WÜRZBURG

Versöhnung unter dem Nagelkreuz

Feierlicher Gedenkmarsch: Alljährlich überlässt die ökumenische Gemeinschaft in Würzburg nach dem Marsch ihr Nagelkreuz ... Foto: Gideon Zoryiku

Versöhnung ist das große Thema der Würzburger Nagelkreuzgemeinschaft. Wer am Wilhelm-Schwinn-Platz vor der evangelischen Dekanatskirche St. Stephan steht, kann sich dem Wort nicht entziehen. Es folgt einem sprichwörtlich auf Schritt und Tritt – in Form bunter Mosaiksteine, die sich zum Schriftzug „Versöhnung“ in mehreren Sprachen zusammensetzen. Es sind mittlerweile 13 Bodenplatten, die 14. Platte wird Anfang Oktober verlegt.

Initiatorin ist die ökumenische Nagelkreuzgemeinschaft – sie ist ein wichtiger Bestandteil der Versöhnungsarbeit in der größten unterfränkischen Stadt geworden. „Erinnerung bewahren – Versöhnung leben“ lautet ihr Leitgedanke. Jedes Jahr, wenn Würzburg der Zerstörung der Stadt durch die Bomben der Alliierten am 16. März 1945 gedenkt, gehen viele Menschen den Weg der Versöhnung. Für die Nagelkreuzinitiative ist dies das symbolträchtigste Ereignis schlechthin. Seit 2001 lädt sie dazu ein. Nach dem Gedenkmarsch überlässt die ökumenische Gemeinschaft ihr Nagelkreuz immer für ein Jahr einer Würzburger Kirchengemeinde oder einer Einrichtung wie beispielsweise der Justizvollzugsanstalt oder der Bahnhofsmission.

Arbeit im Verborgenen

Das Gedenken an die Zerstörung Würzburgs sei mit der Versöhnungsarbeit der Nagelkreuzinitiative eng verknüpft, erklärt ihre Sprecherin Johanna Falk. Bis 2015 stünden die Nagelkreuzorte schon fest. Doch die meisten Würzburger haben keine Vorstellung von der breit gefächerten Arbeit des Nagelkreuzzentrums. Sie kennen die Initiative nur durch die Gedenkveranstaltungen.

Wie verkraften die Mitglieder, dass ihre Arbeit nicht so viel Resonanz in der breiten Öffentlichkeit findet? „Uns ist das wohl bewusst, aber wir sind nicht frustriert, denn wir haben hoch motivierte Mitglieder, die sich für die gute Sache einbringen“, betont Falk. Für sie und ihre über 40 Mitstreiter und Institutionen läuft die eigentliche Arbeit im Verborgenen. Denn Versöhnung müsse gewissermaßen auch gelernt werden.

„Es ist keine Sache, die man verordnen kann“, sagt sie und zitiert aus der Streitschrift „Empört Euch!“ von Stéphane Hessel: „Die Zukunft gehört der Gewaltlosigkeit und der Versöhnung der Kulturen – davon bin ich überzeugt. Das muss, das wird die nächste Etappe der Menschheit sein.“ Diese Aussage des französischen KZ-Überlebenden, Diplomaten und Lyrikers, daran lässt Falk keinen Zweifel, würden die Mitglieder der Nagelkreuzgemeinschaft blindlings unterschreiben. Schließlich haben sie sich doch einer tiefgehenden und heilenden Versöhnungsarbeit verschrieben. „Friedensarbeit muss im 'Kleinen' beginnen – da möchte ich mitarbeiten“, sagt Roland Dietsch. „Für mich ist das Nagelkreuzzentrum die Möglichkeit, meine Fähigkeiten einzubringen.“

Ökumenische Initiativen

Diakon Rudolf Müller ist davon überzeugt, das Nagelkreuz habe während seines Aufenthalts im Stadtviertel Grombühl einiges bewegt – allerdings nicht unbedingt messbar. Dennoch wären etliche ökumenische Initiativen wohl ohne das Nagelkreuz nicht verwirklicht worden. „Deshalb ist es mir wichtig, die Nagelkreuzinitiative immer wieder im Stadtteil ins Gespräch zu bringen.“

Die Würzburger Gruppe will die Wichtigkeit ihrer Arbeit nicht nur an ihrem Gedenken an Kriegszerstörungen gemessen sehen. Auch Gewalt in zwischenmenschlichen Beziehungen – Missbrauchsfälle, Fremdenhass und Intoleranz – all das müsse thematisiert werden. Kathartisch könne eine Friedensarbeit nur wirken, wenn die Wahrheit zutage gefördert, Täter und Opfer identifiziert, die Verbrechen benannt und, wo geboten, rechtsstaatlich geahndet werden. Erst dann könne mit dem zweiten, noch schwierigeren Prozess der Versöhnungsarbeit begonnen werden.

„Die Versöhnung ist auf dem Weg zum dauerhaften Frieden die einzige Lösung“, sagt Sprecherin Falk. So sieht es auch Gudrun Erhard. „Ich möchte mit der ökumenischen Friedensbewegung miterleben, was für Menschlichkeit möglich ist.“ Für Gesine von Postel ist der Ostergedanke des Neuen Testaments viel zu schön, um ihn sich nur an Ostern bewusst zu machen: „Versöhnung braucht Vergebung – und Vergebung braucht Erinnerung!“ Das mit Leben zu füllen sei eine schöne Aufgabe, die sie im Würzburger Nagelkreuzzentrum gern erfülle.

An die Gründung der Initiative erinnert sich Falk noch genau. Sie war damals in der Leitung der evangelischen Kirchengemeinde Würzburg-Lengfeld aktiv. Als vor 13 Jahren ein paar Würzburger die Idee hatten, ein Nagelkreuzzentrum hier zu etablieren, waren alle begeistert – nur die Lengfelder nicht. „Dazu haben wir keine Kraft“, lautete die Aussage damals. Bewegung kam erst in die Sache, als Pfarrer Claus Deininger zur Dekanatskirche St. Stephan kam. Mit tatkräftiger Unterstützung der evangelischen und katholischen Dekane, Günter Breitenbach und Erhard Kroth, gaben Falk und Deininger den Anstoß für eine Gründung der Gemeinschaft. Im Jahr 2000 bildete sich eine Gruppe gleichgesinnter Christen, die sich für das Ideal der Versöhnung begeisterten. Im darauf folgenden Jahr übergab der Leiter des internationalen Versöhnungszentrums in Coventry der Initiative ihr Nagelkreuz. Die Kirchengemeinde St. Stephan hat die Gruppe unter ihr Dach genommen, dort trifft man sich einmal im Monat im Kapitelsaal.

Nagelkreuzgemeinschaft Würzburg

Weltweit gibt es rund 200 Nagelkreuzzentren – von Südafrika über Israel, Palästina und Indien bis Deutschland; allein hierzulande gibt es 59 Zentren. Der Ursprung der Gemeinschaft liegt aber im englischen Coventry. Im November 1940 überzogen deutsche Flieger die Stadt mit einem Bombenhagel. Ein kleines Kreuz aus Nägeln, die vor der Zerstörung die Deckenbalken der Kathedrale von Coventry zusammenhielten, wurde nach 1945 zum Symbol der Völkerversöhnung. Wie alle Zentren der Nagelkreuzgemeinschaft besitzt auch die Würzburger Gruppe eine Nachbildung des berühmten Nagelkreuzes. Zwei weitere Kreuze stehen in Würzburg im Gedenkraum der Stadt und in der Marienkapelle als Gebetsort der Initiative.

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