aktualisiert: 04.08.2011 17:58 Uhr
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HASSFURT
Archivarbeit in Jerusalem
Der Haßfurter Thomas Schindler hilft jüdische Gemeinden aus Mittelfranken neu zu verzeichnen
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Historische Dokumente: Die Archivalien der jüdischen Gemeinde im mittelfränkischen Diespeck.Foto: Archiv -
In Sachen jüdische Geschichte up to date: Bürgermeister Rudi Eck (links) und Landrat Rudolf Handwerker (Zweiter von links) enthüllten erst im März die Erinnerungstafel an die ehemalige Synagoge in Haßfurt und an die Geschichte der Juden in Haßfurt. Die Tafel wurde im Eingangsbereich des Staatlichen Schulamtes Landkreis Haßberge angebracht. Mit im Bild (von rechts): Stadtarchivar Thomas Schindler, Schulamtsdirektorin Ulrike Brech und Wilfried Neubauer, Leiter des Abfallwirtschaftsbetriebs des Landkreises Haßberge.Archiv-Foto: Ulrike Langer
(woh) In den Magazinräumen des Zentralarchivs für die Geschichte des jüdischen Volkes in der Universität Jerusalem werden die Bestände jüdischer Gemeindearchive aus nahezu der gesamten Welt aufbewahrt – so auch die der in den fränkischen Regierungsbezirken einst zahlreichen Israelitischen Kultusgemeinden. Da diese Dokumente aus verschiedenen Archiven stammen, konnte das Archivgut einer Gemeinde über zwei zum Teil verschiedene Bestände verteilt sein. In den vergangenen Jahren hat man damit begonnen, die Archivbestände der deutschen Gemeinden wieder zusammenzuführen und einheitlich zu verzeichnen, heißt es in einer Pressemitteilung.
Aufgrund der ungeheueren Menge des zu bearbeitenden Materials, waren die beiden für die deutschsprachigen Bestände zuständigen Archivarinnen für jede Mithilfe dankbar. Der Haßfurter Stadtarchivar Thomas Schindler begann sich schon vor gut zehn Jahren für diese Aufgabe zu interessieren, als eine Verzeichnung der bayerischen Gemeindearchive unter Beteiligung der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns zur Diskussion stand. Dieses Projekt wurde jedoch nie verwirklicht.
Vollständige Erschließung
In der Zwischenzeit erfolgte die nahezu vollständige Erschließung der Archivalien aus Unter- und Oberfranken durch den Historiker Dr. Stefan Litt, je zur Hälfte finanziert durch die Volkswagenstiftung und das CAHJP (Zentralarchiv für die Geschichte des jüdischen Volkes). Um auch den dritten fränkischen Regierungsbezirk einer kompletten Verzeichnung näherzubringen, bot Schindler jetzt dem Archiv seine freiwillige Mithilfe an.
Schindler, der bereits mehrere ehrenamtliche Arbeitsaufenthalte im Archiv der Zionistischen Weltorganisation absolviert hat, kennt auch das CAHJP seit mehr als 20 Jahren aus der Perspektive des Nutzers. Nun tauschte der Haßfurter seinen Platz im Lesesaal mit einem Schreibtisch in den Büros des „German Department“, wo er nach einer Einweisung durch Archivarin Denise Rein selbstständig arbeitete. Von den mittelfränkischen Archiven waren bisher nur wenige – hauptsächlich die der großen Gemeinden Fürth, Nürnberg und Ansbach – neu verzeichnet.
Schindler bearbeitete im Juni die kleineren Bestände (zwischen zwei und 29 Archivalieneinheiten) der Gemeinden Bechhofen, Berolzheim, Diespeck (siehe Abbildung), Ickelheim, Lehrberg, Lenkersheim, Pahres, Schnodsenbach, Schornweisach, Thalmässing, Treuchtlingen und Welbhausen-Uffenheim.
Der Inhalt des Archivgutes, der teilweise bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts zurückreicht, ermöglicht den Blick auf viele Einzelheiten des einstigen jüdischen Lebens in Mittelfranken. Nicht nur zum inneren Gemeindeleben (insbesondere Kultus-, Finanz- und Schulwesen), sondern auch zur Lage der Gemeinden in ihrer nichtjüdischen Umwelt finden sich zahlreiche Dokumente. So lösten sich mehrere der genannten Gemeinden bereits in den 1870er Jahren aufgrund der nach Abschaffung des Matrikelzwanges (1861) einsetzenden Abwanderung der Juden in größere Städte auf. Neben herkömmlichen Personenstandmitteilungen (Geburten, Trauungen, Todesfälle) finden sich etwa auch 1938/39 gestellte Anträge auf Eintragung der zwangsweise verordneten Zusatznamen „Israel“ und „Sara“.
Thomas Schindler plant schon seinen nächsten Aufenthalt in Jerusalem. Und so wird die Reihe der neu verzeichneten mittelfränkischen Gemeindearchive 2012 wohl um weitere Namen ergänzt werden.
Zentralarchiv für die Geschichte des jüdischen Volkes
Das Zentralarchiv für die Geschichte des jüdischen Volkes (The Central Archives for the History of the Jewish People, CAHJP) auf dem Gelände des Givat Ram Campus der Hebräischen Universität Jerusalem bezeichnet sich auch als „Staatsarchiv der jüdischen Diaspora“. Denn in seinen Magazinräumen werden die Bestände jüdischer Gemeindearchive aus nahezu der gesamten Welt aufbewahrt. Dies gilt auch für die besonders in den fränkischen Regierungsbezirken einst zahlreichen Israelitischen Kultusgemeinden Bayerns. Die bayerischen Archivalien kamen in den 1950er Jahren nach Jerusalem und stammen aus dem einstigen Gesamtarchiv der deutschen Juden in Berlin sowie aus den Registraturen der Gemeinden und Distriktsrabbinate, die unter den Nationalsozialisten beschlagnahmt und an die jeweiligen Staatsarchive abgegeben worden waren. Das Archivgut einer Gemeinde konnte so über zwei verschiedene Bestände verteilt sein, die in unterschiedlicher Form erschlossen waren. In den letzten Jahren hat man damit begonnen, die Archivbestände der deutschen Gemeinden wieder zusammenzuführen und einheitlich zu verzeichnen. Die neuen Verzeichnisse können im Internet unter sites.huji.ac.il/archives eingesehen werden.
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