aktualisiert: 08.02.2012 10:16 Uhr
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LIMBACH
„Wolfrose“ steckt fest
Eiszeit auf dem Main
Wie dem Frachtschiff bei Limbach geht es über 30 Schiffen auf dem Fluss. Selbst ein Eisbrecher kommt nicht weiter.
Endstation. Am Dienstagmorgen um zehn Uhr liegt die „Angermünde“ festgezurrt im Oberwasser der Schleuse Limbach. In der Fahrrinne hinter ihm schließt sich bei elf Grad Kälte bereits langsam wieder die Eisschicht, die der Eisbrecher in den zugefrorenen Main gebrochen hat. Kapitän Thomas Endrich steht auf der gut geheizten Brücke. Frust steht ihm nicht ins Gesicht geschrieben. Er kann mit der Situation leben. Der Frost setzt der Schifffahrt nun mal Grenzen. Das war schon immer so und wird wohl auch so bleiben. Und an einem bestimmten Punkt heißt es auch für einen Eisbrecher: Nichts geht mehr. „Diesmal kam der Kälteeinbruch nur extrem schnell“, sagt der Chef an Bord des Eisbrechers.
Dabei hat „Angermünde“ nicht einmal vor dem Eis kapituliert. Ihre 600-PS-Maschine wäre durchaus in der Lage, das stellenweise bereits 40 Zentimeter dicke Eis auf dem Main zu durchbrechen. Nur: „Wir würden dabei viel mehr kaputt machen, als es die Sache wert ist“, sagt Kapitän Endrich, der das Schiff mit Christina Schamberger und Uwe Dyroff als Besatzungsmitgliedern seit drei Jahren befehligt. Bei dieser Eisdicke müsste der Motor ständig Volllast laufen. Das sei nicht gut, meint Endrich. Dienstagmorgen um acht war der Eisbrecher in Viereth gestartet. Eine Stunde hat er bis Limbach gebraucht.
Dort wird „Angermünde“ bis auf Weiteres auch bleiben, erklärt Helko Fröhner vom Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) Schweinfurt. Ursprünglich sollte der Eisbrecher, der vergangene Woche im Main-Kanal bei Nürnberg ausgeholfen hatte, die Fahrrinne schiffbar halten, weiter Main abwärts fahren, in Richtung seines Heimathafens Würzburg. „Doch wenn der Eisbrecher jetzt weiterfahren würde, dann würde er die gebrochenen Eisschollen übereinanderschieben“, meint Fröhner. Dies würde Schleusen und Schifffahrt unnötig behindern – wenn es taut.
So habe man beschlossen, „Angermünde“ in Limbach festzumachen, bis die Temperaturen wiedersteigen. Auf dem Main ist die Schifffahrt ohnehin eingestellt, und der Öffnungsbereich der Schleusentore könnten mit eingebauten Unterwasserpropellern, die das Wasser in Bewegung halten, auch ohne Eisbrechereinsatz eisfrei gehalten werden. Eisbrecher würden dann wieder starten, wenn ein Tauwetter einsetzt. „Wenn das Thermometer wenigstens tagsüber wieder über null Grad steigt“, sagt Fröhner, „dann hilft das schon.“ Entscheidend sei jedoch, dass aus Richtung Obermain wärmeres Wasser nachfließt. Erst das werde das Eis zurückweichen lassen. Eine Prognose zu erstellen, wann dies der Fall sein wird, ist derzeit Kaffeesatzleserei. Mindestens eine Woche, schätzt Fröhner, wird die Schifffahrt auf dem Main noch stillstehen.
Ein paar Hundert Meter unterhalb des Eisbrechers hat die „Wolfsrose“ festgemacht. Das 110 Meter lange Frachtschiff ist im Unterwasser der Limbacher Schleuse komplett vom Eis eingeschlossen. Am Sonntagabend hatte es dort festgemacht. Am Montagmorgen musste die Besatzung feststellen, dass an eine Weiterfahrt nicht zu denken war. „Wir hatten keine Chance mehr“, berichtet Szabó Gábor. Der 37-jährige Ungar ist Steuermann an Bord der „Wolfrose“. Mit einem ukrainischen Kollegen hält er die Stellung an Bord. Dabei war das Schiff, das einem Eigner aus Erlenbach am Main (Kreis Miltenberg) gehört, noch lange nicht am Ziel seiner Reise. 1500 Tonnen Soja hatte der Frachter im holländischen Amsterdam geladen. Diese sollen nach Enns, in Österreich an der Donau. Zwölf bis 14 Tage dauert die Fahrt, wenn Rhein, Main und Donau frei befahrbar sind.
