WÜRZBURG

Auf virtuellem Weg zur Selbsthilfe

Hilfe aus dem Netz: Die Würzburgerin Hildegard Metzger baute das Internetportal „intakt“ mit auf. Ihrer behinderten Toch... Foto: Theresa Müller

Über vier „W“ grübelte Hildegard Metzger, Mutter einer Tochter mit mehrfacher Behinderung, nach – und stürzte sich in die Arbeit mit den drei „W“ des weltweiten Netzes. Seit zehn Jahren kümmert sich inzwischen eine Gruppe Ehrenamtlicher um das Selbsthilfeportal „intakt“, eine Internetplattform für Eltern von Kindern mit Behinderung.

„Warum ich?“, fragte sich Metzger als junge Mutter. Und dann: „Was ist mir eigentlich passiert? Wer ist noch da, dem es so geht? Und wie funktioniert jetzt überhaupt das Leben?“ In Selbsthilfegruppen holte sie sich Rat und Unterstützung. „In Würzburg hatte ich es gut, aber ich fragte mich, wie geht es jungen Eltern in der Rhön oder im Spessart?“

Da kam 2001 ein bayerisches Modellprojekt zu den damals noch neuen Medien gerade recht. In einem Arbeitskreis des Familienbundes der Katholiken in der Diözese, der sich um Familien und Behinderung kümmerte, entstand die Idee mitzumachen. Ein Internetportal sollte Betroffenen Information und den Austausch mit anderen ermöglichen, rund um die Uhr und an jedem Ort in Unterfranken – ein Vorteil, den keine Selbsthilfegruppe bieten kann.

„Wir hatten uns schon früh gefragt, was die neuen Medien für uns tun können“, sagt Metzger. Zu einer Zeit, als das Internet noch in den Kinderschuhen steckte, baute sie 2001 zusammen mit einem Administrator, gefördert über das Modellprojekt, das Internetportal „intakt“ für Eltern mit behinderten Kindern auf. Aus der Selbsthilfearbeit wusste sie, dass Eltern nur zufällig von Stellen erfahren, die ihnen helfen können. Und: Eltern geben sich gegenseitig die wertvollsten Ratschläge. Das Portal bekam deshalb zwei Säulen. Auf der einen Seite stehen Adressen, Informationen zu Gesetzen, Versicherungen, Betreuungs- und Fördermöglichkeiten, medizinischer Versorgung und seelischer Hilfe, Freizeit, Wohnen, Bildung und Arbeit. Auf der anderen Seite steht das Forum für den Austausch der Eltern.

So entstand auch der Name des Portals „intakt“ aus den Elementen In-formation und Kon-takt. „Außerdem soll er den Familien, die nach der Geburt eines Kindes mit Behinderung aus dem Takt geraten, helfen, wieder in Takt zu kommen“, sagt Metzger. Der Bedarf ist offenbar groß. Die Nutzerzahlen stiegen kontinuierlich an. Inzwischen rufen im Schnitt 2000 Menschen täglich die Seite auf. Laut Statistik des Forums gab es in den vergangenen zehn Jahren etwa 29 000 Beiträge zu 5200 Themen. Da geht es um praktische Hilfen für den Alltag wie die Suche nach einem Zahnarzt, der ein Kind unter Vollnarkose behandelt, oder übergreifende Themen wie Schulbildung.

Besonders viel geklickt wird allerdings Emotionales. Das Gedicht zum Tod eines Kindes etwa und die vielen Geschichten, die das Leben schreibt. Im Tagebuch eines Albtraums schilderte beispielsweise ein Vater seine Not von der Diagnose, dass sein Kind mit Behinderung geboren wird bis zur Entscheidung, es trotzdem nicht abtreiben zu lassen. Hildegard Metzger schildert, wie intensiv die anderen Eltern im Forum das Paar unterstützten. „Da spürt man Seele im seelenlosen Internet“, sagt sie.

Längst kümmert sie sich nicht mehr allein um „intakt“. Inzwischen gilt das Angebot bayernweit, finanziert ganz ohne Werbung, gefördert vom Sozialministerium des Freistaats. Ein geschultes Moderatorenteam, ein Fach- und ein Projektbeirat hinterfragen immer wieder, ob das Angebotene Betroffenen wirklich nützt. Sie pflegen Adressen, sorgen für den guten Ton im Forum, steuern Informationen bei. Etwa 15 Menschen, zum größten Teil Frauen, betreuen das Portal intensiv.

