen aber ein grundlegendes Interesse am Gärtnern, die Lust am Selbermachen und Selbstversorgen: „Die Gärtner wollen wieder einen Bezug dazu bekommen, wie Gemüse wächst.“

Rundumversorgung im Supermarkt

Insofern spiegle die urbane Gärtnerbewegung durchaus eine gesellschaftliche Entwicklung wider: das Wissen, wie existenziell die Versorgung mit Lebensmitteln ist, das durch die Rundumversorgung im Supermarkt abhanden gekommen sei. „Der Beitrag, den Städte zur Versorgung leisten können, wird immer gering bleiben“, sagt Rasper. „Aber die Größenordnung ist nur ein Aspekt der Sache. Es geht um Bewusstseinsveränderung, es geht auch schlicht ums Tun.“ Zwar sei unser Wirtschaftssystem bei allem zerstörerischen Potenzial noch viel zu stark, um auf breiter Front infrage gestellt zu werden. Und es werde auch kein komplettes System geben, dass es plötzlich ersetzt. Aber Rasper ist sicher: „Die vielen neue Ansätze können auf das System rückwirken.“

So hinterlässt die Bewegung bereits erste Spuren – auch in der Wissenschaft. An der Leibniz Universität Hannover nimmt Diplom-Geograph Martin Sondermann das Phänomen „Urban Gardening“ genauer unter die Lupe und beschäftigt sich mit den Auswirkungen auf städtische Raumordnung und Raumentwicklung.

„Urbane Gärten tragen zu einem angenehmen Stadtklima, zur Biodiversität, zur nachhaltigen Lebensmittelproduktion und zur Wahrnehmung und Wertschätzung der Umwelt bei“, so Sondermann. „Darüber hinaus erfüllen sie zahlreiche soziale Funktionen und können sich positiv auf den Aufbau und die Stärkung von Gemein- und Nachbarschaften auswirken.“

Kooperative Raumentwicklung

Außerdem seien urbane Gärten eine Möglichkeit der „kooperativen Raumentwicklung“. „Das heißt, die Städte werden nicht nur von der hoheitlichen Planung gestaltet, sondern gemeinsam mit anderen Akteuren“, erklärt der Geograph. Das setze allerdings Offenheit, Transparenz und vor allem die Bereitschaft zur Kooperation voraus.

Seine Beobachtungen offenbaren auch erste Probleme der Bewegung, zum Beispiel Vandalismus und Platzmangel. „Häufig handelt es sich nur um sogenannte Zwischennutzungen, die nach einer gewissen Zeit wieder anderweitig genutzt werden“, so Sondermann. „Das ist natürlich frustrierend für die Gärtner.“ Auf der anderen Seite sei ein beständiges Engagement notwendig: „Einen Garten dauerhaft zu pflegen und dabei die Gemeinschaft zusammenzuhalten ist nicht immer einfach.“

Von unserem Redaktionsmitglied Regine Beyss
    
    

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