Während Gábor in einem Kocher Wasser für einen Pulverkaffee erhitzt, erzählt er, dass er nicht das erste Mal mit einem Schiff festgefroren ist. „Mindestens viermal ist mir das schon passiert“, sagt der Steuermann, „aber das ist kein Problem.“ Mit 15 Jahren hat er erstmals angeheuert, seitdem arbeitet er auf Schiffen. Auf dem Rhein, im französisch-schweizer Grenzgebiet, dauerte die Eis bedingte Zwangspause mal 20 Tage. So lange wird sich das diesmal hoffentlich nicht hinziehen, hofft der Ungar. In „ein bis zwei Wochen“ gehe es wohl weiter. So wie der „Wolfsrose“ ergeht es derzeit weiteren Schiffen. An der Schleuse Limbach sitzt ein zweiter Frachter fest, im Oberwasser in unmittelbarer Nachbarschaft zum Eisbrecher „Angermünde“. Im Zeiler Hafen ist ein drittes Schiff gestrandet. Flussaufwärts, im Bamberger Hafen, machen neun Schiffe Zwangspause, mainabwärts, in Schweinfurt, sind es vier. Insgesamt seien es über 30 Schiffe in seinem Zuständigkeitsbereich – von Bamberg bis Marktheidenfeld – berichtet Helko Fröhner vom WSA Schweinfurt. Alle festsitzenden Schiffe lägen an sicheren Stellen, wo sich die Besatzungen auch versorgen können.
Am Montagmorgen hat der Kapitän der „Wolfrose“ noch probiert, weiterzufahren. Er fuhr vor und zurück, drückte das Schiff mit dem Strahlruder seitwärts – „es war jedoch nichts mehr möglich“, beschreibt Stauermann Gábor den letzten Versuch, doch noch weiterzukommen. Schon am Sonntag, als es auf dem Main noch mehr schlecht als recht vorwärtsging, habe er während der Fahrt „richtige Schläge“ gehört. Es waren die auf dem Wasser schwimmenden Eisplatten, die gegen den Schiffsrumpf schlugen. Sie hätten am Bug die Farbe abplatzen lassen.
An eine Ausbesserung der Schrammen und Schönheitsreparaturen mit frischer Farbe ist während des Dauerfrosts nicht zu denken. Dennoch kann die Besatzung die Zwangspause in Limbach nutzen, um einiges an Bord auf Vordermann zu bringen. So wurden am Montag neue Batterien gebracht – 500 Kilogramm schwere Brummer. Die werden nun getestet. Zudem hat zuletzt ein Aggregat Probleme bereitet. Bei diesem wurden die Filter gewechselt. Solange die „Wolfrose“ im Eis festsitzt, wird der große Zwölf-Zylinder-Schiffsdiesel nur zwei, drei Mal am Tag für jeweils eine halbe Stunde gestartet, um Warmwasser zu erzeugen. Den restlichen Tag sorgt ein kleines Aggregat dafür, dass es in den Kajüten mollig warm bleibt.
Ob Szabó Gábor und sein Kollege weiter zu zweit an Bord bleiben, ist noch unklar. Es könne sein, meint der 37-jährige Ungar, dass der Reeder einen von ihnen einem anderen Schiff zuteilt. Denn: Auf dem Rhein fahren Schiffe derzeit noch problemlos. „Der Rhein friert nicht so schnell zu“, sagt Gábor. Ein Mann wird aber auf jeden Fall auf der „Wolfsrose“ bleiben müssen. Frostwache nennen dies Binnenschiffer und Seeleute.
Dies gilt auch für die „Angermünde“. Auch wenn der Eisbrecher dienstfrei hat, müssen Maschinen, Aggregate und die Elektrik an Bord des im Jahr 1958 gebauten Schiffes gewartet werden, meint Besatzungsmitglied Uwe Dyroff.
ONLINE-TIPP
Mehr Informationen zum Frost, mit Tipps zum richtigen Verhalten in der Kälte und frostig schönen Bildern: www.mainpost.de/zeitgeschehen
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