„Ein Ehrenamt mit hoher Verantwortung“, sagt Hildegard Metzger. Und das nicht nur wegen des sensiblen Terrains, auf das dieses Portal führt. Das Angebot muss sauber gepflegt werden. „Das Internet ist knallhart“, sagt Metzger. „Wer nichts taugt, ist draußen.“ Die Bedürfnisse der Nutzer ändern sich. Chats sind in Zeiten von Facebook und Co. nicht mehr so gefragt wie vor Jahren. Neue Themen kommen auf. „Im Moment wird alles zur Grundsicherung viel geklickt. Gerade ist das Thema Inklusion im Kommen.“ Für die Ehrenamtlichen ist das alles richtig Arbeit.

Doch für das Team ist es auch ein Gewinn. „Ich weiß, wie wichtig Wegbegleiter sind. Und ich brauche sie immer wieder“, sagt Metzger. „Es ist gut, wenn man so das Gefühl bekommt, die Zügel wieder selbst in die Hand nehmen und selbst durchs Leben reiten zu können.“ Denn Grundsatz des Portals „intakt“ ist die Hilfe zur Selbsthilfe.

Rückblick

  1. Preisträger der Aktion Zeichen setzen geehrt
  2. Aktion Zeichen setzen: Die Freude der Preisträger
  3. Zeichen setzen: Die Welt ein wenig besser gemacht
  4. „So geht Deutschland“
  5. Unzufrieden mit Kitas: Verein gründet "Haus für Kinder"
  6. Flucht: Werbung für Integration auf dem Land
  7. Im Schweinfurter Repair Café werden Dinge repariert statt weggeworfen
  8. Helfen als Selbstverständlichkeit
  9. Bewegung ganz nach Herzenslust
  10. Die Verlockungen der Lok
  11. Das Helfer-Potenzial wachrufen
  12. Dorfleben im Dorfladen
  13. Am Keyboard ein echter Musikprofessor
  14. Kulturtafel: Nahrung für die Seele
  15. Zeichen setzen! Kriterien zur Bewerbung
  16. Die große Freude über einen Besuch
  17. Ein Film für die Initiative Lighthouse
  18. Musik machen und Gutes tun
  19. Mit Leib und Seele Kirchenführer
  20. Gemeinsam Gutes tun macht Spaß
  21. „Sie alle sind stille Helden“
  22. Aktion Zeichen setzen: Preise für 2015 vergeben
  23. Der Seniorenrat redet kräftig mit
  24. Kampfkunst-Team engagiert sich für Gewaltprävention
  25. Helferkreis kümmert sich um Flüchtlinge
  26. Basteln ruft Erinnerungen wach
  27. Gemeinschaftswerk für rasante Ritte
  28. Geschichtsarbeit gegen das Vergessen
  29. Gutes tun übers Netz
  30. Die Älteren sind nicht vergessen
  31. Nabils erste Geburtstagsparty am Main
  32. Lektüre-Liefer-Service für Leser mit Handicap
  33. Bald klappt's auch mit den Herzchen
  34. „Jeder kann etwas für andere tun!“
  35. Einfach eine Umarmung
  36. "Wegschauen geht nicht"
  37. Für die eigene Kommune
  38. Clownnase auch für den Chef
  39. Über die Aktion Zeichen setzen
  40. „Bestätigung unseres Engagements“
  41. „Mich packt das Thema Asyl“
  42. Mehr als 100 „Mentor“-Leselernhelfer betreuen Kinder
  43. Deutschkurs unter Palmen
  44. „Ein enormes Engagement“
  45. Die zusätzliche Oma
  46. Lesen? Aber natürlich!
  47. Busfahren als soziales Erlebnis
  48. Integration mit Fußball
  49. Menschen, die sich für andere engagieren
  50. Futter für kleine Leseratten
Lädt

Zu „Meine Themen“ hinzufügen

anmelden

Zu „Meine Themen“ hinzufügen

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Schlagworte

  • Zeichen setzen
Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte zu sehen.

Kommentar schreiben

Um einen Kommentar zu schreiben melden Sie sich bitte vorher an.



Sie sind noch kein Mitglied auf mainpost.de? Dann jetzt gleich hier registrieren.