publiziert: 27.01.2012 17:35 Uhr
aktualisiert: 30.01.2012 19:28 Uhr
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Wegen Fernsehen und Essen: Häftlinge im Hungerstreik

72 Gefangene der JVA Würzburg fordern bessere Lebensumstände
  • Weg mit Zusatzgittern! Das fordern JVA-Insassen.
    Foto: Schwarzott
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72 Häftlinge sind am Montag in der Justizvollzugsanstalt Würzburg in den Hungerstreik getreten; 65 von ihnen streiken derzeit immer noch. Dies bestätigte am Freitag auf Anfrage Susanne Quadbeck, stellvertretende Pressesprecherin des Justizministeriums in München.

Nach Darstellung des Justizministeriums geht es den streikenden Häftlingen um bessere Lebensbedingungen. „Sie wollen Kopfkissen statt Kopfkissenkeile; Steppdecken statt Wolldecken; solche Sachen“, sagte Quadbeck. Einen Katalog mit insgesamt fünfzehn Forderungen haben laut Ministerium die Gefangenen der Anstaltsleitung bereits vor zwei Wochen überreicht.

Wie der Leiter der Justizvollzugsanstalt, Robert Hutter, mitteilte, wollen die streikenden Häftlinge außerdem erreichen, dass der Gefängniskaufmann „russisches Essen“ bereithält. Mehrheitlich seien die streikenden Häftlinge nämlich Russlanddeutsche. Ähnlich den türkischen Häftlingen, für die der Gefängniskaufmann Wurst ohne Schweinefleisch bereithalte, wollten die Russlanddeutschen „russische Artikel“ im Gefängnisshop.

„Die Gefangenen beschweren sich auch über die Gitter vor den Zellenfenstern“ sagte Hutter. Gemeint sind allerdings nicht die klassischen Gefängnisgitter, sondern zusätzliche, kleinmaschige Fliegengitter, die die Anstalt vor einigen Jahren hat anbringen lassen. „Bevor die Zusatzgitter da waren, haben die Insassen Essensreste aus dem Fenster geworfen, was Vögel und Ratten anlockte“, so Hutter. Zudem hätten sie „gependelt“ – worunter offenbar zu verstehen ist, dass die Häftlinge durch geöffnete Fenster hindurch Gegenstände von Zelle zu Zelle wandern ließen.

Am meisten erregen sich die streikenden Gefangenen aber offenbar darüber, dass sie nicht mehr – wie längere Zeit üblich – ihre Fernseher von zu Hause mitbringen und im Gefängnis nutzen dürfen. „Da wurden dann halt auch Drogen drin versteckt“, heißt es. Um etwaige Schmuggelware in gebrauchten Fernsehern aufzufinden, leistete sich die JVA Würzburg nach Darstellung des Justizministeriums längere Zeit einen Beamten, der gebrauchte Geräte überprüfte. Dieser Beamte habe jetzt aber eine neue Funktion. „Unsere Insassen können weiter fernsehen. Aber jetzt müssen sie sich entweder für 9,50 Euro im Monat einen Fernseher leihen oder ihn sich neu beim Gefängniskaufmann kaufen“, heißt es aus der JVA. Daran entzünde sich der Ärger.

Laut JVA Würzburg werden jene Häftlinge, die in Hungerstreik getreten sind, „umfassend medizinisch betreut“. Bevor sie am Montag den Hungerstreik begonnen hätten, sei jeder der 72 Gefangenen gewogen worden. Derzeit nehmen Hutter zufolge die streikenden Häftlinge noch „ganz normal“ an den Anstaltsaktivitäten teil, gingen zur Arbeit und zu Freizeitaktivitäten. „Nur eben nicht zum Essen“.

