publiziert: 27.02.2008 17:30 Uhr
aktualisiert: 28.02.2008 10:49 Uhr
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Steinalt in Altenstein

Kreisheimatpfleger Günter Lipp präsentiert sensationelle Archivfunde – Weltweites Echo ist zu erwarten

„Auf solch eine unglaubliche Geschichte stößt man als Heimatpfleger nur einmal!“ Günter Lipp kann man seinen Stolz über das Ergebnis seiner mühsamen Recherchen der vergangenen Wochen anmerken, als er am Mittwochvormittag in Ebern zur Pressekonferenz bittet. Was Lipp anzubieten hat, ist eine Sensation. Ihm ist der Nachweis gelungen, dass der älteste Mann, der archivalisch belegt je auf der Welt gelebt hat, erst in Rabelsdorf und dann in Altenstein wohnte und im Alter von 120 Jahren (!) dort gestorben ist.

  • Repro Beate Lipp
    So hat der Maler Friedrich Rauscher um das Jahr 1800 die Gegend um Altenstein und Rabelsdorf dargestellt. In dieser Zeit wohnte hier Joseph Brunner mit seiner zweiten Frau.
  • FOTO Beate Lipp
    Norbert Kandler (links), der Leiter des Diözesanarchivs Würzburg, und Kreisheimatpfleger Günter Lipp entdecken im Diözesanarchiv Würzburg den Taufeintrag des ältesten Mannes der Welt.
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In einer schriftlichen Handreichung erläutert Lipp den Werdegang seiner Forschungen: Am 16. Februar 1824 feierte man in Ebern mit Kanonenschüssen, Militärmusik, Glockenläuten, einem feierlichen Hochamt und einem zünftigen Festzug das 25-jährige Regierungsjubiläum des bayerischen Königs Maximilian I. Josephs. In den Gasthäusern „Stern“ und „Zum Hirschen“ wurden aus diesem Anlass die 21 ältesten Bürger der Stadt gespeist und von der Schuljugend bedient. Über diese Feierlichkeiten berichtet der Lehrer Johann Georg Greb Mitte des 19. Jahrhunderts auf Seite 495 seiner handschriftlichen, bislang unveröffentlichten Chronik der Stadt Ebern.

Interessant ist ein Zusatz, den Johann Greb hier noch anhängt. Er schreibt: „Der Verfasser als Augenzeuge legt hier noch nieder: dass auch zu dem Festmale (...) die ältesten Eheleute im Gerichtsbezirke, Namens Joseph Brunner von Altenstein geboren, damals 118 Jahre alt, und dessen 2. Frau, auch im Greisenalter, beygeholt worden sind. (...) Nach einiger Unterhaltung der Greise Schlossermeister Rudolph (Anm.: er war 94 Jahre alt) den alten Brunner, so wie sammtliche zum Toaste auf. Der noch geübte Arm Rudolphs konnte mit fester Hand das mit gutem Weine gefüllte Gläschen ergreifen, während Brunner – der als Hirtenjunge aufgewachsen , älter und keinen durch Gewerbe geübten Arm hatte – fröhlich entgegnend mit zwey zitternden Händen sein gefülltes Gläschen aufhob und stehend, mit entblösetem Haupte, auf den Toast sein Gläschen anstutzend mäßig leerte, gleich jedes der Gegenwärtigen tat.“

Soweit der Bericht von Johann Greb, der dann noch angibt, dass Brunner und Rudolph als die ältesten anwesenden Gäste je einen Kronthaler als Geschenk erhielten.

Eine unglaubliche Geschichte. 118 Jahre soll dieser Altensteiner alt geworden sein! Und das in der damaligen Zeit, wo die durchschnittliche Lebenserwartung etwa bei 40 Jahren lag. Heimatpfleger Günter Lipp machte sich Ende vergangenen Jahres an die Arbeit.

Erstes Ziel waren die Kirchenbücher von Altenstein. Aber da gab es gleich Probleme. Die Matrikel lagen nämlich nicht mehr im dortigen Pfarrhaus, sondern inzwischen im Evangelisch-Lutherischen Landeskirchlichen Archiv in Nürnberg. Gemeinsam mit seiner Frau Beate nahm Lipp in Nürnberg die auf Mikrofiche gespeicherten Daten aus Altenstein im wahrsten Sinne des Wortes unter die Lupe. „Wir konnten uns ausrechnen, dass Brunner um 1706 geboren sein musste. Aber zu unserer Enttäuschung fand sich der gesuchte Eintrag in der Taufmatrikel weder bei diesem Jahr noch bei 1705 noch bei 1707“, erinnert sich der Heimatpfleger. Hatte der Chronist Greb also geschwindelt?

