WÜRZBURG

„Alle wollen, dass es dieses Kino gibt“

Drei für alle: Von den ehrenamtlichen Mitarbeitern lebt das genossenschaftliche Central-Kino in Würzburg. Dazu gehören (... Foto: Thomas Obermeier

Es vergeht kaum ein Tag, an dem Heidrun Podszus nichts mit dem Programmkino Central zu tun hat. „Wie viele Stunden, das sind, weiß ich nicht“, sagt die 57-Jährige. Sie arbeitet – wie weitere knapp 100 Helfer – ohne Lohn. Nicht zuletzt auf diesem ehrenamtlichen Engagement basiert die ziemlich einmalige Erfolgsgeschichte des Kinos in der ehemaligen Mozartschule in der Stadtmitte. Seit der Eröffnung im November vergangenen Jahres kamen rund 35 000 Besucher, über 180 Filme wurden gezeigt.

Das hätte sich im Dezember 2009 noch keiner vorstellen können. Damals schloss zum Leidwesen vieler Cineasten mit dem Corso das letzte Innenstadtkino. Darauf erfolgte eine Unterschriftenaktion, worauf der städtische Kulturreferent Muchtar Al Ghusain Anschubhilfe leistete und mehrere Versammlungen zur Gründung eines Programmkinos ansetzte.

Die Resonanz mit jeweils mehreren Hundert Interessenten war gewaltig. Auch was das Angebot anging, mit einem Anteil von jeweils mindestens 100 Euro Mitbesitzer eines Kinos zu werden. Denn Al Ghusain hatte deutlich gemacht, dass die Stadt zwar Unterstützung leiste, es aber ein vom Rathaus finanziertes Kommunales Kino nicht geben werde. Stattdessen schlug er ein Genossenschaftsmodell vor. So entstand eine gemeinnützige Genossenschaft als Kinobetreiber, der mittlerweile 475 Genossen mit über 500 Anteilen angehören. Auch das Interesse an freiwilliger unentgeltlicher Mitarbeit war groß.

Heute hält ein Kern mit 25 Ehrenamtlichen im Kassenbereich, zwölf Vorführern, 15 Helfern in der Baugruppe, ebenso vielen Programmverteilern sowie die Programmgruppe den Kinobetrieb mit in der Regel zwei Vorführungen am Tag am Laufen. „Alle haben als gemeinsame Motivation, dass es dieses Kino gibt. Ein Haus, in dem sie Filme sehen können, die die Multiplex-Häuser kaum oder gar nicht zeigen“, weiß Podszus, die Vorsitzende des ebenfalls ehrenamtlich arbeitenden Genossenschaftsvorstandes.

Das Angebot an Autoren-, Arthouse- oder Dokumentarfilmen weiß auch Andrea Möhler zu schätzen. Die „leidenschaftliche Kinogängerin“ arbeitet im Hauptberuf als OP-Schwester an der Uni-Klinik und etwa sechs Mal im Monat im Central an der Kasse. „Das ist zeitaufwendig, eine Schicht dauert in aller Regel von 17.30 bis 23 Uhr.“ Zur Belohnung gibt's ab und zu mal eine Freikarte. Am liebsten für italienische oder skandinavische Filme, die die 44-jährige Würzburgerin gerne guckt.

„Der Nebenjob macht Spaß, auch wenn ich anfangs nicht wusste, was auf mich zukommt.“ Mittlerweile weiß es Möhler. Wenn zum Beispiel einer an die Kasse kommt und fragt, wie denn der Film heißt, der mal vor sieben Jahren im alten Corso gelaufen sei und bei dem eine Frau und ein Mann mitspielten. „Man muss gut informiert sein“, schildert sie lachend diese Anekdote.

„Weniger die Filme als vielmehr die Technik interessieren mich“ erklärt Sebastian Goll seine ehrenamtliche Mitarbeit. Der 26-Jährige ist einer der Filmvorführer und -vorführerinnen, die Peter Göbel ausgebildet hat. Göbel arbeitete hauptberuflich in einem Programmkino, bis er im Ruhestand im Central-Kino eine neue alte Beschäftigung fand. „Ein Glücksfall für uns“, sagt Podszus. Und für Sebastian Goll, der spätestens jede zweite Woche Filmrollen wechselt. „Man darf am Projektor nicht aus der Übung kommen“, sagt der Informatik-Student.

Online-Arbeitsplan

Goll ist altersmäßig eher die Ausnahme, die meisten Mitarbeiter sind im Durchschnitt um die 45 Jahre alt, es sind vor allem Lehrer und Leute, die im sozialen Bereich arbeiten. Damit pro Vorstellung auch immer zwei Leute im Kassenbereich und ein Vorführer da sind, gibt es einen Online-Arbeitsplan, den Franziska Werbe koordiniert. Die Kinoleiterin ist mit einer Dreiviertel-Stelle die einzige hauptamtliche Kraft, die sich das Kino leistet. Sie organisiert auch Mitarbeitertreffen, bei denen sich die vielen Ehrenamtlichen besser kennenlernen und sich über Arbeitsabläufe austauschen. Zwischen 6000 und 7000 Euro kostet der Kinobetrieb im Monat, was über Eintrittsgelder und Sponsoren erwirtschaftet werden muss. Personalkosten fallen dank der freiwilligen Helfer kaum an. Deren große Zahl hat Podszus überrascht, der Zuspruch des Kinos nicht. „In Würzburg gibt es viele Leute, die andere Filme sehen wollen, als die, die in den Großkinos laufen.“ Ihr Engagement war programmiert. Schon als Studentin fürs Lehramt war die gebürtige Berlinerin nebenbei Platzanweiserin, betrieb später selbst Kinos, hat einen Verleih für Arthouse-Filme und arbeitet nebenbei in einem Hamburger Kino mit.

Als sie aus privaten Gründen vor viereinhalb Jahren nach Unterfranken kam und dann das Corso schloss hatte sie mit dem Programmkino eine Mission gefunden. Nicht allein die Zuschauerzahlen würdigen den ehrenamtlichen Einsatz. Beim Wettbewerb für die beste ehrenamtliche kulturelle Initiative des Bayerischen Rundfunks gewann das Central-Kino 2010 den dritten Preis.

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