Wie gehen die Behörden mit den streikenden Häftlingen um? „Die Anstaltsleitung lässt sich nicht erpressen“, heißt es aus dem Justizministerium. „Ich werde aber nächste Woche mit den Sprechern der Gefangenenmitverantwortung reden“, sagte Hutter. Dass er auf einige der Forderungen eingehe, sei möglich; nicht eingehen werde er auf Forderungen, die eine Lockerung der Sicherheit zur Folge hätten. „Die kleinmaschigen Gitter etwa sind sicherheitsrelevant.“

Hutter zufolge sind Hungerstreiks in der JVA Würzburg nicht neu. Bereits im vergangenen Sommer seien rund dreißig Gefangene für einige Tage in den Hungerstreik getreten.

Die Justizvollzugsanstalt Würzburg gilt im Prinzip als „Vorzeigeknast“. Das Gebäude am Friedrich-Bergius-Ring im Würzburger Gewerbegebiet wurde erst 1990 fertiggestellt. Die Würzburger Haftanstalt bietet über 600 Haftplätze.

Von unserem Redaktionsmitglied Gisela Rauch
    
    

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»Alle 133 Kommentare anzeigen Die neuesten Kommentare

Jenna (31 Kommentare) am 01.02.2012 09:37

Besser Leben

Wenn die Steppdecken krigen Daunenkopfkissen einen 5 Sterne Koch. Was bekommem dann Menchen die erhrlich sinde einen Arschtritt. In anderen Länder schlafen sie auf Liegen oder auf dem Boden ohne Bettzeug und bekommen Abfall zu essen. Die Rückfallquote von Kriminelen ist jetzt schon hoch.

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(0)
spool (50 Kommentare) am 30.01.2012 22:45

Angst

Der ängstlichste Mann in einem Gefängnis ist sein Direktor.

(George Bernard Shaw)
(3)
santscho (2 Kommentare) am 30.01.2012 20:34

Zur Integration der Russlanddeutschen

@denkforum Sie schreiben interessante Beiträge. Eine bitte nur: informieren Sie sich bitte noch besser über die Russlanddeutschen. Diejenigen, die in den so genannten Ghettos wohnen, das sind noch nicht alle Russlanddeutschen. Die Russlanddeutschen sind genau, wie die Deutschen, sehr unterschiedlich.

Bei dem „russischen Essen“ geht bei den Gefangenen übrigens nicht darum, das russische Essen für sie extra zu kochen. Es geht um ein paar Spezialitäten, die Gefangenen im Gefängnisshop für ihr Geld kaufen könnten. Ich denke nicht, dass diese Forderung überdimensioniert ist.
Was die Integration der Russlanddeutschen angeht: Sie integrieren sich im Vergleich zu den meisten Ausländern relativ gut. Die meisten von ihnen sind in Deutschland nicht länger als 20 Jahre. Die, die länger da sind, die sind auch schon größtenteils integriert. Vielleicht noch nicht assimiliert, aber schon integriert. In den nächsten 20 Jahren wird diese Frage bei den Russlanddeutschen weitgehend erledigt. Dazu existieren auch solide Studien. Z.B. Studie „Ungenutzte Potenziale“, über Google leicht zu finden.
Die Russlanddeutschen sind auch nicht viel krimineller als der Durchschnitt der Bevölkerung. Vielleicht ist die Kriminalitätsrate bei den Jugendlichen noch etwas höher als bei den Einheimischen, dafür aber niedriger als bei den Ausländern. Dazu existieren auch schon einige solide Studien. Der hohe Anteil der Russlanddeutschen in manchen Gefängnissen ist dadurch zu erklären, dass sie von der Justiz strenger behandelt werden. Nach einer Studie sogar strenger als die Ausländer.
Manche andere Minderheit ist in Deutschland schon 50 Jahre und schon in dritter Generation. Auch nach weiteren 50 Jahren werden wir uns bei diesen Minderheiten noch mit der Frage der Integration befassen. Das sage ich ohne große Vorwürfe. Dafür gibt es viele Gründe und Erklärungen.
Bei der Diskussion bitte nicht vergessen: nicht jeder, der russisch spricht, auch ein Russlanddeutscher sein muss. Es gibt auch zahlreiche Russischsprachigen, die auf unterschiedlichen Wegen nach Deutschland gekommen sind. Bei denen dürfte es eher Schwierigkeiten geben. Auch in den Gefängnissen machen sie eher die Schwierigkeiten.
(1)
denkforum (283 Kommentare) am 01.02.2012 00:25

Richtig!