Es blieb aber noch eine zweite Möglichkeit: Irgendwann musste dieser Brunner ja nach 1824 gestorben sein. Also sahen die Lipps die Sterbeeinträge durch. Und da wurden sie fündig. Am 19. November 1827 „nachts 1/2 12 Uhr“ ist ein Joseph Brunner in Altenstein gestorben, „mit 120 Jahren, 11 Monaten und 24 Tagen“, wie der damalige evangelische Pfarrer Karlheinz Volkhardt mit extra großer Schrift in der betreffenden Spalte vermerkte. Und unter „Bemerkungen“ fügte der Pfarrer hinzu: „Dieser Grais, welcher ein so außergewöhnliches Alter erreichte, war 1706 d. 26. Nov. zu Trappstadt geboren. Er war ein Sohn Balthasars und Anna Bronner, früher zu Rabendorf (Anm.: Rabelsdorf), später hier ansässig; war dreimal verheurathet und erzeugte mit seiner letzten Frau im 99ten Jahre eine Tochter und genoß in den letzten Jahren seines Lebens durch die Gnade Ihr Koenigl. Majestäten eine jährliche Pension von 109 Gulden als ältester Unterthan des Königreichs.“

Die Leichenpredigt von Pfarrer Volkhardt ging, so es der Geistliche als Randbemerkung in der Matrikel selbst vermerkt, sinnigerweise über die Verse 1. Mos. 25, 7-8. Dort ist zu lesen: „Das ist aber Abrahams Alter, das er erreicht hat: hundertundfünfundsiebzig Jahre. Und Abraham verschied und starb in einem guten Alter, als er alt und lebenssatt war, und wurde zu seinen Vätern versammelt.“

Das waren in der Tat hochinteressante Informationen. Die Geschichte beim Stadtchronisten Greb stimmte also tatsächlich! Allerdings war Joseph Brunner nicht in Altenstein, sondern in Trappstadt geboren, da war Johann Greb offenbar falsch informiert gewesen. Sein Geburtseintrag musste in den Kirchenbüchern von Trappstadt stehen. Aber die waren nicht in Nürnberg...

Kirchenpfleger Michael Böckler aus Trappstadt kennt sich den dortigen Matrikeln bestens aus. Günter Lipp nahm unter Vermittlung von Reinhold Albert (Kreisheimatpfleger Rhön-Grabfeld) Kontakt zu Böckler auf und erhielt die Auskunft, die Kirchenbücher der Gemeinde seien um das Jahr 1985 nach Würzburg in das Diözesanarchiv gebracht worden. Er habe aber Abschriften erstellt. Und seine Nachschau im Computer bestätigte es: Tatsächlich war am 26. November 1706 in Trappstadt ein Josephus Brunner getauft worden! Michael Böckler konnte aus seinen Unterlagen sogar die drei Geschwister und vor allem die Eltern nennen: Balthasar und Anna.

Im Diözesanarchiv Würzburg konnten Günter und Beate Lipp jetzt gezielt das Kirchenbuch von Trappstadt „Taufen von 1680 – 1813“ bestellen. Archivoberrat Dr. Norbert Kandler, der selbst aus Neubrunn im Landkreis Haßberge stammt, war mit dabei, als Lipp den entscheidenden Eintrag fand. Danach wurde am 26. November 1706 ein Sohn des Ehepaares Balthasar und Anna Brunner in Trappstadt auf den Namen Josephus getauft. Taufpate war Josephus Rosendörfer aus Sternberg.

Jetzt war es eindeutig belegt: Joseph Brunner ist am 26. November 1706 in Trappstadt geboren und am 19. November 1827 – genau eine Woche vor seinem 121. Geburtstag – in Altenstein gestorben. Sein Grab war sicher auf dem Platz, wo bis 1922 noch das alte gotische Kirchlein stand. Heutzutage ist dort eine Grünfläche mit einem Kriegerdenkmal.

Und wie stand es mit den Ehefrauen? Chronist Greb in Ebern hatte von einer zweiten Frau, Pfarrer Volkhardt in Altenstein aber von drei Ehefrauen und einer Tochter geschrieben. Weitere Recherchen im evangelischen Landeskirchlichen Archiv in Nürnberg brachten folgendes Ergebnis: der Witwer Joseph Brunner hat am 20. März 1794 – mit damals schon 87 Jahren – eine Anna Eva Keller und am 18. November 1803 – mit dann 96 Jahren und wieder verwitwet – eine Ursula Ritzer geheiratet. Mit Ursula hat Joseph Brunner erst in Rabelsdorf und dann im benachbarten Altenstein gewohnt.

Und tatsächlich fand sich im Archiv auch der Taufeintrag für die Tochter, die Pfarrer Volkhardt im Sterbematrikel erwähnt hatte: Kunigunda Brunner, deren Eltern Joseph Brunner und Ursula, geb. Ritzer aus Leuzendorf sind, ist am 14. Mai 1805 in Altenstein getauft worden. Geboren wurde sie vermutlich am gleichen Tag. Das bedeutet: Joseph Brunner hat mit 98 Jahren noch ein Kind gezeugt! Die Geschichte wurde immer unglaublicher...

Und wie war das mit der jährlichen Pension für den ältesten Untertan des bayerischen Königs? Die Pension konnte frühestens ab 1814 gewährt worden sein, zuvor gehörte Altenstein noch nicht zu Bayern. Das Ehepaar Lipp fuhren ins Hauptstaatsarchiv nach München. Doch angesichts von mehr als 140 „Hofelemosinariaten“ und rund 70 Akten des „Unterstützungsfonds“ hätte es Tage, wenn nicht Wochen bedurft, dies alles durchzusehen. Das war einfach zu viel. So bleibt dieser Recherche-Punkt noch offen.

Warum ist dieser Joseph Brunner aus Altenstein so alt geworden? Günter Lipp findet dafür nur eine Erklärung: „Er war ein medizinisches Phänomen, eine absolute Ausnahme.“ Auch mit seinem letzten Wohnort, dem heutigen Luftkurort Altenstein, dürfte das nichts zu tun gehabt haben, obwohl der damalige Bezirksarzt Dr. Christenn 1861 schrieb, dass Altenstein alljährlich zur Musterung „die schönsten Leute“ liefere.

Außer der Ehren-Einladung nach Ebern in den Gathof „Zum Hirschen“ weiß man kaum etwas aus dem Leben Brunners. Nach dem Eintrag im Sterbebuch war er von Beruf „Wollenspinner“, also Weber. Was leider fehlt, ist die Angabe seiner Hausnummer, sonst könnte man herausfinden, wo die Brunners früher in Altenstein gewohnt haben. Wieviel die vom König gewährte Ehrenpension in Höhe von 109 Gulden wert war, ist aus den Kosten des Festmahls in Ebern erahnen: Für die 56 Gäste und die Musik wurden insgesamt 296 Gulden ausgegeben.

„Meiner Frau und mir wurde erst allmählich das Gewicht dieser Geschichte von Greb bewusst. Wir fragten uns, ob schon jemals ein älterer Mensch gelebt hatte“, erinnert sich Kreisheimatpfleger Günter Lipp. Aber ein Blick ins Internet und in das „Guinnessbuch der Rekorde“ ergab: Noch nie hat es einen Mann mit einer durch Urkunden zu beweisenden längeren Lebenszeit gegeben. Und zwar nicht nur in Bayern, auch nicht in Deutschland oder Europa, sondern in der ganzen Welt! Anders ausgedrückt: Der älteste Mann der Welt kommt aus Franken, aus Trappstadt bzw. Altenstein.

Der „Weltrekord“ aus den Haßbergen wurde von Lipp inzwischen beim Guinnessbuch angemeldet. Der älteste Mensch, der dort bisher dokumentiert ist, war die Französin Jeanne Calment, die am 21. Februar 1875 geboren wurde und am 4. August 1997 gestorben ist. Sie wurde 122 Jahre, fünf Monate und 14 Tage alt, lebte also nur ein knappes halbes Jahr länger als Joseph Brunner.

Brunner aber übertrifft den bisher ältesten Mann Christian Mortensen (115) um mehr als fünf Jahre. Alle sonst behaupteten Altersangaben können hingegen nicht eindeutig durch Urkunden belegt werden. Und so bleibt es dabei, was man sich zum Abschluss nochmals auf der Zunge zergehen lassen sollte: Der älteste Mann, der je auf der Erde gelebt hat, wohnte in Altenstein.

Zur Person

Günter Lipp ist einer von drei Kreisheimatpflegern im Landkreis Haßberge und dort im Osten für die Gemeinden im Bereich des Altlandkreises Ebern zuständig. Der 67-jährige pensionierte Lehrer und Seminarleiter aus Ebern hat das Ehrenamt schon seit 1991 inne und hat seitdem sage und schreibe 357 Beiträge für die Reihe „Heimatkunde aus den Haßbergen“ verfasst. Die Recherche über den ältesten Mann der Welt ist sicherlich sein größter Fang.

 
Von unserem Redaktionsmitglied Klaus Vogt
    
    

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