Nur meine ich nicht pauschal alle Russlandeeutschen , sondern die inhaftierten, die zu 90 % mit alkohol/-drogenbedingten Delikten einsitzen. Und wer im Alkoholrausch gewalttätig geworden ist oder auf Drogenentzug eine Straftat begeht, um seine Sucht zu finanzieren, ist für mich vor allem krank und nicht per se kriminell! Kranke aber gehören nicht in ein Gefängnis!
(2)
robbse (1 Kommentare) am 30.01.2012 16:46

Diese seltsamen Reflexe

die hier bei solchen Themen auftauchen finde ich wie immer hochgradig amüsant.
Da mit die vollständigen 15 Punkte nicht vorliegen, gehe ich mal kurz auf die ein die im Artikel bekannt wurden:

- Fernseher: Das ist zwischenzeitlich Deutschlandweit leider zum Standard geworden. Die "Sicherheitsbedenken" sind insofern vorgeschoben, als dass es auch andere Lösungen gibt, wie bspw. die Kontrolle durch einen Elektriker/Fernsehmechaniker vor Ort mit Gebühr, die dann vom Insassen/Angehörigen bezahlt wird. Die Mietgeschichte hat für die JVA auch immer den Vorteil, dass "die Übersichtlichkeit" des Haftraums gewahrt bleibt und wenn alle Geräte gleich sind einfacher zu revidieren sind. Nur über einen Anbieter (Kaufmann) den Kauf zu ermöglichen wird die JVA m.E. noch in juristische Schwierigkeiten bringen. Anstaltskaufmänner sind insgesamt auch nicht gerade für ihre "günstigen" Preise bekannt. Und eine letztlich unnötige Monopolisierung in diesem Bereich wird vor der StVK nicht haltbar sein.

- "Essen": Einige Vorredner haben den Punkt (bewusst?) missverstanden. Im Artikel steht eindeutig, dass die Insassen die Artikel beim Kaufmann erwerben wollen. Diese Artikelaufnahme ist immer wieder Thema in JVAs und rührt u.a. daher, dass Anstaltsleitungen die Menge der Artikel aus Sicherheitsgründen begrenzen wollen. Der Kaufmann selbst wird nichts dagegen haben, da er gerade bei solch exotischen Artikeln einen recht hohen Aufpreis nehmen wird.

- Kissen/Decken: Also 2012 noch Kopfkeile und Wolldecken halte ich zumindest für grenzwertig. Das sieht ja sogar das Justizministerium inzwischen so, wenn das Bayern weit geändert werden soll.

- Extra-Gitter: Ist m.W. bereits durch ein OLG entschieden worden, rechtmäßig. Hier auch eindeutig eigenes Verschulden der Insassen.

Insgesamt gilt und das sollten sich hier einige mal merken:

1. Auch Strafgefangenen steht die Menschenwürde uneingeschränkt zu. Hierzu gehört neben der Art der Unterbringung eben sehr eindeutig laut BVerfG die Resozialisierung!
2. Eine JVA wird durch normale Steppdecken und Kopfkissen und eine freiere Auswahl beim Kaufmann kein "Luxushotel". Diese Behauptung ist einfach lächerlich, polemisch und weist eindeutig auf die Kommentatoren selbst zurück.
3. Sollte der Eindruck entstehen ich habe "Mitleid" mit Strafgefangenen, so ist dies zu 99% nicht so. Das eine Prozent hebe ich mir für sehr schwierige Umstände mal auf (unzureichende Mehrfachunterbringung bspw.)
4. Eine Gesellschaft muss sich daran messen lassen, wie sie mit ihren Gefangenen umgeht. (Churchill)
(2)
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